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Zur "Erlebnispädagogik" nach Sibirien

17.01.2008 | 22:46 |  Von unserem Korrespondenten JENS HARTMANN (Die Presse)

Ungewöhnliche Maßnahmen im Kampf gegen Jugendkriminalität: Schwer erziehbare Deutsche werden zu "Besserungsprogrammen" in ferne Länder geschickt.

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SEDELNIKOWO. Dreimal treten, dann tuckert der Zylinder des Motorrads. Basti (10) klammert sich an seinen russischen Freund Andrej, um nicht aus dem Sattel zu fliegen, als das Teil über die „Straße des 40. Jahrestags der Oktoberrevolution“ holpert. „Alter, gib Gas“, brüllt Basti. Gebremst wird mit den Schuhen.Derweil lehnt Marc an einem grünen Holztor und zieht an seiner Zigarette Marke „Peter I.“. Eine Schachtel hat der 13-Jährige schon bis zum frühen Nachmittag gepafft. Bis Abend sind's wohl zwei.

Marc und Basti sind Burschen, die in Deutschland Vollgas gaben und selten bremsten. 180 Straftaten werden Marc zur Last gelegt, von geklauten Mopeds bis zum Autodiebstahl. Er organisierte den Stoff für seine heroinsüchtigen Eltern. Dann bekam das Jugendamt den Blondschopf in die Hand. Es folgten Heime, Psychiatrie, Alkohol – und immer wieder Flucht.

Basti, ein frecher Bub mit Segelohren, hat das, was mit ihm geschah, im Unterbewusstsein vergraben. Als Kleinkind wurde er geprügelt, später lebte er drei Jahre auf der Straße, wurde wohl missbraucht, bis man ihn aufgriff. Seine Wut ist unkontrolliert, Gewalt ist für ihn ein Kommunikationsmittel.

Ihre Odyssee durch die Sozialeinrichtungen hat die zwei nach Sibirien gebracht. Im Fachjargon heißt jener Verschub gewalttätiger Jugendlicher zur Besserung ins Ausland „Erlebnispädagogik“. Die Teilnahme ist freiwillig, die Kosten betragen gut 55.000 Euro. Das ist etwa so teuer wie ein Platz im Jugendgefängnis, aber billiger als ein Heim, die Psychiatrie, reihenweise zu Schrott gefahrene Autos oder die Folgen von Überfällen.


Mitten im Nichts

55.000 € sind aber auch 130 Jahreslöhne in Sedelnikowo. Das ist das, was die Jungs, die auf Russisch fluchen wie Kesselflicker, „Arsch der Welt“ nennen. Von Frankfurt über Moskau sind's sechs Stunden Flug nach Omsk. Von da fährt ein klappriger Bus, in dem fellbemützte Sibirier sitzen, durch Birkenwälder sieben Stunden gen Norden.

Wo der Sumpf beginnt und die Straße endet, liegt, am Fluss Ui, das Nest Sedelnikowo. Im Winter, der sieben Monate dauert, hat's minus 50 Grad. Im heißen Sommer ist alles voller Mücken. Es gibt keine Handys, dafür aber drei TV-Programme auf Russisch, das Klohäuschen im Hof, und statt Zentralheizung Birkenstämme und Äxte.


„Kein Bock, Arschloch!“

Betreuer Silvio lebt mit Marc in einer Hütte. Den Zaun haben sie blau gestrichen. Drei Monate brauchten sie, um die Bauernkate wohnlich zu gestalten. Täglich tragen Marc und Silvio Machtkämpfe aus. Wer schaufelt den Weg zum Klo frei? Wer hackt Holz? Machen wir Mathe? Und immer Marcs Antwort: „Kein Bock, Arschloch.“

„Ich würde Sibirien nicht mehr machen“, sagt Silvio. „Du schießt dich ins Abseits.“ Der 28-Jährige aus Görlitz war Installateur, bevor er Erzieher wurde und sich für die Taiga entschied. „Wenn die Leute ,Erlebnispädagogik‘ hören, denken sie an Segeltörns in der Karibik. Es ist aber ein Knochenjob.“ Silvio muss Vater, Mutter, Freund und Pädagoge für jemand sein, der aus dem dunklen Reich der Jugendpsychiatrie kommt. Himmel und Hölle sind eng beieinander. Da freuen sich beide über ihre renovierte Hütte und stehen sich fassungslos gegenüber, wenn Marc die Katze stranguliert und ans Tor hängt – um wenige Monate später drei neue Kätzchen zu liebkosen.

Die meisten Einheimischen stehen den Deutschen offen gegenüber. Die deutschen Kinder halten sich mit Untaten zurück. Nur einmal stahl ein „Klient“ den Dienst-Wolga des Landrats. Die Deutschen haben hier Respekt vor der Polizei. Der Besuch eines nahen Straflagers, wo Altersgenossen hinter Stacheldraht leben, lässt böse Pläne schmelzen. „Ich klau nix. Hier hat ja keiner was“, sagt Marc. Dafür gibt's überall Schnaps. Die Sibirier machen Selbstgebrannten, der auch mal 65% hat, und bieten den Deutschen den halben Liter für umgerechnet 90 Cent an. Die trinken aber alkoholfreies Bier – meistens, jedenfalls.


