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Menschenhandel: Die Sklaven des 21. Jahrhunderts

12.02.2008 | 18:40 |  IRENE ZÖCH (Die Presse)

Weltweit werden pro Jahr 2,5 Millionen Menschen zu Zwangsarbeit und Prostitution angehalten. Die erste internationale Konferenz zum Thema Menschenhandel findet von 13. bis 15. Februar im Austria Center Vienna statt.

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Wien. Dem Aufruf einer Model-Agentur aus dem Westen, die vorgibt, in Moldawien Nachwuchs-Schönheiten zu suchen, sind Dutzende Mädchen nachgekommen. Nach einem kurzen Training in den Mode-Metropolen Europas sollen sie einen Vertrag bekommen und schon bald ins glamouröse Geschäft einsteigen. Das zumindest verspricht die Agentur.

Die Realität, mit der sich die jungen Frauen aber konfrontiert sehen, ist alles andere als glamourös: Einmal im verheißungsvollen Westen angekommen, werden ihnen die Reisepässe abgenommen. Geschlagen, vergewaltigt und bedroht, haben sie keine Chance, sich gegen ihre Peiniger, die sie zur Prostitution zwingen, zu wehren.


Von der Armut genug

Solche Szenarien schildern Betroffene von Menschenhandel aus Moldawien, die dem Horror entkommen sind und ihre Freiheit wiedererlangt haben. Doch ihre Opfer finden skrupellose Menschenhändler nicht nur in Osteuropa, sondern auch in Asien und Afrika. Besonders dort, wo die Not am größten ist, fallen die Versprechungen der Kriminellen auf fruchtbaren Boden. Von der Armut in ihrer Heimat haben die Menschen genug, sie hoffen auf ein besseres Leben in der Fremde.

Weltweit werden nach Angaben der UNO 2,5 Millionen Frauen, Kinder und Männer von Menschenhändlern ausgebeutet. Aus 127 Ländern stammen die Opfer, verkauft werden sie in 137 Länder, darunter auch Österreich.

Die Hotspots und die Routen, über die sie geschleust werden, sind weitgehend bekannt: Menschen aus Osteuropa, Asien, Afrika werden in den Nahen Osten, nach Europa und in die USA verkauft. Ihr Schicksal hängt meist von der Zielregion ab. In Asien schuften sie in Fabriken, in europäischen Ländern und in den USA bedienen sie Freier in den Bordellen.

Die Mehrheit der Opfer sind junge Frauen (77 Prozent aller weltweit registrierten Fälle). Sie werden zur Prostitution (87 Prozent der Fälle) oder zu Arbeit (28 Prozent) gezwungen. Dafür erhalten sie kein Geld oder gerade einmal einen Hungerlohn.


Ein Baby um 14 Euro

Auch Kinder fallen immer wieder Menschenhändlern zum Opfer. Sie werden entweder entführt oder von ihren Eltern verkauft. Diese wissen meist nicht, worauf sie sich da einlassen. Auch die Analphabetin Najrul, eine junge Frau aus dem indischen Bundesstaat Westbengalen hatte keine Ahnung, worauf sie sich einließ, als sie ihr zwei Monate altes Baby für ein paar Scheine einem Mann überließ. Er war ins bitterarme Dorf gekommen und hatte den Familien Geld für ihre Kinder geboten. Den Säugling verkaufte er dann an ein eheloses Paar weiter, für umgerechnet 14 Euro. Sein Handel flog schließlich auf, ihm wird der Prozess gemacht.

Mit der „Wegwerfware Mensch“ ist auf dem globalen Markt einiges zu verdienen: Auf mehr als 30 Milliarden US-Dollar werden die Profite geschätzt. Damit ist der Menschenhandel längst zu einem profitablen Geschäft des internationalen Verbrechens geworden, der mit Drogen- und Waffenhandel auf eine Stufe gestellt werden kann. „Der Aufwand für Menschenhandel ist im Vergleich zum Drogengeschäft relativ gering“, erklärt Kristiina Kangaspunta, die Leiterin des UN-Büros für die Bekämpfung von Menschenhandel, im Gespräch mit der „Presse“.

Menschen könne man immer wieder „verwenden und missbrauchen“, während das „einzige Investment die Reisekosten, gefälschte Dokumente und Bestechungsgelder für Beamte sind“, sagt Kangaspunta. Florieren kann das Geschäft auch deshalb nur so gut, weil Polizisten und Beamte ihre Hand aufhalten.


Organisierte Banden, lose Zellen

Doch wer steckt hinter diesem Milliarden-Geschäft? Jede Sparte von Menschenhandel hat ihre eigenen Tätergruppen. „Bei Kindesentführungen zum Zweck der Prostitution gehen organisierte Gruppen ans Werk. Für Zwangsarbeit im Bausektor braucht man keine streng organisierten Gruppen. Das läuft durch Korruption und aufgrund traditioneller Gesellschaften, die das seit Jahrhunderten akzeptieren“, sagt Doris Buddenberg von UN.GIFT, einer Initiative der Vereinten Nationen zur Bekämpfung des Menschenhandels. Einerseits operieren streng hierarchisch aufgebaute Schlepper-Organisationen, die alles von der Rekrutierung bis zur Vermittlung der Opfer übernehmen, aber auch lose Zellen, die miteinander offenbar reibungslos kooperieren.

Eines steht aber fest: Angetrieben werden die kriminellen Gruppen durch die Nachfrage im Westen, in China, Indien oder am Golf, durch den „Bedarf“ an jungen Frauen, die von der Welt, einem besseren Leben und von einer Karriere als Model träumen.

WIENER FORUM

Die erste internationale Konferenz zum Thema Menschenhandel findet von 13. bis 15. Februar im Austria Center Vienna statt. Mehr als 1000 Experten und Regierungsvertreter aus etwa 100 Staaten diskutieren beim „Wiener Forum“ das globale Problem.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.02.2008)

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4 Kommentare
Gast: x-ray
28.06.2009 15:24
0 0

Begriff: Menschenhandel

Seit Beginn der 90er Jahre wird die Migration von Prostituierten aus Schwellen-in Industrieländer oft fälchlich als von Kriminellen erzwungener Menschenhandel dargestellt.

Auf diese Weise erhällt rigide Migrationspolitik einen moralischen Anstrich!

hl_1001
13.02.2008 17:17
0 0

Gepriesen sei der Kapitalismus!

Amen.

0 0

laut TV

Und laut der Aussage in den Nachrichten von gestern unterstützt man auch solche Banden, wenn man den Kindern, die betteln, Geld gibt.

Gast: gast
12.02.2008 21:39
0 0

lilja4ever

ein bewegender film zu diesem thema - lilja4ever