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Fall Mollath: Was ist wahr, was Wahn?

Fall Mollath wahr Wahn
Gustl Mollath / Bild: (c) EPA (PETER KNEFFEL) 

Wird in Deutschland ein harmloser Querulant zu Unrecht in der Psychiatrie festgehalten? Der U-Ausschuss urteilt uneins. So wird ein Ehedrama endgültig zum Politikum.

 (Die Presse)

Berlin. Deutschland steht im Bann einer Justizaffäre. Das Schicksal des Nürnberger Reifenhändlers Gustl Mollath, der einen Steuerfluchtskandal aufdecken wollte und seit fast sieben Jahren in einer psychiatrischen Klinik festsitzt, lässt niemanden kalt. Die Vorstellung, dass Justiz, Banken und Politik sich gegen einen unschuldigen Bürger verschworen hätten, weckt tiefe Ängste – und liefert Zündstoff für den bayerischen Wahlkampf.

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Ein Untersuchungsausschuss im Landtag blieb ohne gemeinsames Fazit. Für die Regierungsparteien CSU und FDP ist die Verschwörungsthese „in sich zusammengebrochen“. Von ihr will auch die Opposition nicht (mehr) reden. Aber sie sieht „zahlreiche und gravierende Fehler“ der Behörden, vermutet ein „Schweige-, Lügen- und Vertuschungskartell“ und fordert den Rücktritt der bayerischen Justizministerin Beate Merk. Lange Zeit stritt die nassforsche CSU-Politikerin jeden juristischen Fehler ab. Vor dem Ausschuss zeigte sie erstmals Mitgefühl für Mollath. Die Juristin zweifelt nun auch an, ob seine Unterbringung noch „verhältnismäßig“ sei. Auch die Staatsanwaltschaft will den Fall neu aufrollen. In Kürze entscheidet das Landgericht Regensburg darüber. An öffentlichem Druck mangelt es nicht, auch Drohbriefe militanter Mollath-Anhänger trudeln ein.

 

Ein Kampf der Leitmedien

All das ist der Erfolg einer Medienkampagne: Das ARD-Magazin „Report Mainz“ und die „Süddeutsche“ schießen scharf gegen Richter und Sachverständige. Der „Spiegel“ kontert und lässt die nüchternen Fakten eher gegen Mollath sprechen. In dieser Causa gibt es nie nur eine Wahrheit, sondern deren immer zwei.

Am Anfang stand eine gescheiterte Ehe. Die Wahrheit von Mollaths Exfrau: Ihr Mann war pleite und sah sich von Feinden umgeben. 2001 schlug, biss und würgte er Petra M. bis zur Bewusstlosigkeit, was sie sich ärztlich attestieren ließ. Als die Vermögensberaterin bei der Hypo Vereinsbank ihn verlässt und nicht mehr finanziell unterstützt, traktiert er sie mit Vorwürfen, sie verschiebe für Kunden Schwarzgeld in die Schweiz. Erst als er sich mit ihrem Bruder prügelt, erstattet sie Anzeige.

Mollath wird wegen Körperverletzung an seiner Frau angeklagt. Er sagt aus, er habe sich „nur gewehrt“ – und deutet selbst an, dass er psychisch krank sei. Doch er verweigert Psychiater, bedrängt weiter seine Frau, bedroht seinen Pflichtverteidiger – und sticht offenbar 129 Autoreifen auf. Die Polizei kommt auf ihn, weil er in einem Brief an einen Betroffenen andere Opfer erwähnt. Zum Teil wurden die Reifen nur leicht angeritzt, was erst während der Fahrt zu schlimmen Unfällen führen kann. Mollath wird 2006 wegen „gefährlichen Wahns“ eingewiesen.

Die Wahrheit im Mollath-Lager sieht anders aus: Das Justizopfer deckte die „größte, dreisteste Schwarzgeldhinterziehung“ auf, und seine Frau war darin verwickelt. Sie bietet ihm erst Schweigegeld an (was ein neuer Zeuge behauptet) und stellt ihn dann als geistesgestört hin. Der Richter Otto Brixner vertuscht den Skandal für die Bank. Mollaths Beweise ignoriert er und hält sie den Steuerfahndern vor. Stattdessen vertraut er auf psychiatrische Gutachter, die den Fall nur aus den Akten kennen. Mollath beteuert bis heute, er habe die Reifen nicht aufgestochen. Ein Oberstaatsanwalt hält den Vorwurf der Gemeingefährlichkeit für „fatal“: Wenn überhaupt, seien die Reifen nur in einem Fall gefährlich manipuliert worden. Dass der Richter das Recht mit Absicht gebeugt hat, lasse sich aber leider nicht beweisen.

