Palma/Madrid (now). Nach der Homoehe und der Entschädigung der Franco-Opfer ist in Spanien plötzlich ein weiteres Thema zur politischen Tagesdebatte geworden: die Abtreibung. Begonnen hat die Diskussion mit der Festnahme des Personals einer Klinik in Barcelona im November, wenig später folgten weitere Inhaftierungen und die Schließung einer Klinik in Madrid. 40 Frauen müssen sich allein in Barcelona für Schwangerschaftsabbrüche verantworten, die teils fünf Jahre zurückliegen. Im Jänner wollen alle Kliniken streiken.
Den Stein ins Rollen brachte eine dänische TV-Sendung über zweifelhafte Abtreibungspraktiken in Spanien. Demnach werden offenbar in vielen Kliniken Abbrüche noch im fünften, siebten und sogar neunten Monat vorgenommen. Psychologen werden geschmiert, damit sie falsche Indikationen feststellen. Frauenverbände fordern nun eine Novelle des 22 Jahre alten Abtreibungsrechts. Die regierenden Sozialisten (PSOE) erwägen, das Thema in den Wahlkampf für März 2008 aufzunehmen. Premier Zapatero hat dem jedoch eine Absage erteilt: Die PSOE will die politische Mitte gewinnen und mit dem Streitthema den Konservativen keine Wähler in die Arme treiben.
EU-weit im Spitzenfeld
Tatsächlich ist die Gesetzgebung in Spanien lax: Die Indikationsregelung sieht straffreie Abbrüche bei Vergewaltigung der Mutter oder Missbildung des Fötus bis zur 22. Woche vor. Bei „Gefahr für die körperliche oder seelische Gesundheit der Mutter“ sind Abbrüche bis vor der Geburt straffrei – eine dehnbare und offenbar massiv missbrauchte Definition. Die Zahl der Abtreibungen unter jungen Frauen hat sich im vergangenen Jahrzehnt verdoppelt. EU-weit liegt Spanien mit 90.000 Abtreibungen pro Jahr nach Frankreich (210.000) und Großbritannien (200.000) an der Spitze.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.12.2007)

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