In der Taiga lernt man Demut

„Klar wundere ich mich, dass die ihre Kinder für viel Geld zu uns schicken“, so Dorflehrer Wladimir Sedelnikow. Im Dorf, in dem es kaum Jobs gibt, lebten drei von vier Kindern in Armut, würden aber aufgefangen. Fußball, Tanz, Zeltlager: Es gebe 56 Freizeitgruppen.

Vielleicht, mutmaßt der Lehrer, fänden die deutschen Kinder in Sibirien eine Eigenschaft, die ihnen daheim abhanden gekommen sei: „Wenn man in der Taiga etwas lernen kann, dann ist das Demut.“

HINTERGRUND

In Deutschland, wo die steigende Jugendgewalt Diskussionen schürt, sorgt derzeit für Aufsehen, dass das Jugendamt des Landkreises Gießen (Hessen) einen gewalttätigen 16-Jährigen neun Monate zur Besserung in ein sibirisches Dorf geschickt hat. Er lebt samt Betreuer unter einfachsten Bedingungen in einem „Reiz- und Konsum-armen Umfeld“, muss sich weitgehend selbst versorgen und soll so zu einer Normalität zurückfinden.

Er ist kein Einzelfall: Die Sozial- und Strafgesetzgebung der deutschen Länder sieht solche Verbringungen in relativ isolierte Orte ins Ausland zur Besserung als „erlebnispädagogische Maßnahme“ ausdrücklich vor. Mit hunderten Jugendlichen (2006 waren es etwa 600) wird so verfahren. 2005 gab es dabei Aufregung, weil ein 17-Jähriger mehrere Wochen in Kirgisistan abgängig war. Vor vier Jahren brachte ein 14-Jähriger in Griechenland seinen Betreuer um.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.01.2008)

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17 Kommentare
Gast: urlauber
19.01.2008 21:09
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Erlebnispädagogik

Ich wüßte auch für Schwerverbrecher etwas besseres ,unsere Kohle ist doch zu teuer,also ab ins Berwerk arbeiten,und nicht der Gesellschaft nicht auf der Tasche noch liegen ! Jugndliche werden so nicht besser,das Geld sollte man besser in die Rentenkasse, bei den Krankenkassen oder der Pflegeversicherung ! Die armen Migrantenkinder,beim 5 x vorm Kadi ,ab in das Herkunftland ihrer Eltern,sollen die sich doch mit denen rumärgern !

Gast: Solschenizyn
18.01.2008 07:58
0 0

Ich war auch schon dort.

Anschließend habe ich sogar den Nobelpreis bekommen.

Faktum Est
18.01.2008 06:45
0 0

Schade, daß ich schon zu alt dafür bin...

... würde sonst auch gern einmal ein wenig asozial und für ein halbes Jahr ins Abenteuercamp nach Sibirien.
Seien wir uns ehrlich: für welchen "normalen", ehrlichen Jugendlichen werden EUR 55.000 aufgewendet? Warum bekommen "normale" Jugendliche nicht auch die Chance auf bezahlten Abenteuerurlaub?
Das ganze ist doch eine Belohnung - und keine Strafe.

Kantig
17.01.2008 19:19
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150€ täglich x 3 = 450€ täglich - Wahnsinnskosten!*

Erlebnis in Kälte ohne Reize wäre als Iglo-Frostkammer Arbeiter auch sinnvoll gewesen.

Die Kollegen hätten dem verhaltensgestörten Jungen Kammeradschaft im Betrieb erklärt.

Wer danach keinen sozialen Zusammenhang erkennt ist zu entmündigen und unter Gleichgesinnten zu halten.

Vielleicht abwechselnd arbeitend am Hochofen und in der Kühlkammer - das zeigt Stärke.

*Die Kosten entsprechen einem Aufenthalt auf einem Luxusliner in der Luxisseet. Wer bereichert sich da?

Gast: Comment
17.01.2008 15:46
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Neokolonialismus

Dabei handelt es sich um eine Form des Neokolonialismus: Straftaeter werden in aermere Laender geschickt, weil es dort billiger ist. Und kommt es wieder zu einer Gewalttat, holen die sich dort blutige Koepfe und nicht wir. - Das ist strikt abzulehnen und ein Affront gegenueber aermeren Laendern.

Gast: Don Quichote
17.01.2008 13:04
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Schon seltsam, ...

... welcher Unsinn in den Köpfen der Resozialisierungsheinis entsteht. Was soll dieser teure Schwachsinn auf Kosten des Steuerzahlers? Arbeiten sollen sie, diese Racker und den Schaden wieder gut machen, den sie angerichtet haben. Es gibt genug aufgelassene, unrentabel gewordene Steinbrüche, Bergwerke, verschmutzte Seen und Flüsse etc. etc., wo sie sich nützlich machen können. Und so ganz nebenbei verschlechtert sich - durchaus gewollt - der Ruf der Zielländer ganz erheblich bei den Emigranten und Asylanten. Alle, mit Arbeit nichts am Hut haben, werden dann einen weiten Bogen machen oder gleich zu Hause bleiben.

dresak
17.01.2008 10:22
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Ohne Worte

Da kann man nur sagen, es lebe die Globalisierung mit allen ihren positiven und negativen Nebeneffekten.

