BUDAPEST. Als dreijähriger Bub musste er miterleben, wie sich seine Mutter aus dem Fenster stürzte. Mit sechs wurde er von seinem vier Jahre älteren Bruder misshandelt. Als 15-Jähriger nahm er Reißaus und floh aus der Provinz nach Budapest. Die Sehnsucht nach Liebe trieb ihn in die Arme eines Escort-Services. Heute ist er 24, und Callboy. „Es ist typisch für Männer, die an Liebesentzug leiden, dass sie ihr Heil im Sex suchen“, sagt er rückblickend – als Liebesdiener nennt er sich übrigens „Lisa“.
Heute empfängt der Bursch namens „Lisa“ seine Freier ausschließlich zu Hause – feminin geschminkt, mit Perücke und in Reizwäsche. Das war aber nicht immer so. Nachdem er beim Escort-Service als Anfänger nach Strich und Faden ausgenutzt worden war, arbeitete er als Strichjunge im „Volkswäldchen“, einem Park in Budapest. Umgerechnet zehn Euro habe er dort pro Kunde verdient. Das habe nur für das allernötigste zum Leben gereicht.
2000 Euro schwarz im Monat
Heute gibt es unter etwa 40 Euro bei ihm nichts mehr. Sonderwünsche kosten extra. Bisweilen nimmt er mit seinen Kunden auch Drogen, meist Kokain. „Das gehört einfach zum Geschäft“, sagt der Callboy. „Lisa“ verdient jetzt etwa 500.000 Forint (gut 2000 €) im Monat; „alles schwarz“, wie er sagt.
Der Stricher gehört damit noch nicht zu jenen ungarischen Liebesdienern, die ihren Kunden offizielle Rechnungen ausstellen. Um von den (offiziell) rund 20.000 (meist weiblichen) Sexarbeitern im Lande Steuern eintreiben zu können, beschloss das Parlament 2006, die Prostituierten als Gewerbetreibende einzustufen.
Trotz des Versuchs, die Prostitution zu legalisieren und zum Vorschein zu bringen, liegt vieles im Argen. Die Leiterin der Organisation für den „Interessenschutz der Ungarischen Prostituierten“ (MPÉE), Ágnes Földi, streicht vor allem die „völlig absurde Gesetzeslage“ hervor: So dürfen Freudenmädchen und Stricher nur an öffentlichen Plätzen anschaffen, die 300 Meter vom Wohnort eines Mitarbeiters einer diplomatischen Vertretung entfernt seien.
Ungehalten fragt Földi: „Woher zum Teufel soll eine Prostituierte wissen, wo etwa der Gärtner des mongolischen Botschafters arbeitet, um sich 300 Meter von dessen Wohnung entfernt hinzustellen?“
Im Gesetz heißt es ferner, dass Sexarbeiter nur in einer Entfernung von 50 Metern zu Hauptstraßen, 100 Metern zu Bundesstraßen und 300 Metern zu öffentlichen Institutionen auf den Strich gehen dürfen. Wird das nicht eingehalten, müssten die Prostituierten mit Strafen zwischen 40 und 600 Euro oder Freiheitsstrafen von bis zu 60 Tagen rechnen, so Földi.
Besonders sauer ist die MPÉE-Leiterin auf Justiz- und Polizeiminister Albert Takács. Er habe als Vize-Ombudsmann (2001–2007) immer wieder die rechtliche Benachteiligung der Prostituierten betont. Als Minister aber schere er sich nicht mehr um deren Probleme. „Der Ministerstuhl verursacht bei einigen Politikern offenbar eine Verkrümmung des Rückgrats“, meint Földi.
„Demütigungen durch Polizei“
Wegen der „schändlichen gesetzlichen Lage“ und der „seelischen Wunden“, die der Beruf mit sich bringe, will „Melinda“, ein 32-jähriges Callgirl, aussteigen. Es gebe kaum eine Prostituierte, deren Seele nicht angeknackst sei, sagt sie. Und: „Ich will die unmenschlichen Demütigungen von Polizei und Freiern nicht länger ertragen.“
Um auf dem Arbeitsmarkt Fuß fassen zu können, nimmt „Melinda“ an einem Kurs teil, der Prostituierten die Informatik näher bringen soll. Organisiert wird er von der MPÉE, die Finanzierung erfolgt aus EU-Geld. Földi betont, dass es schon 2005 einen erfolgreichen Weiterbildungskurs im Feld „Werbung und Marketing“ gegeben habe. Man will den Prostituierten auch Näh- und Schneiderkurse anbieten, die ebenfalls aus EU-Mitteln finanziert werden. Die Absolventen könnten dann etwa eine Genossenschaft gründen und darin „erotisches Arbeitsgewand“ für ihre Ex-Kolleginnen entwerfen.
Ein Tropfen im Meer
Freilich wissen die Schützer der Prostituierten auch, dass die Fortbildungskurse nur einer kleinen Zahl von Sex-Beschäftigten den Weg in ein neues Leben ebnen können. „Die Kurse sind leider nur ein, zwei Tropfen im Meer.“
Seit 1999 ist in Ungarn Prostitution legal, darf aber nur in genehmigten Zonen ausgeübt werden. Bis jetzt gibt es aber keine legalen Rotlichtviertel, da sich die Bürgermeister dagegen wehren. Der Straßenstrich wird daher in der Praxis zumeist auf illegaler Basis ausgeübt.
Gut 20.000 Prostituierte sind registriert und zahlen Steuern. Die Dunkelziffer liegt wohl bei 100.000.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.01.2008)
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