USA: Staatsanwälte im Visier der Neonazis

02.04.2013 | 18:29 |  Von unserem Korrespondenten OLIVER GRIMM (Die Presse)

In Texas und Colorado wurden hohe Justizbeamte erschossen, die gegen eine mafiöse Rassistenbande vorgegangen waren. Die Ermittler gehen von einem Rachefeldzug aus.

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Washington. Drei ungeklärte Morde an führenden Vertretern des amerikanischen Justizwesens lassen in den USA eine bange Frage immer lauter werden: Führen gewalttätige Banden von Neonazis und Rassisten einen geheimen Krieg gegen den Staat?

Die rätselhafte Anschlagsserie begann am 31. Jänner auf dem Parkplatz des Gerichtsgebäudes von Kaufman County, einem Bezirk im Umland von Dallas, Texas. Zwei Vermummte erschossen dort den 57-jährigen Staatsanwalt Mark E. Hasse. Die Ermittler fanden später keine einzige Patronenhülse; ein Anzeichen dafür, dass geschulte Killer darauf bedacht waren, keine Spuren zu hinterlassen. Am 19. März traf es Tom Clements, den Direktor der Gefängnisbehörde des Bundesstaats Colorado: Der 58-Jährige wurde auf der Schwelle seiner Haustür erschossen.

Zwei Tage später starb Evan S. Ebel rund 150 Kilometer nördlich von Kaufman County in einer Schießerei mit der texanischen Polizei. Der 28-jährige Ebel, ein erklärter Rassist und Mitglied einer neonazistischen Bande namens Aryan Brotherhood, war auf Bewährung aus einem Gefängnis entlassen worden, für das Clements zuständig war. Und er verwendete beim Gefecht jene Waffe, mit der Clements ermordet worden war.

 

Ursprung in den Rassenunruhen

Der bisher letzte Akt dieser Mordserie fand am Karsamstag statt. Mike McLelland, der Oberstaatsanwalt von Kaufman County, wird mit seiner Frau von Unbekannten in seinem Haus erschossen. Der 65-Jährige, ein Veteran des Irak-Kriegs von 1990/91 und 23 Jahre lang Soldat in der US-Army, hatte die Gefahr kommen sehen und sie im Stil eines texanischen Cowboys abgetan: „Ich bin schneller als jeder andere, weil ich im Grunde genommen ein Soldat bin“, hatte McLelland erst vor zwei Wochen im Interview mit der Nachrichtenagentur Associated Press gesagt. Er trage stets einen Revolver mit sich; selbst dann, wenn er mit seinem Hund Gassi gehe. „Die Leute in meinem Metier werden damit besser umzugehen lernen müssen. Sie werden es nämlich in der Zukunft öfter brauchen“, sagte er damals hinsichtlich seiner Waffe.

McLellands Metier war zuletzt die Verfolgung gewalttätiger Neonazi-Banden, sogenannter Aryan Brotherhoods. Diese „arischen Bruderschaften“ betätigen sich seit Jahrzehnten in mehreren Bundesstaaten im Drogenhandel, der Erpressung und dem Auftragsmord. Ihren Ursprung nahm dieses Phänomen im berüchtigten kalifornischen Gefängnis von San Quentin während der Rassenunruhen der 1960er-Jahre. Damals bildeten rassistische weiße Häftlinge Selbstschutzgruppen, um sich gegen brutale schwarze Gefängnisgangs zur Wehr zu setzen.

Die Neonazi-Gruppen sind äußerst straff und nach dem Vorbild anderer mafiöser Organisationen organisiert. Wer mit der Polizei kooperiert, dem droht der Tod; als Beweis für die Ermordung von Verrätern wird ein abgeschnittener Finger gefordert. In manchen dieser Bruderschaften wird man nur aufgenommen, wenn man zuvor eine Bluttat begangen hat.

Die Aryan Brotherhood of Texas gilt als eine der gefährlichsten dieser Neonazi-Gruppen. Gut 100 Morde und zehn Entführungen werden ihr seit ihrer Gründung in den 1980ern zur Last gelegt. Entsprechend schwer ist es, diese Banden zu zerschlagen. McLelland war jedoch im vergangenen November gemeinsam mit Vertretern anderer Behörden ein großer Schlag gegen die texanische Bruderschaft gelungen. Er konnte dank der Aussagen von Kronzeugen Anklage gegen 34 ihrer Mitglieder erheben: wegen Mordes, Erpressung und zahlreicher anderer Verbrechen.

 

Polizei warnte vor Racheakten

Knapp danach warnten die texanischen Sicherheitsbehörden öffentlich vor Racheakten der Bruderschaft gegen Mitarbeiter der Justizbehörden. Doch vergebens: Staatsanwalt Hasse wurde just an jenem Tag ermordet, an dem zwei Mitglieder der Bruderschaft vor einem Gericht in Houston ihre Schuld eingestanden.

Die ermittelnden Behörden gehen also davon aus, dass die Morde an den beiden Staatsanwälten von derselben verbrecherischen Organisation verübt wurden. Vorerst leben die Staatsanwälte von Texas also in ständiger Sorge um ihr Leben.

Auf einen Blick

30. März: Die Polizei findet die Leichen von Mike McLelland und seiner Frau in ihrem Haus bei Dallas. Als Oberstaatsanwalt hatte er erfolgreich gegen Neonazi-Banden ermittelt.

31. Jänner: Zwei Monate vor McLellands Tod wurde einer seiner Staatsanwälte, Mark Hasse (r.) direkt neben seinem Gerichtsgebäude erschossen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.04.2013)

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