Statt nach Sibirien hätte auch 1 Jahr auf der Berghütte am Watzmann gereicht, aber so wird er wenigsten etwas Russisch lernen, und das wird wohl der einzige pädagogische Effekt sein.

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Und warum nicht

auch gleich die Treibhaushysteriker der EU?

Dort hat es jetzt minus 55 Grad C und sie könnten das kalte Klima auf diesem Planeten endlich abseits ihrer gut geheizten Bürö-Gebäude hautnah spüren.

Sie kämen sicher geheilt vom Klima-Wahn zurück.

Noah von der Arche vom Berg der Freude

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Re: Und warum nicht

1. Ihr Kommentar hat nichts mit dem tatsächlichem Thema zu tun.

2. Ihr Argument entbehrt jeglicher Logik. Nur weil es in Sibirien kalt ist, ist es noch lang nicht global kälter geworden. Jedenfalls fehlt hier min. eine Prämisse.


Antworten Antworten Michael
17.01.2008 13:35
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So ist er, der Herr Fischhof

Mit seinen Stammtisch-Argumenten verunsichert er höchstens eine alleinstehende Dame oder einen Alkoholiker, aber den gebildeten Volksschüler schafft er schon nicht mehr.

Schade um die Zeit, sich immer wieder darüber aufzuregen.

Manchmal kommt mir vor, er wäre ein Presse-Angestellter, der immer wieder versucht, Diskussionen anzuregen :-) wer weiss. Jedenfalls hat auch meine Beschwerde über eine Beleidigung seinerseits bei der Presse nichts bewirkt.

Tipp: Einfach ignorieren.

Antworten Antworten Antworten Gast: gast
17.01.2008 18:40
0 0

er

ist ein fettgefressener lehrer und hobby-bauer aus dem dümmsten bundesland. sonst noch fragen?

Gast: N:N
17.01.2008 09:01
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..

Ganz ehrlich: Mittlerweile glaube ich dass unsere Gesellschaft immer depperter wird. Einschließlich der dazupassenden Politiker

Gast: Martin
17.01.2008 08:40
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DIE STRAFTÄTER WERDEN IMMER JÜNGER UND BRUTALER



.
.
EIN BEISPIEL UNTER VIELEN:
.
KÖLNS SCHLIMMSTER GEWOHNHEITSVERBRECHER IST GRAD 14 alt/jung

Ein 14-jähriger Türke aus Köln-Mülheim
führt die Rangliste der Kölner Polizei
über die schlimmsten jugendlichen Gewalttäter an.

Bei den übrigen der Top 10 der jugendl.Verbrecher verschweigt man zwar die Herkunft,
aber ihre Stadtteile sind zumeist die berüchtigten Schwerpunkte multikultureller Bereicherung.

Immerhin wird Polizeisprecher Wolfgang Blades mit einer klaren Aussage zitiert:

„Die meisten kriminellen Jugendlichen sind zwar in Köln geboren, stammen aber aus Migranten-Familien“.

http://www.pi-news.net/2008/01/koelns
-schlimmster-gewohnheitsverbrecher
-ist-14/
http://www.tagesspiegel.de/berlin/Polizei-Justiz
-Polizei;art126,2455800

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ja

also eine schöne idee, all die gewalttätigen in die fremdenlegion, oder einfach in sibirien aussetzen, eine gute und vorallem kostengünstige idee

Und was hat der Betreuer angestellt?

Würde es nicht reichen Kompaß,Karte und Wasserflasche zur Verfügung zu stellen.
Und am Beginn ein kleiner Hinweis: diese Richtung 3000 km

Gast: Beobachter
17.01.2008 06:15
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Am Peloponnes

hab ich zum letzen Mal eine solche vom Deutschen Steuerzahler finanzierte "Jugendgruppe" angetroffen. Resultat bei ihrer Abreise fehlte mein Taschenmesser und mein Biervorrat....

Antworten Lepanto
17.01.2008 11:09
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Re: Am Peloponnes

Richtig.Der Artikel ist ja wieder nur ein blöder Ablenkungsversuch. Weil Sibirien so wie Verbannung und Gulag klingt. In Wahrheit: Wenn sich das Bürschchen dort auch nur eine Frostbeule an der kleinen Zehe holen sollte, steht die deutsche Journaille Kopf. Es handelt sich vielmehr um einen sündhaft teuren Ausflug auf Kosten der Arbeitenden. Der "Betreuer" wird ja auch nicht umsonst sein. Der geht doch nicht für 1.ooo Euro im Monat freiwillig nach Sibieren. - Wenn man wirklich was erreichen wollte, könnte man das billiger und nützlicher haben: sechs Monate Holzhacken im Bayrischen Wald.