Frauenbeschneidung unter Strafe

02.07.2007 | 18:24 |  Von unserem Korrespondenten KARIM EL-GAWHARY (Die Presse)

Ägypten. Gesundheits- ministerium verbietet Verstümmelungs- praxis. Konservative Scheichs setzen bereits zum Gegenschlag an.

Drucken Versenden AAA
Schriftgröße
Kommentieren

Kairo. Die in Ägypten weitverbreitete Praxis der Frauenbeschneidungen soll künftig verboten und unter Strafe gestellt werden. Das verkündete der ägyptische Gesundheitsminister Hathem Al-Gebali: „Jede Art von Frauenbeschneidung wird nun bestraft“, warnen Offizielle aus dem Gesundheitsministerium in Kairo nun alle Ärzte in öffentlichen und privaten Einrichtungen.

Durch das Dekret des Ministeriums soll eine seit einem Jahrzehnt geltende Gesetzeslücke geschlossen werden, laut der die Beschneidung der Klitoris „auf ärztlichen Rat hin“ erlaubt war. An der Mehrheit der Ägypterinnen – Musliminnen und Christinnen – wird die seit pharaonischen Zeiten bekannte Verstümmelungspraxis bis heute vollzogen.

Dass das Gesundheitsministerium nun das seit Jahren von Frauen- und Menschenrechtsgruppen geforderte Verbot endlich durchsetzen will, ist auch das Ergebnis eines öffentlichen Aufschreis, nachdem vergangene Woche ein 12-jähriges Mädchen in der südägyptischen Provinz Minya während der Operation gestorben war. Die Obduktion ergab, dass das Mädchen an einer Überdosis der Narkosemittel starb.


„Gewalt gegen Kinder“

Ägyptens First Lady Susan Mubarak bezeichnete die Praxis als „körperliche und seelische Gewalt gegen Kinder, die endlich ein Ende haben muss“. Der islamische Großmufti und der Papst der christlichen Kopten des Landes gingen an die Öffentlichkeit und erklärten, dass die Frauenbeschneidung weder im Koran noch in der Bibel irgendwelche Grundlagen habe. „Die Mädchen tragen physischen und psychischen Schaden davon, und das entspricht nicht den islamischen Werten“, schlussfolgert der Mufti des Landes Ali Gumaa in einem Fatwa: „Die Frauenbeschneidung ist ein Angriff auf die Persönlichkeit, und die Täter müssen bestraft werden“, heißt es dort. Der Mufti argumentiert mit einem Hadith, einer Aussage des Propheten Muhammad: „Verletze andere nicht, und verletzte dich nicht selbst“.

Doch einige konservative Scheichs holen bereits zum Gegenschlag aus und führen Aussagen des Propheten an, laut denen dieser die Praxis angeblich gutgeheißen haben soll. „Schneide nicht zu viel weg“, heißt es in einer anderen, allerdings oft als unsicher angesehenen Überlieferung des Propheten.

Es gehe um die Ehre der Frau, führt Scheich Abdel Aleem Ramadan, der Imam einer bekannten Moschee in der Nähe der Pyramiden, das übliche Argument ins Feld. „Wenn es Unfälle bei der Operation gibt, dann heißt das noch lange nicht, dass die Praxis verboten werden muss“, meint Scheich Abdel Tawab Al-Mungy, prominentes Mitglied der islamischen Azhar Universität in Kairo. Er ruft alle Eltern dazu auf, die Meinungen der Regierungsbeamten zu ignorieren und notfalls in den Sudan zu reisen und dort die Operation durchführen zu lassen, „um die Mädchen zu säubern“.

Der ehemalige Dekan der Al-Azhar, Monem Abdel Halim Mahmud, bezeichnete das neue ministerielle Verbot als ein „diktatorisches Dekret“.


Theorie und Praxis

Die Ärztin Muwahib Al-Mouelhy, die schon seit Jahren in der Kairoer „Frauenbeschneidungs-Task-Force“ gegen die Verstümmelung kämpft, sieht die neue Initiative als „positiven Schritt nach vorne“. Es sei richtig, Ärzte, die die Operation durchführen, zu kriminalisieren. Sie warnt aber, dass auch in Zukunft eine große Lücke zwischen den offiziellen Regelungen und der tatsächlichen Praxis klaffen werde, zumal der Brauch zu verbreitet sei. „Schließlich können wir nicht jedem Arzt einen Polizisten zur Seite stellen.“ Ermutigend findet sie aber, dass im religiösen Establishment des Landes ein langsames Umdenken stattfindet.

STATISTIK

96 Prozent der verheirateten Frauen in Ägypten gaben in der letzten landesweiten Gesundheitsumfrage 2005 an, beschnitten zu ein. 68 Prozent erklärten, dass sie auch ihre Tochter beschneiden lassen würden; Tendenz sinkend.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.07.2007)

Testen Sie "Die Presse" 3 Wochen lang gratis: diepresse.com/testabo

Mehr aus dem Web

10 Kommentare
Gast: die wahrheit
04.07.2008 19:55
0

shame on him!

das dieser scheich noch an einer universität lehrt, die angeblich renomiert und fortschrittlich sein soll, ist echt verwunderlich.
ich hätte diesen schon längst hochkant rausgeschmissen und ihm seine titel aberkannt.
und was die beschneidung der lippen angeht:
SEINE würde ich ihm abschneiden lassen, damit er nicht mehr so viel Müll erzählen kann - damit die menschenwürde der moslems gewahrt wird und die Ehre des Islams gerettet werden kann, die solche menschen wie er bewusst und mit ganzem herzen in den dreck zieht.
schande über ihn.