 

Steuerfahnder mit leeren Händen

Der spitzeste Pfeil im Köcher der Mollath-Anhänger ist ein Prüfbericht der HVB von 2003. Die Medien, die an ihn gelangten, stürzten sich auf den Satz, dass alles, was an Mollaths Verdacht nachprüfbar war, seine Richtigkeit habe. Die Bank schwächt ab: Nachprüfbar war nur wenig. Frau Mollath hatte Kundendepots zur Konkurrenz verlagert. Für eine Kündigung reichte das nicht, man verglich sich samt Abfindung.

Nun nutzen Steuerfahnder Mollaths Unterlagen. Sie finden, laut Aussage im Ausschuss, nur Kleinkram kleiner Anleger. Von der „größten, dreistesten Schwarzgeldhinterziehung“ bleibt wenig übrig – es sei denn, auch die Fahnder sind Teil der Verschwörung. Mollath orakelt von „Koffern voller Beweise“, die er an den Globalisierungsgegner Jean Ziegler und die Nazi-Jägerin Beate Klarsfeld geschickt habe. Beide wissen von nichts.

Für Wirbel sorgte jüngst, dass seine Klinik die Einweisung verlängerte. Seine Ärzte rechtfertigen sich: Was sollen sie denn tun, wenn ihr Patient jede Zusammenarbeit verweigert? Berliner Experten, von der „Presse“ befragt, hüten sich vor Ferndiagnosen. Nur so viel: Dass sich Mollath so lange weigert, von der Theorie des großen Komplotts zu lassen und sich Ärzten anzuvertrauen, deute sehr wohl auf eine paranoide Schizophrenie hin. Wie auch immer: Mollath bleibt ein sturer Kämpfer für eine Gerechtigkeit, wie er sie versteht. Und das macht ihn in Deutschland zum Volkshelden.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.07.2013)

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  • Der irre Fall des Querulanten Gustl Mollath

    Bild: (c) AP (MARY ALTAFFER) Ein Mann entdeckt ein Geldwäschernetzwerk in einer HVB-Filiale, deckt es auf – und wird in einer geschlossenen Anstalt weggesperrt: Bayern hat einen veritablen Justizskandal.

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20 Kommentare

schade um die Zeit zum Posten .... :-)

Da ist ja von halb wahr bis ganz falsch alles zusammengerührt.
P.S.: die Tante im SPIEGEL (Beate Lakotta) hat Fehler in ihrer Berichterstattung bereits zugeben müssen, sie hatte chronologische "Vorher" und "Nachher" verwechselt. Das sind aber blöderweise Knackpunkte.

Wenn "der Gustl" endlich draußen ist, wird auch der Haupt-Gutachter irgendwie "draußen" sein - und eine Menge Freunderln mit ihm. Es schafft den Richtern und Behörden nämlich keiner, Gutachten völlig frei von Kritik und unhinterfragt hinzunehmen, wenn sie nicht wollen.

Zitat aus dem letzten Gutachten: "Seine neue öffentliche Präsenz BEDEUTET aus forensisch-psychiatrischer Sicht eine massive narzisstische Aufwertung".
*also extrem gefährlich*

Dieselbe narzisstische Expertise gilt natürlich auch für die meisten Schauspieler und Politiker.
WAHR ist:
Wenn "der Gustl" draußen ist, wird es in Deutschland heftige Brösel geben über die STANDARDS von psychiatrischen Gutachten (gleich wie nach den Wormser Prozessen mit ihren entsetzlichen Fehlurteilen). Der deutsche Bundesgerichtshof fordert diese Standards auch ein und kübelt Urteile, die dem nicht entsprechen.

P.P.S.: In Österreich gibt es noch gar keine Standards für psychiatrische Gutachten - daran wird laut Tante Karl gerade gearbeitet. Hier kann jeder Gutachter gutachten wie er will und mit Methoden, die ihm gerade einfallen. Wir sind Steinzeit.
:-)

Reaktion auf Fall Mollath: Justizministerin will Strafrecht reformieren

Na also, geht "schon" los.

http://www.spiegel.de/politik/deutschland/fall-mollath-leutheusser-schnarrenberger-will-strafrecht-reformieren-a-910940.html

Inzwischen suchen sie auch schon andere Gustls in anderen Bundesländern. Nach dem Gustl wird kein Stein auf dem anderen bleiben.


