08.11.2009 11:00 | Meine Presse Merkliste0

Tschechien: Prager blasen Radetzky den Marsch

20.04.2008 | 17:49 |  Von unserem Korrespondenten HANS-JÖRG SCHMIDT (Die Presse)

Denkmalschützer wollen das Denkmal für den böhmischen Adligen und österreichischen Heerführer wieder in Prag aufstellen – „Patrioten“ sind entsetzt.

Artikel drucken Drucken Artikel versenden Senden Merken AAA Textgröße Artikel kommentieren Kommentieren

Prag. Seit Jahren schon liegen sich die Prager in den Haaren darüber, ob die alte Mariensäule auf dem Altstädter Ring wieder errichtet werden soll. Sie war wie nahezu alles „Habsburgische“ nach der Gründung der Tschechoslowakei 1918 geschleift worden. Und so ist es in erster Linie ein zutiefst politischer Streit, der da tobt. Selbsternannte tschechische „Patrioten“ finden den Gedanken bis heute unerträglich, ein Monument neu aufzustellen, das für sie schlichtweg nichts anderes ist als ein Symbol für dreihundert Jahre „Finsternis“ unter „Wiener Knechtschaft“.

Im Schatten dieses Streits wächst nun ein neuer herauf: Denkmalschützer plädieren dafür, das prachtvolle Denkmal für Feldmarschall Radetzky (1766–1858) wieder auf dem Kleinseitner Ring der Moldaustadt aufzurichten.

Vor allem der bis heute kommunistisch angehauchte Verband der Freiheitskämpfer läuft Sturm gegen die Idee. Deren Vorsitzende, Andela Dvorakova, sagte der „Lidove noviny“: „Beifall dafür können sie von uns sicher nicht erwarten. Weshalb errichten wir nicht lieber ein Denkmal für den tschechischen Widerstand?“ Noch heftiger reagiert die Tschechoslowakische Legionärs-Vereinigung: „Radetzky ist keiner von uns. Er war Österreicher durch und durch.“


Antiösterreichisches Gehabe

Derlei kleingeistige tschechische Arroganz bringt andere in Wallung. Der stellvertretende Chef des Nationalmuseums, Karel Ksandr, etwa sagt: „Radetzky ein Österreicher durch und durch? Der war immer ein Tscheche von Schrot und Korn.“ Dem Kunsthistoriker Frantisek Dvorak geht das ganze antiösterreichische Gehabe gegen den Strich: „Das Gerede über unsere Knechtschaft unter den Habsburgern sind doch bloß Phrasen, die aus der Zeit (des kommunistischen Kulturwächters) Zdenek Nejedly stammen. Wir sollten nicht vergessen, dass die Österreicher uns den Weg in die Welt öffneten. Und sie hinterließen uns auch eine eigene Kultur – den böhmischen Barock.“

Letzteres klingt gut, wird aber von den meisten Tschechen anders gesehen. Der böhmische Barock ist für sie der Barock der Habsburger aus der Zeit der Gegenreformation. So sehr sie diesen Barock auch lieben, beim Gedanken an dessen Herkunft oder an die ihrer Architekten verfinstert sich schon mal die eine oder andere Miene.


Parkende Parlamentarier

Dvorak besteht darauf, dass die Tschechen stolz auf Radetzky sein können. „Er war ein berühmter Tscheche und hat sich immer zum Tschechentum bekannt.“ Bei den Ratsherren des ersten Prager Bezirks stößt der Plan zur Wiederaufstellung des Radetzky-Denkmals auf Zustimmung. Die finden zudem den Kleinseitner Ring in seiner jetzigen Gestalt nicht unbedingt gelungen.

Der eigentlich sehr hübsch angelegte Platz, der von pittoresken Palästen gesäumt wird, dient derzeit in erster Linie als gern verstopfter Verkehrsknotenpunkt mit einem Parkplatz. Sollte Radetzky wieder auf den Platz kommen, dann müssten die Straßenbahnschienen verlegt und der Parkplatz ersatzlos gestrichen werden.

Letzteres kann zum eigentlichen Problem werden. Dort parken nämlich nicht nur normal sterbliche Tschechen oder Touristen, sondern auch Abgeordnete des Parlaments, das sich nur einen Steinwurf entfernt befindet.

Abgeordnete aber sind in Prag heilig. Als das Parlament nach der Trennung von den Slowaken vom Oberen Ende des Wenzelsplatzes auf die barocke Kleinseite umzog, wurden alle Proteste der Anwohner wie der Denkmalschützer vom Tisch gewischt. Heute gehört die Kleinseite faktisch den Politikern. Die werden sich nicht so einfach von einem „zweifelhaften Habsburger“ vertreiben lassen.

AUF EINEN BLICK. Der Streit um das Denkmal

Die Bronzestatue von Feldmarschall Radetzky wurde 1858 angefertigt und stand Jahrzehnte lang auf dem Kleinseitner Ring im historischen Stadtzentrum Prags. 1919, ein Jahr nach der Gründung der Tschechoslowakei, wurde das Denkmal abgebaut.

