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Indien: Skandal-Geschäft mit Spendernieren

04.02.2008 | 18:09 |  SASCHA ZASTIRAL UND IRENE ZÖCH (Die Presse)

"Doktor Horror" rekrutierte Organspender in Armenvierteln, um die Nieren teuer an reiche Patienten zu verkaufen.

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DELHI/WIEN. Die Satellitenstadt Gurgaon vor den Toren der indischen Hauptstadt Neu-Delhi steht für das moderne Indien: Shoppingmalls und Bürogebäude der großen IT-Konzerne reihen sich entlang der stark befahrenen Hauptstraße. Doch keine 500 Meter entfernt zeigt sich das andere Indien. Die Bauarbeiter, die immer neue Gebäude in der staubtrockenen Landschaft hochziehen, leben abseits der glitzernden Bürotürme in Wellblechsiedlungen, ohne Fließwasser und sanitäre Anlagen.

In diesen Slums haben mehrere Dutzend Ärzte den Ärmsten der Armen Geld für ihre Organe geboten. Für etwa 850 bis 1700 Euro kauften die Mediziner den Tagelöhnern eine ihrer Nieren ab und implantierten sie wohlhabenden Patienten. Die zahlten dafür bis zu 25.000 Euro. Die Polizei hat eine Liste gefunden, auf der 40 Empfänger der Organe aus Indien, aber auch aus Griechenland, Kanada, den USA und den Vereinigten Arabischen Emiraten standen. 400 bis 500 Nieren sollen die beteiligten Ärzte in den vergangenen neun Jahren illegal transplantiert haben.

Mit ihren Luxusautos fuhren die Ärzte in die Armenviertel und führten direkt vor Ort Bluttests durch. Dass sie ihre Gesundheit ruinieren würden, wenn ihnen eine Niere entnommen wird, verrieten sie den Organspendern nicht. In den Kliniken sorgten attraktive Krankenschwestern dafür, dass die Spender ihre Meinung nicht mehr änderten. Wer trotzdem in letzter Minute abspringen wollte, wurde bedroht. In indischen Medien wird derzeit spekuliert, ob Delhis Top-Chirurgen in den Medizinskandal verwickelt sein könnten. Denn nur sie hätten Zugang zu gut ausgestatteten Operationssälen und könnten rasch genug operieren.


Nur durch Notoperation gerettet

Direkt nachdem der Ring der Organhändler aufgeflogen war – ein Opfer war zur Polizei gegangen – wurden zwei Organspender völlig entkräftet in ein Krankenhaus eingeliefert. Zwei weitere konnten nur durch eine Notoperation gerettet werden.

Der Hauptverdächtige Amit Kumar, dem die indischen Medien den Beinamen „Dr. Horror“ gegeben haben, soll sich nach Kanada abgesetzt haben. Der Arzt wollte sich schon seit längerem mit seiner Familie in Toronto niederlassen. Dort betrieb er auch eine „medizinische Außenstelle“ und vermittelte kanadischen Patienten eine Niere. Interpol fahndet nach dem Mann. Außerdem wurden etliche Personen festgenommen. Mehrere Griechen und Briten, die Nieren kaufen wollten, werden in Indien festgehalten.

Gesundheitsminister Anbumani Ramadoss kündigte an, das Transplantationsgesetz transparenter zu gestalten, Verstöße sollten zukünftig härter bestraft werden. Derzeit müssen alle Transplantationen durch die Regierung abgesegnet werden. Künftig soll außerdem bei jeder geplanten Transplantation untersucht werden, ob die Spender freiwillig ihre Organe hergeben oder ob sie dafür bezahlt worden seien. Doch für viele Opfer des illegalen Organhandels kommen die Gesetzesverschärfungen vermutlich zu spät. Etliche von ihnen dürften an den Folgen der Organentnahme gestorben sein.


Österreich ist gut versorgt

In Österreich, versichert das Bundesinstitut für Gesundheitswesen (ÖBIG), ist der Druck auf Patienten, sich im Ausland eine Niere einpflanzen zu lassen, relativ gering. Durch die Regelung, dass jedem Toten Organe entnommen werden dürfen – außer man hat zu Lebzeiten Widerspruch eingelegt –, ist die Versorgung mit Organen in Österreich im globalen Vergleich sehr gut. 2006 bekamen in den fünf österreichischen Transplantationszentren 431 Patienten eine Niere.

Allerdings standen auch 835 Personen auf der Warteliste. Sechs Prozent erleben die rettende Operation nicht mehr; sie sterben, bevor eine Niere verfügbar ist. Auch so mancher Österreicher würde sich die Wartezeit von durchschnittlich 14 Monaten durch eine Reise ins Ausland, vielleicht sogar Indien, verkürzen, heißt es. Das seien aber nur Einzelfälle.

AUF EINEN BLICK

Der in Indien aufgeflogene Organhändler-Ring hat im Laufe von neun Jahren an die 500 Nieren illegal transplantiert. Gekauft wurden die Organe von armen Tagelöhnern in den Slums von Delhi für bis zu 1700 Euro. Die Organempfänger kamen aus Indien, aber auch aus Kanada, Griechenland und den USA.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.02.2008)

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1 Kommentare
Gast: Beobachter
05.02.2008 01:17
0 0

A oide Gschicht

Der Organhandel in Indien laueft seit Jahrzehnten. Alle paar Jahre kommte ein Journalist und schreibt darueber.

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