08.11.2009 17:56 | Meine Presse Merkliste0

Bulgarien: Explosion erschütterte Sofia

03.07.2008 | 19:08 |  Von unserem Mitarbeiter FRANK STIER (Die Presse)

In einem Armeelager gingen Sprengstoff und Munition in Flammen auf. Der Flughafen musste gesperrt werden.

Artikel drucken Drucken Artikel versenden Senden Merken AAA Textgröße Artikel kommentieren Kommentieren

Sofia. Es war halb sieben, als ein mächtiger, tief dumpfer Knall am Donnerstagmorgen die bulgarische Hauptstadt Sofia erschütterte. Wenige Minuten später folgte ein zweiter. Viele Sofioter dürften die Detonationen im Halbschlaf für Donner gehalten haben, obwohl es nicht regnete. Zerberstende Fensterscheiben machten aber den Bewohnern in den östlichen Wohnbezirken Sofias den Ernst der Lage schlagartig klar.

In einem Lager der Bulgarischen Armee bei dem am nord-östlichen Stadtrand gelegenen Dorf Tschelopetschene war Munition in Brand geraten und in die Luft gegangen. In einem mehrere Kilometer großen Umkreis beschädigte die entstandene Druckwelle sowie umherfliegende Geschosse unzählige Gebäude. Auch beim nahegelegenen Flughafen waren Scheiben zu Bruche gegangen; er wurde gesperrt, eingehende Flüge wurden nach Plovdiv umgeleitet.


Glück im Unglück

Als die Reporter im Frühstücksfernsehen durch Sondersendungen versuchten, sich einen Überblick über die Situation zu verschaffen, schien es vielen als ein kleines Wunder, dass von zu Schaden gekommenen Menschen nichts zu berichten war. Vor den Mikrofonen wechselten sich die zuständigen Minister für Verteidigung, Inneres und Katastrophenschutz ab, um gebetsmühlenartig zu beteuern: „Eine Gefahr für die Bürger Sofias besteht nicht!“ Auch der Chef der Zivilschutzbehörde, Andrei Ivanov, beruhigte die Einwohner Sofias über das Radio.

Da auf dem Gelände klassische Kampfmittel ohne gefährliche chemische Stoffe gelagert waren und der Qualm schnell in große Höhen aufstieg, sei die Atemluft der Sofioter nicht durch giftige Schadstoffe belastet, so die Behörden. Eine Evakuierung der Stadt war somit nicht nötig. Angesichts des tief schwarzen, von weitem sichtbaren Rauchpilzes erschienen die Beschwichtigungen wenig glaubwürdig. Viele fragten sich, ob es ratsam sei, das Haus zu verlassen, um zur Arbeit zu gehen.

Noch über Stunden hinweg waren in der Gegend um Tschelopetschene weitere, kleinere Explosionen zu hören. Die Verantwortlichen warnten vor der Gefahr einer weiteren großen Detonation wie am frühen Morgen. „Es besteht noch das Risiko, dass 20 Tonnen auf dem Gelände gelagerter Sprengstoff explodieren könnte“, sagte Innenminister Michail Mikov.

Erst gegen elf Uhr wurde Entwarnung gegeben, da der Sprengstoff inzwischen ohne Explosion verbrannt sei. 2500 Tonnen Munition und 20 Tonnen Sprengstoff sollen sich auf dem Lagergelände befunden haben. „Solche Lager gibt es viele im ganzen Land“, verlautete Sofias Bürgermeister Boikov Borissov.

Schon am frühen Nachmittag ergriff die politische Opposition die Gelegenheit, Verteidigungsminister Zonev und der Ministerin für Katastrophenschutz, Emel Etem, Fehlverhalten vorzuwerfen und ihren Rücktritt zu fordern. Die Koordination der Einsatzkräfte sei mangelhaft gewesen. Da das Gelände den ganzen Tag nicht zu betreten war, herrschte bis zuletzt Unklarheit über die Ursache der Katastrophe. Misstrauische Stimmen unkten aber schnell von einer „heißen Räumung“ eines Grundstücks in attraktiver Stadtrandlage.


Ähnlicher Vorfall in Albanien

Im März war es in Albanien zu einer ähnlichen, wenn auch folgenschwereren Serie an Explosionen in einem Munitionslager gekommen. Damals kamen 26 Menschen ums Leben, mehr als 300 wurden verletzt. In dem Depot im Dorf Gerdec wurden alten Waffen und Munition im Auftrag der Nato zerstört. Die politische Landschaft wird von dem Vorfall noch immer erschüttert: Unter Duldung von Regierungsmitgliedern sollen im Depot gesetzeswidrige Zustände geherrscht haben.