Re: schade um die Zeit zum Posten .... :-)

wobei eins auch klar ist:
hätte er die gebotene halbe mille genommen&der"einvernehmlichen"zugestimmt...

&die unterlagen später anonym an zb.sdz

"Psychiatrische Betreuung"

hat soeben in einer österr. Haftanstalt zum Selbstmord geführt.

Es darf gepostet werden?

einen Fehler einzugestehen schmerzt

die bayrische Seele offenbar mehr als ein Masskrug am Kopf den bayrischen Körper. Dass aber jetzt im Wahlkampf eine Kette von Justizfehlern zu einem politischen Sturkopfgefecht "mia ham Recht" gemacht wird, und Mollath weiter in der Psychiatrie bleibt, dass schlägt dem Fass den Boden aus.
In diese Sturkopfhaltung gehören auch die von Herrn Gaulhofer neuerlich angeführten und oftmals entkräfteten Beweise. Die Bisswunden wurde ein Jahr nach dem Biss attestiert, die Reifen, . . . entkräftet.
Um nicht ins Horn der Verschwörungstheorie zu stossen, was bleibt ? Eine dringende Reform der Richterausbildung, nicht blind jedem Gutachter zu folgen und eine Qualitätskontrolle der psychiatrischen Gutachter, am Besten schon morgen.
Dass der Fall Mollath kein Einzelfall ist konnte man auch dem gestrigen Tagesgespräch im BR entnehmen, wo als Beispiel genannt, alleinstehende Schlaganfallspatienten, als sprachgestört schwachsinnig auf Jahre in der Psychiatrie verschwinden.
Als einzige Freude bleiben mir die vielen sorgenvollen Postings, offenbar im Wissen dass es sich hier um kein rein bayrisches Phänomen handeln könnte.

Viele Probleme

Begonnen hat dieser deutsche Justitzskandal damit, dass ein psychiatrisches Gutachten nur allein auf Grund der geschiedenen Gattin erstellt wurde ohne daß der Sachverständige mit dem Opfer selbst gesprochen hat.

1. Probelm sind also die Gutachten dieser Psychiater.

Und das 2. große Problem ist, dass viele Richter wirklich saudumm sind und selbst den hirnlosesten Sachverständigen und deren Gutachten folgen.

3. Problem: Die Richter und Sachverständigen wollen unter keinen Umständen ihre Fehler zugeben und tun alles daran, ihre bisherigen Entscheidungen zu rechtfertigen. Denen ist völlig egal,ob Unschuldige einsitzen. Wichtig ist denen nur, ihr Gesicht nicht zu verlieren.

Dass Herr Mollath mittlerweile mental etwas angegriffen ist, kann man verstehen.

Nachdem zunächst ein Scheidungskrieg stattfand, er dann von einem Gericht eingewiesen wurde, mit der Behauptung seine Vorwürfe (die sich laut Bankrevision als wahr herausstellten) habe er nur frei erfunden und er halte wahnhaft an ihnen fest, sowie er nun auf Grund dieses skandalösen Fehlurteils jahrelang in der geschlossenen Psychatrie sitzt. Dort befindet er sich jetzt in der kafkaesken Situation, dass er entweder eine psychische Krankheit leugnet (was er seit Jahren tut) und deshalb als nicht therapierbar und nicht einsichtig weggesperrt bleibt, oder eine psychische Krankheit eingesteht und auch weggesperrt bleibt, weil er ja krank ist und deshalb nicht in Freiheit entlassen werden kann. Dr Unterschied besteht nur darun, dass bei zweiterer Möglichkeit all die Politiker, Richter, Schlechtachter und Mollathgegner in Triumphgeheul ausbrechen würden, wie recht sie doch gehabt hätten, dass Mollath psychisch krank sei. Kein Wunder also, dass Mollath sich standhaft weigert.

Herr Gaulhofer sollte bitte auch zur Kenntnis nehmen, dass Mollath vom Vorwurf seine Frau misshandelt zu haben freigesprochen wurde. Eingewiesen wurde er wegen seiner "wahnhaften Zwangsvorstellung" bezüglich der Bankgeschäfte, die sich eben als wahr herausstellten. Seine Ex-Frau hatte zuvor gedroht "Ich weiß notfalls wie ich ihn fertig machen kann" und zeigte die angebliche Misshandlung erst ein Jahr nach der Tat an, ohne einen Beweis vorlegen zu können.

