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Eluana Englaro: "Es war Mord" - Glaubenskrieg nach Sterbehilfe

10.02.2009 | 18:52 |  Von unserem Korrespondenten PAUL KREINER (Die Presse)

Premier Silvio Berlusconi hing Staatspräsident Giorgio Napolitano Mitschuld um: Er bedauerte, dass man „die Aktion der Regierung zur Rettung von Leben verhindert“ und Eluana ermordet habe.

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ROM. Die Todesnachricht platzte in die erregte Debatte über ein Eilgesetz, mit der Italiens Parlament auf Druck der Regierung das Sterben Eluana Englaros verhindern und den schon laufenden Prozess der Sterbehilfe stoppen wollte. Die 38-Jährige, die seit einem Autounfall vor 17 Jahren im Wachkoma lag und deren künstliche Ernährung seit vier Tagen beendet war, sei „unvorhergesehen plötzlich“ gestorben – das teilte die Klinik in Udine mit, die als einzige in Italien bereit war, der Patientin auf Wunsch ihres Vaters Sterbehilfe zu leisten.

Die Todesursache war noch unbekannt (erst Dienstag hieß es aus der Klinik „La Quiete“, die Nieren hätten versagt, worauf ein Herzstillstand gefolgt sei), da waren sich Minuten nach der Todesmeldung rechte Politiker und Bischöfe schon einig: „Es war Mord.“ Premier Silvio Berlusconi hing Staatspräsident Giorgio Napolitano gar Mitschuld um: Er bedauerte, dass man „die Aktion der Regierung zur Rettung von Leben verhindert“ und Eluana ermordet habe. Napolitano weigerte sich in der Vorwoche, eine Notverordnung Berlusconis zum Stopp der Sterbehilfe für Eluana zu signieren; für Napolitano überschritt der Premier damit seine Befugnisse.

 

„Tür zur Euthanasie“ soll zubleiben

Die Regierung nahm Dienstag den Entwurf des Eilgesetzes zurück. Sozialminister Sacconi sagte, man wolle ein allgemeines Gesetz über Patientenverfügungen erarbeiten; man wolle einen neuen Fall Englaro verhindern und daraus kein Präjudiz werden lassen, das die „Tür zur Euthanasie“ öffne.

Im Kern hatte das Eilgesetz nur den Stopp künstlicher Ernährung verbieten wollen. Das zeigt, dass Berlusconi wieder ein Einzelfallgesetz wollte; laut Kritikern ein Unfug, denn Gesetze haben allgemein zu gelten. Schon früher hatte Berlusconi „Gesetze ad personam“ zum eigenen Vorteil geschaffen. Er setzte aber auch seine Geringschätzung der Justiz fort und stellt so Gewaltenteilung und Rechtsbewusstsein infrage: Im Fall Eluana gab es nämlich 2008 ein Urteil des Verfassungsgerichts, das, im gesetzlichen Vakuum und nur auf Verfassungsprinzipien gestützt, ihrem Vater erlaubte, die Nahrungssonde bei seiner Tochter zu entfernen. Berlusconi aber stellte sich über das Gericht: Er habe auf die Verfassung geschworen und lege sie korrekt aus – das Urteil führe in die Irre.

Bizarrerweise hatte Italiens Rechte die Richter aufgefordert, auf die Verabschiedung des Gesetzes zur Sterbehilfe zu warten. Darüber aber berät das Parlament seit Jahren.

