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Bulgarien: Explosion erschütterte Sofia

03.07.2008 | 19:08 |  Von unserem Mitarbeiter FRANK STIER (Die Presse)

In einem Armeelager gingen Sprengstoff und Munition in Flammen auf. Der Flughafen musste gesperrt werden.

Sofia. Es war halb sieben, als ein mächtiger, tief dumpfer Knall am Donnerstagmorgen die bulgarische Hauptstadt Sofia erschütterte. Wenige Minuten später folgte ein zweiter. Viele Sofioter dürften die Detonationen im Halbschlaf für Donner gehalten haben, obwohl es nicht regnete. Zerberstende Fensterscheiben machten aber den Bewohnern in den östlichen Wohnbezirken Sofias den Ernst der Lage schlagartig klar.

In einem Lager der Bulgarischen Armee bei dem am nord-östlichen Stadtrand gelegenen Dorf Tschelopetschene war Munition in Brand geraten und in die Luft gegangen. In einem mehrere Kilometer großen Umkreis beschädigte die entstandene Druckwelle sowie umherfliegende Geschosse unzählige Gebäude. Auch beim nahegelegenen Flughafen waren Scheiben zu Bruche gegangen; er wurde gesperrt, eingehende Flüge wurden nach Plovdiv umgeleitet.


Glück im Unglück

Als die Reporter im Frühstücksfernsehen durch Sondersendungen versuchten, sich einen Überblick über die Situation zu verschaffen, schien es vielen als ein kleines Wunder, dass von zu Schaden gekommenen Menschen nichts zu berichten war. Vor den Mikrofonen wechselten sich die zuständigen Minister für Verteidigung, Inneres und Katastrophenschutz ab, um gebetsmühlenartig zu beteuern: „Eine Gefahr für die Bürger Sofias besteht nicht!“ Auch der Chef der Zivilschutzbehörde, Andrei Ivanov, beruhigte die Einwohner Sofias über das Radio.

Da auf dem Gelände klassische Kampfmittel ohne gefährliche chemische Stoffe gelagert waren und der Qualm schnell in große Höhen aufstieg, sei die Atemluft der Sofioter nicht durch giftige Schadstoffe belastet, so die Behörden. Eine Evakuierung der Stadt war somit nicht nötig. Angesichts des tief schwarzen, von weitem sichtbaren Rauchpilzes erschienen die Beschwichtigungen wenig glaubwürdig. Viele fragten sich, ob es ratsam sei, das Haus zu verlassen, um zur Arbeit zu gehen.

Noch über Stunden hinweg waren in der Gegend um Tschelopetschene weitere, kleinere Explosionen zu hören. Die Verantwortlichen warnten vor der Gefahr einer weiteren großen Detonation wie am frühen Morgen. „Es besteht noch das Risiko, dass 20 Tonnen auf dem Gelände gelagerter Sprengstoff explodieren könnte“, sagte Innenminister Michail Mikov.

Erst gegen elf Uhr wurde Entwarnung gegeben, da der Sprengstoff inzwischen ohne Explosion verbrannt sei. 2500 Tonnen Munition und 20 Tonnen Sprengstoff sollen sich auf dem Lagergelände befunden haben. „Solche Lager gibt es viele im ganzen Land“, verlautete Sofias Bürgermeister Boikov Borissov.

Schon am frühen Nachmittag ergriff die politische Opposition die Gelegenheit, Verteidigungsminister Zonev und der Ministerin für Katastrophenschutz, Emel Etem, Fehlverhalten vorzuwerfen und ihren Rücktritt zu fordern. Die Koordination der Einsatzkräfte sei mangelhaft gewesen. Da das Gelände den ganzen Tag nicht zu betreten war, herrschte bis zuletzt Unklarheit über die Ursache der Katastrophe. Misstrauische Stimmen unkten aber schnell von einer „heißen Räumung“ eines Grundstücks in attraktiver Stadtrandlage.


Ähnlicher Vorfall in Albanien

Im März war es in Albanien zu einer ähnlichen, wenn auch folgenschwereren Serie an Explosionen in einem Munitionslager gekommen. Damals kamen 26 Menschen ums Leben, mehr als 300 wurden verletzt. In dem Depot im Dorf Gerdec wurden alten Waffen und Munition im Auftrag der Nato zerstört. Die politische Landschaft wird von dem Vorfall noch immer erschüttert: Unter Duldung von Regierungsmitgliedern sollen im Depot gesetzeswidrige Zustände geherrscht haben.

AUF EINEN BLICK

Munition und Waffen. Auf dem Gelände des Lagers der bulgarischen Armee am nord-östlichen Stadtrand gelegenen Dorf Tschelopetschene sollen sich 2500 Tonnen Munition und 20 Tonnen Sprengstoff befunden haben. Am Mittwoch erschütterten mehrere Detonationen das Gelände, das schließlich in Flammen aufging. Gefährliche chemische Stoffe dürften dort nicht gelagert worden sein.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.07.2008)


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