Denkmalschützer wollen die Skulptur wieder an ihrem ursprünglichen Ort aufbauen, was Proteste tschechischer Freiheitskämpfer und Veteranen hervorruft.

Wie immer der Streit ausgehen mag – es würde nicht der originale Radetzky auf seinen angestammten Platz zurückkommen, sondern eine Kopie des Bronzedenkmals aufgestellt werden. Das Original soll in Museumshand bleiben.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.04.2008)

Artikel drucken Drucken Artikel versenden Senden Artikel kommentieren Kommentieren BookmarkBookmarken bei [Was ist das?]

Als Gast kommentieren

...oder einloggen um als registrierter Benutzer zu kommentieren (Vorteile dieser Variante)

*... Pflichtfelder

Sicherheitscode
(Was bringt das?)*


Schwer lesbar?
Neuen Code generieren

Verbleibende Zeichen

1 Kommentare
Gast: Graf Gudenus
21.04.2008 11:53
0 0

Radetzky, tschechischer Uradel aus der Gothik, somit aus

der Zeit: nix Germanski in Praha. Der Erstgenannte hatte den schönen Vornamen Premysl /Prziecho (das von einem verwendete Clavier erlaubt angestammten Accent nicht). FN lautet seit Maria Theresia Radeczky /Radeck¿y, also accent über y. Man gebe dem Tschechen, was des Tschechen ist!

Schlagzeilen Panorama

  • Fall Kampusch: Ermittlungen gegen Freund des Entführers
    Die Rolle von Ernst H. wird nochmals durchleuchet. Er war ein Freund des Kampusch-Entführers Wolfgang Priklopil. Es bestehe der Verdacht, dass H. an der Entführung "unter Umständen beteiligt war", sagt der zuständige Oberstaatsanwalt.
    Frühgeburt bei Wiener Schweinegrippe-Patientin
    Jene schwangere Patientin, die seit mehr als einer Woche auf der Intensivstation des Wiener Hanusch-Spitals liegt, hat am Freitag ihr Kind bekommen. Das Kind wird auf der Neonatologie betreut.
    Wie das Handy die Welt verändert
    Die Entwicklungsländer erleben eine wahre Telekommunkationsrevolution: Menschen, die nie zuvor Zugang zu einem Telefon hatten, können nun sogar per Handy Bankgeschäfte erledigen und Rechnungen bezahlen.
  • Kalaschnikow: Das Instrument des einfachen Tötens
    Michail Timofejewitsch Kalaschnikow, Erfinder des berühmten Sturmgewehrs AK-47, feiert kommenden Dienstag seinen 90.Geburtstag. Der greise Konstrukteur sieht sich selbst als Mann des Friedens und der Freundschaft.
    Köln: Grundstein für umstrittene Moschee gelegt
    Die erste repräsentative Moschee in Köln soll in zwei Jahren fertig sein. Das Projekt ist heftig umstritten. Am Rand der feierlichen Grundsteinlegung demonstrierten 60 Rechtsradikale.
    Melange modern: Was Wiener Kaffeehäuser brauchen
    Einst Avantgarde, jetzt Museum? Was Wiener Kaffeehäuser brauchen, um zu überleben. Unter anderem mehr Steckdosen und weniger Respekt vor George Clooney – und vor der Presse. Architekt Gregor Eichinger im Interview.
  • Wien: Der Nazibunker im Gallitzinberg
    Am Westrand von Wien schufen sich die Nazis vor 65 Jahren ein Bunkersystem, das bis heute Anrainer wie Historiker gleichermaßen fasziniert. Eine Ausstellung in Ottakring zeigt nun Tatsachen und Legenden.
    Tirol: Tausende Patienten-Daten weitergegeben
    Die Innsbrucker Uniklinik soll über Jahre 40.000 Datensätze an ein privates Biotechnik-Unternehmen weitergegeben, berichtet "profil". Zuerst habe es keine, dann nur eine schwammige Zustimmungserklärung gegeben.
    Erneut Amoklauf in den USA: Geldnot als Motiv
    Einen Tag nach dem Amoklauf in Texas mit 13 Toten hat in Florida ein hoch verschuldeter Mann hat an seinem Ex-Arbeitsplatz einen Menschen erschossen und fünf verletzt. Drei Stunden später wurde er verhaftet.
  • Wales: Eitler Ganove schickt schöneres Fahndungsfoto
    Eine Zeitung hat in Wales das Porträtfoto eines wegen Einbruchs gesuchten Mannes veröffentlicht. Diesem war die Aufnahme aber zu unvorteilhaft. Er schickte ein neues Bild, das ihn vor einem Polizeiauto zeigt.
    Gedenkfeier: Abschied von der alten Heimat
    Jedes Jahr zu Allerseelen treffen sich die Menschen, die unter den Nazis dem Truppenübungsplatz Allentsteigweichen mussten, zu einer Gedenkfeier. Ein Besuch in Döllersheim.
    Wie ein Provinzscheich Deutschland das Fürchten lehrte
    Der Aufruf eines Scheichs, den Mord an einer Ägypterin zu rächen, hat Deutschland in Alarmbereitschaft versetzt. Nun hat sich der Imam als islamistischer Wichtigtuer entpuppt.