BOZEN(ag, red). Eine riesige Staubwolke füllte am Freitag das Fischleintal bei Sexten in den italienischen Dolomiten. Erst als sich der Staub unterhalb des Einserkofels legte, wurde klar, was sich dort abgespielt hatte.
Ein zapfenförmiger, großer Felsbrocken ist am Freitag früh vom 2698 Meter hohen Gipfel abgebrochen und in das Tal gestürzt. Den ganzen Tag über kam der Berg nicht zur Ruhe. Geröllmassen donnerten ins Tal, insgesamt rund 60.000 Kubikmeter. Einsatzkräfte berichteten, dass der riesige Fels mit Ausmaßen von 20 Metern Höhe, 30 Meter Breite und 100 Meter Länge auf einem leeren Parkplatz am Fischleinboden zu liegen kam. Dass es keine Toten und Verletzten gab, grenze an ein Wunder, meinten Einsatzkräfte.
Die Staubwolke, die das Fischleintal einhüllte, war kilometerweit zu sehen. Zwei deutsche Touristen erklärten: „Die Szene glich dem Einsturz der Twin Towers in New York.“ Auf etwa zwei Kilometer Länge haben sich die Staubmassen ausgebreitet. Im Tal lag der Staub zehn Zentimeter hoch. Da die gewaltige Steinlawine über mehrere Wanderwege hinwegdonnerte, vermuteten die Einsatzleiter anfangs etliche Tote und Verletzte. Mit Wärmebildkameras suchten Helikopter mehrere Stunden lang das betroffene Gebiet nach Verletzten ab. Laut Einsatzleiter Christoph Pfeifhofer gibt es „zu 99 Prozent“ keine Vermissten. Ein Großaufgebot von 150 Einsatzkräften war vor Ort.
Franz Tschurtschenthaler, Wirt der Fischleinbodenhütte, war Augenzeuge des Ereignisses und berichtete, dass er um neun Uhr morgens „Nebel“ beobachtete und sich darüber gewundert habe. „Bei einem so schönen Tag und strahlend blauem Himmel.“ Mit dem Fernglas habe er dann immer wieder kleinere Steinabbrüche beobachtet. „Gegen zehn Uhr hat es dann einen großen Tuscher gemacht“, sagte der Hüttenwirt.
Dass es keine Toten oder Vermissten gibt, ist wohl auch Verdienst des Hüttenwirts. Gästen riet er, von seiner Hütte nicht weiter ins Tal zu wandern. Außerdem informierte er die Bergrettung, sodass bis zu Mittag etwa 30 Wanderer das Gebiet unverletzt verlassen konnten. „Sie waren schneeweiß vom vielen Staub“, berichtete der 54-Jährige, dessen Hütte sich etwa zwei Kilometer Luftlinie vom Berggipfel entfernt befindet.
Tauendes Eis sprengt Gestein
Für Experten ist der Grund des Auseinanderbrechens der Berge die Klimaerwärmung. Extreme Temperaturschwankungen setzen dem porösen Gestein der Dolomiten zu. „Ab einer Höhe von 2200 Metern sind alle Felsklüfte mit Eis gefüllt“, erklärt der Geologe Volkmar Mair. „Da die Null-Grad-Grenze aber immer weiter nach oben klettert, entsteht hier ein Wechsel zwischen Frost und Tau.“ Eis taue auf und sprenge das Gestein. „Dadurch werden ganze Hänge instabil“, erklärt Mair. Unternehmen könne man dagegen kaum etwas. Man müsse die Berge im Auge behalten und bei Bedarf Wanderwege sperren.
Der Einserkofel gehört gemeinsam mit dem Neuner, Zehner, Elferkofl und Zwölfer zur Sextner Sonnenuhr.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.10.2007)