Lesen der Postings...

Wenn ich die Postings lesen vermisse ich eines...WIE KANN ES SEIN, DASS ES DAFUER UEBERHAUPT GESETZE GEBEN MUSS???!!!

Das zeigt wieder, dass diese ganzen islamistischen Staaten in einem anderen Jahrhundert..NEIN..Jahrtausend leben! Aber solange die Peiniger in allen Aemtern hocken..Sagen was die Frauen tun duerfen..(erinnert mich an das Tsunami Unglueck..Ausschnitt im TV als der Hodca eine Gruppe von Frauen und Maedchen erklaerte, dass das alles NUR passiert ist weil sie, also die Frauen, nicht genug beten und in Unkeuschheit leben..!!). Die sind doch alle KRANK!!!

Meiner Meinung gehoert der Islam, wenn er SOLCHE AUSWUECHSE zulaesst, in Europa einfach verboten. DAS NENNE ICH DANN SCHUTZ DER BEVOELKERUNG!!! Und...AUCH meine Meinung. Wenn diese Idioten so leben wollen sollen sie. ABER NICHT bei uns...

Gast: AT
04.07.2007 12:55
0

Sklaverei 2007

Der außenpolitische Druck auf solche Länder ist diesbezüglich, meines Erachtens, viel zu gering. Die diplomatischen Beziehungen zu Ländern, in denen Frauen noch nicht einmal Leibeigene sind, möchte ich in Frage stellen. Blöd nur, daß wir dorthin gerne auf Urlaub fahren und deren Öl brauchen.

Gast: Unwiesender
03.07.2007 10:24
0

Islam

Warum wird die Beschneidung der Frauen bei den Islamisten "durchgeführt"? Schreibt der Koran eine Minderwertigkeit der Frauen vor, so wie einige sexistische Äußerungen in der Bibel oder fehlt hier einfach nur Bildung? Bitte um Antwort - Danke!

Antworten Gast: AT
04.07.2007 12:34
0

Re: Islam

Quatsch! DEr Koran ist sehr unverständlich geschrieben, sodaß selbst Insider Mühe haben ihn verstehen. Dies läßt nun einen großen Spielraum für primitive machtgierige Patriarchen zu die den Koran für ihre Zwecke auslegen.

Gast: tc_t
03.07.2007 08:07
0

ensetzlich

das ist nicht mittelalter - das ist barbarei - unter dem deckmäntelchen der religion. übrigens, wer weiss was in unseren landen so alles vor sich geht und was "ärzte" so alles machen - geld macht vieles möglich!

MAN...

..sieht wieder, dass der Islam noch im Mittelalter steckt. Und das wird auch so bleiben, solange der Großteil der islamischen Bevölkerung derartige Bildungsmängel aufweist.
Allerdings ist Bildung nicht alles, wie könnte man sonst erklären, das hoch gebildete Menschen den Islam oder das NT ernst nehmen (wobei am NT wenigsten moralisch nichts auszusetzen ist).

Gast: europa
02.07.2007 21:08
1

Rituelle Beschneidung in Österreich

bei (kleinen) Buben aus islamischen Familien gibt's übrigens in österreichischen Spitälern gratis auf Krankenschein. In solchen Fällen hakeln die zuständigen Ärzte auf der dazugehörenden Operations-Erklärung einfach die Option "medizinisch notwendig" an und die Sache ist erledigt. Der betroffene Patient wird ebenso wenig gefragt wie die Steuerzahler nicht gefragt: Beschneidung made in Austria. Also wozu kritisch in islamische Staaten blicken?

Re: Rituelle Beschneidung in Österreich

Oh Mann: Die Circumzission ist nun wirklich was völlig anderes als die Frauen"beschneidung"!

Re: Rituelle Beschneidung in Österreich

@gast: Ihnen ist aber schon klar, dass es medizinisch (und psychisch) einen Unterschied macht, ob ein Stückchen Haut weggeschnitten wird (=Beschneidung bei männlichen Kindern), oder ein Teil des gesamten Geschlechtsorgans, wobei noch die "geringste" Folge der Libidoverlust ist, das geht weiter zu großflächigen Vernarbungen (bei der sehr beliebten Entfernung der inneren und äußeren Schamlippen zusätzlich zur Klitoris), wodurch jeder Geschlechtsverkehr zur blutigen Qual wird und ein Geburtsvorgang sehr oft mit dem Verbluten der Gebärenden endet ......... ich könnte die Liste des Grauens hier noch lange fortsetzen. Falls den Männern aber immer noch die nötige Vorstellungskraft fehlen sollte: die Klitoris ist nichts anderes als ein Penis in Miniatur - als einfach wegschneiden, oder wie?????

Wetter

  • Aktuelle Werte von
    01:00
    Wien
    11°
    Steiermark
    Oberösterreich
    Tirol
    -3°
    Salzburg
    Burgenland
    11°
    Kärnten
    Vorarlberg
    Niederösterreich
    -3°

Jetzt Panorama-Newsletter abonnieren

Der tägliche Überblick mit den wichtigsten Meldungen zu den Themen Chronik, Wien und Umwelt. Kostenlos.

Newsletter bestellen

Code schwer lesbar? » Neu laden

AnmeldenAnmelden