China: KP gesteht Existenz von Krebsdörfern

24.02.2013 | 18:51 |  Von unserem Korrespondenten FELIX LEE (Die Presse)

In Hunderten von Dörfern ist wegen verpesteter Luft und vergifteten Wassers die Zahl der Krebserkrankungen überdurchschnittlich hoch. Erstmals erkennt das nun das Regime an.

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Peking. „Aizhen Cun“, „Krebsdorf“, ist für die meisten Chinesen schon lange ein Begriff. Allein die KP-Führung vermied es bisher, diesen Namen auszusprechen – zu sehr würde er die Schattenseiten von Chinas Wirtschaftsentwicklung der vergangenen zwei Jahrzehnte offenbaren. Nun hat Chinas Führung die Existenz von solchen Krebsdörfern erstmals zugegeben.

In einem aktuellen Bericht des chinesischen Umweltministeriums heißt es nun wörtlich: „Giftstoffe haben in den vergangenen Jahren unsere Luft verschmutzt, in weiten Teilen des Landes eine Trinkwasserkrise verursacht und in einigen Regionen sogenannte ,Krebsdörfer‘ geschaffen – in diesen Dörfern sind überdurchschnittlich viele Menschen an Krebs erkrankt.“

In dem Papier verspricht das Regime, die giftigsten Unternehmen zu schließen. Betriebe, die besonders massiv zur Umweltverschmutzung beitragen, sollen zudem dazu verpflichtet werden, in eine eigens geschaffene Versicherung einzuzahlen, um die größten Umweltschäden zu beheben. „Das ist eine positive Entwicklung“, sagte Chinas prominentester Umweltaktivist Ma Jun der britischen Zeitung „The Telegraph“. „Früher wurde dieses Thema immer nur heruntergespielt.“

 

Jeder Vierte stirbt an Lungenkrebs

Eines der sogenannten „Krebsdörfer“ ist Dongjin. Gelegen im Nordosten der chinesischen Provinz Jiangsu starben bei gerade einmal 2000 Einwohnern innerhalb weniger Jahre mehr als 100 Dorfbewohner an schwerem Lungen-, Magen- oder Leberkrebs. Dass die hohe Krebsrate im Zusammenhang mit dem nahegelegenen Chemiewerk stehen könnte, bestritten sowohl Lokal- als auch Provinzregierung bisher immer – auch wenn der örtliche Parteisekretär irgendwann die Einwohner dazu aufforderte, jeden Tag eine Lebertablette zu schlucken.

Bereits im Jahr 2009 hat der chinesische Journalist Deng Fei auf Google Map eine Karte mit den am schlimmsten betroffenen Dörfern aufgelistet und über die sozialen Netzwerke im Internet weiterverbreitet. Eine Reihe von weiteren Journalisten und Umweltaktivisten griff das Thema auf und hat die Liste in den vergangenen Jahren ergänzt. Von mindestens 459 „Krebsdörfern“ berichtet inzwischen Umweltaktivist Lee Liu.

Die nationalen Gesundheitsberichte, etwa der von 2009, wiesen zwar darauf hin, dass die Krebsrate im Land in den vergangenen Jahren erheblich gestiegen sei. Seit Beginn der Wirtschaftsreformen vor 30 Jahren habe sich die Anzahl der Erkrankungen fast verfünffacht, heißt es in dem Bericht. Jeder vierte Chinese sterbe inzwischen an Lungenkrebs. Doch einen Zusammenhang mit der massiven Zunahme von Fabriken der Schwer- und Chemieindustrie stellte das Gesundheitsministerium nicht her.

 

Giftstoffe werden verboten

Auch der jüngste Bericht des chinesischen Umweltministeriums gibt keine Auskunft über die genaue Anzahl der „Krebsdörfer“ in China. Immerhin listet das Dokument jedoch 58 Chemikalien auf, die im Rahmen des aktuellen Fünfjahresplans (2011–2015) begrenzt oder künftig ganz verboten werden sollen. Aus gutem Grund: Immer mehr stellt sich heraus, dass die Umweltzerstörungen auch die Wirtschaft und den Staat teuer zu stehen kommen. „Auch Fabriken brauchen sauberes Wasser, aber es gibt kaum mehr welches“, sagt Ökonom Mao Yanhua von der Sun-Yat-Sen-Universität.

Bis 2015 will Chinas Führung ein Kontrollsystem einrichten, um die Umweltschäden durch gefährliche Chemikalien in den Griff zu bekommen. Zugleich weist der Plan darauf hin, dass eine Reihe der in China derzeit noch erlaubten Chemikalien in anderen Ländern längst verboten ist. Dieses Zugeständnis ist bemerkenswert, da das Regime damit auch eigene Versäumnisse einräumt.

Den Menschen in den betroffenen Dörfern ist mit diesen Maßnahmen wenig geholfen. Nicht nur, weil viele von ihnen ohnehin bereits erkrankt sind. Vor allem ist von finanziellen Kompensationen keine Rede. Als Bewohner von Dongjin gegen das nahegelegene Chemiewerk auf Schadenersatz klagten und vom Gericht vor Ort sogar recht bekamen, erhielten sie 70 Yuan, umgerechnet 8,50 Euro. Das reichte nicht einmal für eine Monatsration Lebertabletten.

Auf einen Blick

Krebserkrankungen haben sich in den letzten Jahren zur ersten Todesursache in China entwickelt. Einer von vier Chinesen stirbt statistisch an Krebs. Die Sterberate unter Krebspatienten stieg in den vergangenen 30 Jahren um 80 Prozent. Die hohe Krebsrate steht laut Experten auch im Zusammenhang mit der stark verseuchten Luft und dem verschmutzten Wasser. Peking will nun besonders giftige Substanzen verbieten.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.02.2013)

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17 Kommentare
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. . . mein chinesischer Freund in Hong Kong kauft nur importiertes Obst und Gemüse.