Die Kirche sekundierte, in solchen Fällen stünden die Rechte der Person (also Eluanas Recht auf Leben) über der Verfassung. Gegen Kritik vor allem Linker und Antiklerikaler, die Kirche mische sich unzulässig in gesetzgeberische Fragen des Staates ein, konterten die Bischöfe: „Wir erlegen niemandem unsere Moral auf, wir melden uns nur zu Wort.“

Berlusconi jedenfalls hatte bereits am Wochenende getobt: „Wenn der Ministerpräsident nicht mal Eildekrete erlassen darf, kann ich gleich heimgehen.“ Er wolle sich die nötige Macht notfalls per Volksentscheid holen und die Verfassung ändern, um sein Ziel eines Präsidialsystems nach Muster der USA zu erreichen. Damit wäre der „störende“ Präsident entmachtet; Berlusconi würde praktisch Alleinherrscher und könnte mit Dekreten, wie er es bisher oft machte, am Parlament vorbeiregieren – was die Opposition an die Anfänge von Diktator Mussolini erinnert. Der „Konflikt der Institutionen“ zwischen Regierungschef, Staatspräsident und Justiz wird wohl weitergehen.

 

„Sie könnte ein Kind kriegen“

Berlusconi trat in der Causa mit großen Geschmacklosigkeiten hervor: So sagte er, Eluana sei nicht todkrank, ja lebe, denn: „Ihr Menstruationszyklus funktioniert. Sie könnte ein Kind kriegen.“ Diese Dinge rissen Dienstag nicht ab: „L'Avvenire“, das Blatt der Bischöfe, titelte: „Giustizia è fatta“. Das heißt sowohl „Das Urteil ist vollstreckt“ als auch „Da habt ihr eure Gerechtigkeit“. Ein Vertreter der Opposition meinte, der Tod habe Eluana „der Gewalt der Regierung entzogen“.

Eluanas Körper dürfte in Paluzza nahe der Grenze zu Kärnten beerdigt werden. Ihr Vater, Beppino Englaro, der seit zehn Jahren für ihren Tod gekämpft hatte, will derzeit nur Ruhe: „Ich habe alles allein gemacht, keiner soll sich um mich kümmern.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.02.2009)

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20 Kommentare
Gast: Tiger
11.02.2009 02:47
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Wieder mal das leidvolle Thema

Leider gibt es noch zu viele Länder in der EU in denen die Frage nach Patientenverfügung und Sterbehilfe nicht rechtlich geklärt sind.

Kein Politiker will das Thema auch mit einer Kneifzange anfassen und dauernd gibt es ein leidiges hin- und her.

Und die leidenden Menschen werden wieder mal total vergessen.

Die Politik sollte endlich Rechtssicherheit schaffen!

Und die Kirche hat sich bitte da raus zu halten! Das ist für eine Person primär seine eigene Frage und die für seine Familie bzw. behandelnden Ärzte.

Mohareb
10.02.2009 22:15
0 0

Die Wahrheit scheint die zu sein, dass Europa kollektiven Selbstmord begeht...

Welche Lobby wird einst den Holocaust an ungeborenem oder nicht mehr "lebenswertem" Leben in die Medien bringen und die Schuldigen auf ewig jagen ?

Je länger man Zeitung liest desto klarer filtert sich dieser eine Gedanke heraus.
Europa stirbt.
Mit Genuß und Leidenschaft ...

"aber fesch in all der teuren Wäsch ... "

Kontrahent
10.02.2009 18:54
0 0

Das Gericht hat GNADE walten lassen,

der Vater hat meine Hochachtung, daß er nicht egoistisch war und sich überwunden hat. Einen Menschen an Drähten und Schläuchen 'zappeln' lassen, welcher ohne 'Hightech' Medizin schon längst beerdigt wäre, heißt dem Lieben Gott ins Handwerk pfuschen !

Antworten hugo3
10.02.2009 19:00
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Re: Das Gericht hat GNADE walten lassen,

genau richtig formuliert
die kirche soll sich nicht in medizinische sachen einmischen
was soll man nun machen, schwerverletzte retten?, sterben lassen? wieviele jahre sind genug wenn man leidet?
wer bestimmt wann jemand unheilbar ist und keine natürlichen lebenschancen hat?

ungenaue gesetzeslage bringt uns so weit

k19
10.02.2009 16:20
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gerade Berlusconi

der eigentlich im Gefängnis sitzen würde, hätte er nicht Gesetze nach persönlichem Bedarf beschließen lassen, sollte nicht von Verbrechen reden.

