Das Recht auf Nahrung ist das Menschenrecht, das am häufigsten "skandalös" verletzt wird. Mit dieser scharfen Kritik eröffnete der Ex-UNO-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung, Jean Ziegler, am Dienstagabend eine Veranstaltung im Rahmen der Wiener Vorlesungen zum Thema "Das tägliche Massaker des Hungers. Wo ist Hoffnung?" im Wiener Rathaus. Er forderte eine Veränderung des herrschenden Weltwirtschaftssystems mit Beteiligung der Zivilgesellschaft.
Ziegler übte in seinem Vortrag heftige Kritik am neoliberalen Weltwirtschaftssystem. Die Annahme, der freie Markt würde automatisch zur bestmöglichen Lösung führen, sei von der Wirklichkeit widerlegt worden. Die Überschuldung der Entwicklungsländer, Börsenspekulationen und der Klimawandel seien zentrale Gründe für den Hunger auf der Welt, so Ziegler. Der objektive Mangel an Nahrung sei besiegt, die derzeitige weltweite Nahrungsmittelproduktion könne eigentlich doppelt so viele Menschen ernähren wie die Weltbevölkerung ausmache. All diese Gründe für den Hunger seien "menschengemacht", sagte der Entwicklungsexperte und wiederholte eine seiner zentralen Theorien: "Ein Kind, das heute an Hunger stirbt, wird ermordet!"
Kritik an Biotreibstoffen
Auch die verstärkte Produktion von Biotreibstoffen sei ein Faktor, den man nicht außer Acht lassen dürfe. Durch die Nutzung von Nahrungsmitteln zur Gewinnung von Treibstoffen würde vielen Menschen ihre Nahrungsgrundlage entzogen. "Der Energieverbrauch verdoppelt sich alle vier Jahre, aber gleichzeitig steigt der Hunger", zeigte Ziegler diese Paradoxie auf. Beispielsweise könne mit der Menge an Mais, die für eine Tankfüllung verwendet würde, ein Kind in Sambia ein ganzes Jahr lang überleben.
Auch der österreichische OECD-Botschafter in Paris, Wolfgang Petritsch, forderte bei einer anschließenden Podiumsdiskussion man müsse "Abstand nehmen von der nördlichen Ignoranz". Entwicklungshilfe könne nur ein Teil der Lösung des Problems sein, es müsse stattdessen zu einer "fundamentalen Änderung der Weltwirtschaft" kommen. Die Industrieländer müssten endlich beginnen, über ihren "verschwenderischen Lebensstil" nachzudenken.
Ziegler: "Massaker des Hungers"
Ziegler mahnte, man dürfe die Hoffnung nicht aufgeben und sprach von der Entstehung einer "planetarischen Zivilgesellschaft", die die wichtigste Rolle in einem neuen Weltsystem einnehmen müsse. Er appellierte an die Besucher der Veranstaltung, selbst aktiv zu werden. Sie könnten mit demokratischen Mitteln die Regierung beispielsweise dazu zwingen, die Entschuldung der ärmsten Länder der Welt durchzusetzen.
Maßnahmen gegen das "Massaker des Hungers" seien theoretisch leicht durchzuführen. Ziegler forderte unter anderem ein Verbot der Herstellung von Agrartreibstoffen und neue Börsenreglements, um Spekulationen mit Grundnahrungsmitteln zu unterbinden. Vor allem das Bewusstsein der Zivilgesellschaft müsse gestärkt werden, die "Mächtigen" wüssten ohnehin was passiere: "Sonst könnten sie ja die Welt nicht ausbeuten."
(APA)
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