Lobotomie, Elektroschocks, eiskalte Wassergüsse ...

Herr Mollath kann froh sein, dass die Afterwissenschaft "Psychiatrie" nur mehr lebenslang einsperrt.

Ich habe kürzlich ein Interview mit Herrn Mollath gesehen.


Also wenn der geistesgestört ist, dann stecken "die" uns früher oder später alle in die Irrenanstalt.


Sich Psychiatern anvertrauen?!

http://www.gert-postel.de/ Vielleicht noch so einem wie dem werten Herrn Gert Postel?


Wichtig wäre z.B. ...

... ob die Information stimmt, dass Frau Mollath bereits einen Freund hatte, der ihr jetziger Ehemann ist und dessen ehemaliger Trainer der Richter war.
Oder dass die Misshandlungsbestätigung nicht von der Ärztin erstellt wurde, deren Unterschrift darauf steht. Deren Sprechstindenhilfe eine Freundin von Frau Mollath war ...

und, und ...

Im ARD Bericht wurden ja keine Kleinigkeiten behauptet.
Viele Ex- Ehemänner wissen ja inzwischen auch über unsere sexistische und männerfeindliche Justiz bescheid.

Re: Wichtig wäre z.B. ...

richter brixner war trainer,und derdneue"ehemann hat auch ausgesagt,ihn vor dem prozess"getroffen"zu haben;
das misshandlungsgutachten erstellte eine befreundete ärztin monate nach der"tat"-wurde wohl auch nicht gelese(wie d.verteidigungsschrift)...

Dass sich Mollath so lange weigert, von der Theorie des großen Komplotts zu lassen und sich Ärzten anzuvertrauen, deute sehr wohl auf eine paranoide Schizophrenie hin???.....

...also ich verstehe das so, SOLANGE ER AN SEINER VERSION FESTHÄLT UND NICHT DAS GEGENTEIL UNTERSCHREIBT, solange wird er festgehalten und als schizophren eingestuft, weil man ihn ja nicht festhalten könnte, wenn man ihn keine Krankheit andichtet......eigentlich unglaublich, dass es soetwas 2013 in Europa noch gibt! IST DAS NICHT OFFENSICHTLICHE FREIHEITSBERAUBUNG UND STRAFBAR???......(Die Freiheitsberaubung ist in Deutschland eine Straftat nach § 239 StGB. Das geschützte Rechtsgut ist die Freiheit der Person)(Fortbewegungsfreiheit)!
mfg
Wer anderen die Freiheit verweigert, verdient sie nicht für sich selbst! Abraham Lincoln


Re: Dass sich Mollath so lange weigert, von der Theorie des großen Komplotts zu lassen und sich Ärzten anzuvertrauen, deute sehr wohl auf eine paranoide Schizophrenie hin???.....

Das 4. Problem in diesem Justitzskandal, das es auch sonst ganz allgemein in sogenannten Rechtsstaaten gibt ist:

Der Gesetzgeber meint allen Ernstes. alles was er in Gesetze gießt, wäre auch rechtens.

Und auch die Richter meinen, wenn sie die größten Verbrechen begehen, wäre es Recht, wenn nur auf dem Papierl "Urteil" steht.

Wie total Deutschland in Politik und Justiz verludert ist, zeigt dieser Fall Mollath ganz deutlich.

Nur, in Österreich ist es nicht besser. Da wird auch leichtfertig eingesperrt und der Staat kümmert sich einen feuchten Kehrricht um die Sicherheit der Häftlinge.

Erwin Pelzig über den Fall Mollath:

http://www.youtube.com/watch?v=iKCbM1wZ0ZE

War mein Kommentar dem Autor

nicht genehm genug? Aber ich wiederhole mich gerne und schließe mich "Chipmunk" an...Schlecht recherchiert...bekommt man dafür noch Geld?

Re: War mein Kommentar dem Autor

csu&növp=schwesterparteien("amigos")

Von wegen "Mollath-Anhänger"..

Wesen Anhänger Herr Karl Gaulhofer ist, ist bei einen solch schlecht recherchierten, einseitigen und bösartigen "Artikel" leicht zu erraten!
Herr Gaulhofer, Sie sollten sich schämen!

Re: Von wegen "Mollath-Anhänger"..

nähere infos:sdz.de

ungut

... jedenfalls ungut, wenn man ohne Kooperation mit der Psychomafia nicht aus der Klappsmühle herauskommt, dh ohne ein erzwungenes Geständnis.

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