WIEN. Robi Damelins Sohn wurde getötet, als er in den besetzten Palästinensergebieten seinen Militärdienst leistete. Najwa Saadeh aus Palästina verlor ihre zwölfjährige Tochter bei einem Angriff der Israelis. Beatriz Abrils Bruder war auf dem Weg auf die Uni, als der Zug, in dem er saß, in Madrid von einer Bombe zerfetzt wurde.
Die Frauen, die an diesem Wochenende in Wien zusammenkamen, um die weltweit erste Frauen-Anti-Terror-Plattform zu gründen, kamen von überall her: aus dem Libanon und aus den Niederlanden, aus den USA, aus dem Irak und aus Afghanistan. Und aus Indien: Als Archana Kapoor jüngst Delhi verließ, um nach Wien zu fliegen, fühlte sie sich „so sicher“. Doch dann richteten junge Männer in Mumbai ein Blutbad an.
„Das war eine Erinnerung daran, dass wir nicht sicher sind. Dass es da draußen keinen Ort gibt, an dem wir sicher sind“, sagt „Frauen ohne Grenzen“-Vorsitzende Edit Schlaffer. Ihre neue Initiative heißt passenderweise „Save“ – „Sisters against Violent Extremism“ – und sie soll die Welt sicherer machen, indem sie Frauen zusammenbringt: Überlebende von Terrorattacken, Angehörige und Aktivistinnen, die sich kennenlernen und gemeinsam Strategien entwickeln, um gegen Terror und Gewalt zu mobilisieren.
Eine erste Aktion setzte die weibliche Anti-Terror-Plattform schon am Montag: Zwei junge Londonerinnen, die zusammenarbeiten wollen, besuchten eine Gruppe junger Moslems in Wien. Es sind besondere Frauen: Rachel North, eine junge Werbefachfrau. Sie saß am 7. Juli 2005 in der Londoner U-Bahn, als in ihrem Zug eine Bombe explodierte. Sie überlebte und engagiert sich seither für die Opfer. Und Hadiyah Masieh, ehemals Mitglied der radikalen Islamistengruppe Hizb ut-Tahrir.
„Sie haben mich verführt“
Mit 18 konvertierte die intelligente Wirtschaftsstudentin zum Islam. „Zuvor stand ich dem Islam sehr kritisch gegenüber, aber das erschien mir unfair, also habe ich begonnen, mich damit zu beschäftigen“, erzählt Hadiyah der „Presse“. Mit 19 wurde sie am Campus in London von der Islamistengruppe rekrutiert. „Wir haben uns angefreundet, sie wurden meine Familie. Ich war auf der Suche nach Antworten, und sie hatten welche. Sie haben mich mit ihren Antworten verführt.“
Sie wurde Teamleiterin der Islamistengruppe für West-London, organisierte Veranstaltungen und Gesprächsrunden. Das große Ziel der antidemokratischen Organisation: ein einheitlicher islamischer Staat, ein „Kalifat“, in dem die Scharia, das islamische Recht, gilt.
Dabei hätten die Islamisten ein „wunderschönes Bild“ der Welt gezeichnet: „Sie wollten eine friedliche Welt, aber sie sind mit Wut und Hass daran herangegangen.“ Gewalt hätten sie zwar nie propagiert. „Aber es entstehen Gefühle, bei denen gut möglich ist, dass junge Leute einen Schritt weiter gehen wollen.“ Einer der Angreifer beim Attentat auf den Flughafen Glasgow habe Veranstaltungen von Hizb ut-Tahrir besucht.
Nach sieben Jahren bei Hizb ut-Tahrir stieg Hadiyah dann aus, weil sie erkannt habe, dass die politischen Ideen wenig mit dem Islam zu tun hätten. Mit Rachel North will sie daher künftig jungen Moslems zeigen, dass Religiosität und der Wunsch nach Gerechtigkeit nicht zu Extremismus führen müssen. „Ein Bombenopfer und eine Ex-Islamistin: Sie werden sich an uns erinnern!“
„Verloren beide unsere Söhne“
Schon lange kennen sich indes zwei andere Frauen: Phyllis Rodríguez und Aicha el Wafi. Rodríguez' Sohn arbeitete als Internet-Experte im 104. Stock des World Trade Center – er überlebte nicht.
El Wafis Sohn wiederum ist Zacarias Moussaoui: Er wurde als „20. Entführer“ wegen Beteiligung an den Attentaten vom 11. September 2001 verurteilt. Die beiden Terror-geprüften Mütter sind eng miteinander befreundet: „Wir haben viel gemeinsam, wir haben unsere Söhne verloren.“
■Phyllis Rodriguez' Sohn Gregory starb am 11. September 2001 im World Trade Center. Unter dem Motto „Nicht im Namen meines Sohnes“ trat sie gegen die US-Politik der Vergeltung ein. Sie engagiert sich im „Forgiveness Project“ und ist mit Aicha el Wafi, Mutter des verurteilten 9/11-Terroristen Zacarias Moussaoui, befreundet.
■Hadiyah Masieh trat in London mit 18 Jahren zum Islam über, wurde Mitglied der Extremistengruppe Hizb ut-Tahrir. Seit ihrem Ausstieg 2007 versucht sie, Moslems zum Nachdenken zu bringen. In Wien traf sie Rachel North, die den Anschlag auf Londons U-Bahn überlebte. Die beiden wollen zusammenarbeiten. [Clemens Fabry]
("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.12.2008)

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