Recherchiert

die Presse überhaupt noch selbst etwas oder schreibt sie nur noch von anderen Medien ab?

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Hauptsache,

wir lassen weiterhin dort billig produzieren, transferieren unsere Technologien dorthin und machen mit diesem Regime weiter alle möglichen Geschäfte.

Re: billig produzieren, transferieren unsere Technologien dorthin ...

Ob's jemand hören will oder nicht, die aktuell einzig absehbare Variante, den Lebensstandard in Europa, und mit kleinen Einschränkungen, USA, Japan, etc. halten zu können.

Die meisten würden sich wundern, in welchen Teilen bereits China drinnen ist. Das Problem sind nicht iPhones, Plastikspielzeug oder Billigleibchen, das Problem sind die Güter und Technik, welche wir tatsächlich zum täglichen Leben (auf heutigem Niveau) benötigen.

Re: Hauptsache,

Ist das nicht zu einfach gedacht?

Um das Geld das ein iPhone wenn in Europa produziert kosten würde kaufts keiner. Die Planung findet eh in Europa und Amerika statt. Nur die Produktion..

Die Produktion haben wir exportiert, äh sie wurde outsourced. Umwelt- und Gesundheitsstandards wie auch Arbeiterrechte wurden aber nicht mittransportiert. Die kommen jetzt langsam.

Ist das jetzt der Fehler der KP? Klar sympathisch sind die Jungs nicht - also mir nicht. Aber ist es wirklich deren Fehler? In meinen Augen wurde durch die Ansiedlung der Industrie erst die Basis für die jetzt stattfindenden Diskussionen in China geschaffen. Bis diese greifen wird es dauern.

Die A-Karte müssen sich von mir in dem Zusammenhang die siedelnden Konzerne gefallen lassen. Die entstandenen Fertigungskomplexe die teils bis zu 500.000 Mitarbeiter an einem Standort beschäftigen wurden ja nicht 1:1 aus der alten Welt übernommen sondern dort erst so in dieser Form designt. Da stand Überlegung dahinter.

Davon abgesehen dass Schutzregelungen jeder Art oft nicht vorhanden waren - wenn vorhanden wurden sie nicht selten per Bestechung umgangen.

Die Entwicklung ist zu begrüssen. Bis China die Standards Europas oder Nordamerikas hat ists aber ein sehr langer Weg.

Re: Re: Hauptsache,

und? dann gibts weniger iphones oder gar keine. millionen tonnen weniger elektroschrott.

Re: Re: Re: Hauptsache,

Elektroschrott an sich is ja nichts schlimmes. Nur wenn der Schrott nach Afrika geschifft wird und dort einfach verbrannt um zu den Rohstoffen zu kommen, ist das nicht so gut.
Man stell sich ein Maschine vor, die ausschließlich mit erneuerbarer Energiebetrieben wird, die die Metalle aus dem Elektroschrott lösen kann. Dann könnte man mit den gewonnen Ressourcen wieder Elektroschrott produzieren. Schont die Umwelt und den Menschen
http://www.elektro-ade.at/handy-entsorgen/

Das ist Kapitalismus ...

... in einem Land, in dem eine Ressource zu billig ist: Der Mensch.

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Kommunismus macht krank.


Re: Kommunismus macht krank.

Kommunismus ist in dem Fall was aussen traditionell draufsteht. Kapitalismus in Reinstkultur das was drin ist.

Re: Kommunismus macht krank.

Muss ein gutes Gefühl sein, auf einer in China gefertigten Tastatur den Antikommunismus zu predigen, Du kleines Gutmenscherl.

Re: Re: Kommunismus macht krank.

das problem am kommunismus ist,dass er nicht funktioniert. in einem kapitaistischen land gäbe es diese zustände nicht. die sind nur im von korruption zerfressenen kommunismus möglich, der damit auch keiner mehr ist. weil das system eben nicht funktioniert.

Re: Re: Kommunismus macht krank.

also meine kommt aus Taiwan - das bessere China

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Re: Re: Re: Kommunismus macht krank.

und die Taiwanesen fertigen alle ihre Tastaturen in ihren Fabriken in mainland china

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"Aus gutem Grund: Immer mehr stellt sich heraus, dass die Umweltzerstörungen auch die Wirtschaft und den Staat teuer zu stehen kommen. „Auch Fabriken brauchen sauberes Wasser, aber es gibt kaum mehr welches“,"

"Den Menschen in den betroffenen Dörfern ist mit diesen Maßnahmen wenig geholfen. Nicht nur, weil viele von ihnen ohnehin bereits erkrankt sind. Vor allem ist von finanziellen Kompensationen keine Rede."

Sagt mal, gehts noch? Ich bin ja kein Moralist, aber was ist denn ein "guter Grund"? Und dass keine Entschädigungen fließen mag zwar nett sein, aber warum wird den "Menschen wenig geholfen"? Weil sie durch das Ausbleiben etwa ihre eigene Gesundheit nicht einmal veraufen können?
Herr Lee, das ist doch nicht ihr Ernst?

Re: "Aus gutem Grund: Immer mehr stellt sich heraus, dass die Umweltzerstörungen auch die Wirtschaft und den Staat teuer zu stehen kommen. „Auch Fabriken brauchen sauberes Wasser, aber es gibt kaum mehr welches“,"

Ehrlich. Was wollen Sie uns mitteilen? Und wenn schon, dann bitte, in verständlicher Form. Danke!

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Titel gekürzt

Weil es in China keine Versicherungen und Anwälte für sowas gibt.

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