Antworten outsrc
10.02.2009 16:44
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Re: gerade Berlusconi

Der Meinung bin ich auch - außerdem was ist mit Trennung von Kirche und Staat? Mit dem Vatikan als Nachbarn anscheinend nicht so leicht...

hugo3
10.02.2009 16:09
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die katholische kirche

eine altertümliche kirche will bestimmen ob einmensch der 17 jahre lang unnatürlich am leben erhalten wurde, sterben darf oder nicht!!!
dann müsste die kirche alle in den krankenhäusern befindlichen maschinen zur rettung von menschen verbieten, da dies unnatürlich ist
ab dem zeitpunkt wo ein mensch künstlich am leben erhalten wird, hat die kirche nichts zu sagen

Gast: Cervix
10.02.2009 14:32
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Widerspruch in sich!

Ich finde es absolut unzulässig, dass sich die katholische Kirche das Recht nimmt, die Angehörigen des Mädchens zu verurteilen. "Gott nehme Eluana auf und verzeihe den Menschen, die ihr dies angetan haben"

Stellen Sie sich einmal vor, wenn Sie 17 jahre gefesselt im Bett verbringen müssten. Versuchen Sie es, einen ganzen Tag, 24 Stunden vollkommen ruhig im Bett zu liegen, ohne dabei auch nur die kleinste Bewegung machen zu dürfen.

Ich weiß, ich kann hier nicht für Eluana sprechen aber selbst wenn Hirnströme da gewesen wären, wäre es dennoch nicht zu verantworten, dass jemand 17 Jahre vollkommen bewegungslos im Bett verbringen muss.

Deshalb finde ich den Satz: „Jemanden in Würde gehen zu lassen“ für vollkommen angebracht.
Die katholische Kirche ist davon überzeugt, dass die Seele nach dem qualvollen Leben in den Himmel und somit ins Paradies aufsteigt, deshalb verstehe ich nicht, wie sie jetzt so strikt gegen eine Erlösung des Leidens auf Erden sein kann.

Antworten Gast: Weltschmerz
10.02.2009 15:38
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Re: Widerspruch in sich!

Willst du die Wahrheit erfahren?... kannst du sie denn überhaupt ertragen?...

Die wahrheit ist... Menschen sollen nicht selber über das Ende ihres Lebens entscheiden dürfen... erst wenn dein Bestzer, der Staat, dir erlaubt zu sterben oder es sogar will... wirst du sterben. Dein Leid, deine Qualen und der schmerz sind bei dieser Wahrheit nie ausschlaggebend dürfen daran nichts ändern.

Antworten Antworten Gast: Tiger
10.02.2009 18:01
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Re: Re: Widerspruch in sich!

Was haben Sie den geraucht?

Gast: Julius Franzot
10.02.2009 12:31
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Richtigstellung

1. Das Urteil, welches die Suspendierung der künstlichen Ernährung von Frau Englaro als "nicht strafrechtlich relevante Tat" einstufte, war vom italienischen Equivalent des Bundesgerichtshofes (Corte di Cassazione), nicht des Bundesverfassungsgerichts (Corte Costituzionale), das nie damit beschàfrigt wurde.

2. Es war kein "Wachkoma", sondern ein richtiges Koma, wobei die Frau auf keinerlei Reize reagieren konnte.

Als derzeit in Italien lebender Publizist kann ich nicht ausschließen, dass die Berichterstattung aus Italien zu diesem Thema, das als Tretmine dient, um das Grundgesetz umzukrempeln, bewusst irreführende Nuancierungen enthält und mahne daher zu besonderer Vorsicht bei der Lektüre einschlägiger Meldungen.