AUF EINEN BLICK

Munition und Waffen. Auf dem Gelände des Lagers der bulgarischen Armee am nord-östlichen Stadtrand gelegenen Dorf Tschelopetschene sollen sich 2500 Tonnen Munition und 20 Tonnen Sprengstoff befunden haben. Am Mittwoch erschütterten mehrere Detonationen das Gelände, das schließlich in Flammen aufging. Gefährliche chemische Stoffe dürften dort nicht gelagert worden sein.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.07.2008)

Artikel drucken Drucken Artikel versenden Senden Artikel kommentieren Kommentieren BookmarkBookmarken bei [Was ist das?]

Als Gast kommentieren

...oder einloggen um als registrierter Benutzer zu kommentieren (Vorteile dieser Variante)

*... Pflichtfelder

Sicherheitscode
(Was bringt das?)*


Schwer lesbar?
Neuen Code generieren

Verbleibende Zeichen

Schlagzeilen Panorama

  • Fall Kampusch: Ermittlungen gegen Freund des Entführers
    Die Rolle von Ernst H. wird nochmals durchleuchet. Er war ein Freund des Kampusch-Entführers Wolfgang Priklopil. Es bestehe der Verdacht, dass H. an der Entführung "unter Umständen beteiligt war", sagt der zuständige Oberstaatsanwalt.
    Schweinegrippe: Volksschule in Wien wird gesperrt
    Die Wiener Privatvolksschule "St. Thekla" in Wien-Wieden wird wegen mehrerer Erkrankungen bei Kindern nächste Woche geschlossen bleiben. Die betroffenen Kinder sind in Behandlung.
    Gas und Strom werden im Dezember teurer
    Laut Energieagentur wird der Strompreis gegen Jahresende um 3,6 Prozent ansteigen. Auch Gas wird teurer. Die Energiepreise in Österreich liegen dennoch unter dem Vorjahresniveau.
  • Hurrikan in El Salvador fordert mindestens 42 Tote
    Der Hurrikan "Ida" hinterlässt auf seinem Weg in den Golf von Mexiko schwere Verwüstungen. In fünf Bezirken von El Salvador wurde der Notstand ausgerufen.
    Wie das Handy die Welt verändert
    Die Entwicklungsländer erleben eine wahre Telekommunkationsrevolution: Menschen, die nie zuvor Zugang zu einem Telefon hatten, können nun sogar per Handy Bankgeschäfte erledigen und Rechnungen bezahlen.
    Große Mehrheit der Italiener für Kruzifixe an Schulen
    In einer Umfrage haben sich 84 Prozent für Kruzifixe in Klassenzimmern ausgesprochen. Auch Nicht-Kirchgänger sind mehrheitlich für Kreuze.
  • Kalaschnikow: Das Instrument des einfachen Tötens
    Michail Timofejewitsch Kalaschnikow, Erfinder des berühmten Sturmgewehrs AK-47, feiert kommenden Dienstag seinen 90.Geburtstag. Der greise Konstrukteur sieht sich selbst als Mann des Friedens und der Freundschaft.
    Köln: Grundstein für umstrittene Moschee gelegt
    Die erste repräsentative Moschee in Köln soll in zwei Jahren fertig sein. Das Projekt ist heftig umstritten. Am Rand der feierlichen Grundsteinlegung demonstrierten 60 Rechtsradikale.
    Melange modern: Was Wiener Kaffeehäuser brauchen
    Einst Avantgarde, jetzt Museum? Was Wiener Kaffeehäuser brauchen, um zu überleben. Unter anderem mehr Steckdosen und weniger Respekt vor George Clooney – und vor der Presse. Architekt Gregor Eichinger im Interview.
  • Wien: Der Nazibunker im Gallitzinberg
    Am Westrand von Wien schufen sich die Nazis vor 65 Jahren ein Bunkersystem, das bis heute Anrainer wie Historiker gleichermaßen fasziniert. Eine Ausstellung in Ottakring zeigt nun Tatsachen und Legenden.
    Tirol: Tausende Patienten-Daten weitergegeben
    Die Innsbrucker Uniklinik soll über Jahre 40.000 Datensätze an ein privates Biotechnik-Unternehmen weitergegeben, berichtet "profil". Zuerst habe es keine, dann nur eine schwammige Zustimmungserklärung gegeben.
    Massaker in Fort Hood: Angst vor Islamphobie
    Nach dem blutigen Massaker in der US-Militärbasis warnte Obama, nicht vorschnell über die Motive des muslimischen Täters zu urteilen. Konservative Medien kritisieren diese "politische Korrektheit".