Antworten Gast: Graf Gudenus
10.02.2009 19:45
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K.K. Monarchie:

Oberster Gerichts- und Kassationsgerichtshof

Name in der Republik Österreich vereinfacht. Somit nicht Bundes-, so mag es allerdings bei den Germanskis heissen

Antworten Gast: redfox
10.02.2009 15:04
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Re: Richtigstellung

wie sicher sind sie sich bei dieser aussage:

2. Es war kein "Wachkoma", sondern ein richtiges Koma, wobei die Frau auf keinerlei Reize reagieren konnte.

es gibt nämlich durchaus (medien)berichte, die auf ein wachkoma schließen lassen.
bitte klären sie mich auf.

lg redfox

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Re: Richtigstellung

Dieser Fall zeigt wieder einmal eines deutlich: Man kann ALLES aufbauschen (wenn es ganz anderen eigenen Intentionen entgegen kommt); aber auch alles kleinreden, wenn es sich umgekehrt verhält. In der konkreten Causa hätte ein einfühlsames Gespräch zwischen den Ärzten und den Eltern die Sache schon vor vielen Jahren beenden lassen können. Aber da haben sich Politik und Kirche, aus welchen Motiven auch immer, voll rein gehängt und ihr ganz eigenes Süppcihen gekocht. Doch was hätte es der im Koma liegenden Frau nützen sollen?

Abschließend noch eine Frage, die ich normalerweise nicht stelle, wenn es um den realistischen Schutz von Menschenleben geht, bzw. um eine zumindest theoretisch mögliche Chance auf einen langfristigen Heilungsprozeß:

Und wer bezahlt das alles? Vielleicht noch weitere Jahrzehnte? Hätte man sich dann nicht die Frage stellen müssen, was mit den auf diese Weise sinnlos verschleuderten Summen nicht so alles an VERNÜNFTIGEN Therapien möglich gewesen wäre?

Antworten Gast:
10.02.2009 14:00
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DANKE !


exakte Berichterstattung ist leider aus der Mode.

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Berlusconi sollte mehr um die Mafia-Opfer kämpfen!

Während sich der Regierungschef förmlich abstrudelt, eine bereits seit 17 Jahre im Koma liegende Frau "am Leben" zu erhalten, tut er noch immer so gut wie nichts, das Leben von Menschen zu schützen, die überaus massiv vom Mafia-Terror bedroht werden!

Überspitzt formuliert könnte man sagen: Der italienische Staat hält Tote (per Sondergesetze) am Leben und liefert Lebende (durch Untätigkeit) dem Tod aus...

Doch genau SO war es anderseits schon immer: Bereits Erich Kästner schrieb in einem Gedicht, daß Staat und Kirche sich nur um das Leben der Ungeborenen (bzw., wie im aktuellen Fall, um im Koma Liegende) kümmern. Ist der Mensch einmal geboren, muß er sich selbst darum kümmern, wo er bleibt.

Würde Berlusconi sich im Kampf gegen die Mafia in ähnlicher Weise einbringen und engagieren, sähe es im Süden des Landes wohl ganz anders aus. Doch wenn man selbst Gesetze biegt oder sisiert, wie man¿s gerade braucht, kann man sich schwer als Verteidiger von Recht und Ordnung profilieren!

Antworten Gast: Lucky Luciano
10.02.2009 19:10
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Re: Berlusconi sollte mehr um die Mafia-Opfer kämpfen!

Signor Magnana, il Cavaliere Berlusconi ische doch eine vo uns, capisch? Also nix da Kampf gege Mafia, capisch?

ujvar
10.02.2009 11:39
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Ein Beispiel gnadenloser Nächstenliebe auf Kosten des Leidens des Menschen dessen Leben bereits zu Ende war


Antworten ujvar
10.02.2009 11:47
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Re: Ein Beispiel gnadenloser Nächstenliebe auf Kosten des Leidens des Menschen dessen Leben bereits zu Ende war

Die Kaste der Ärzte und brutalen Humanisten wollte ein Sterben verlängern. Im Tode liegt eine Würde wenn das Ende des Lebens erreicht ist, unwürdig ist es aus dem Tod ein Leiden ohne Ende zu machen. Definitiv nein zur Sterbehilfe, doch das was die nicht am Tropfe hängende Plebs nicht versteht, hier geht es um einen unmenschliche Zwang weiter vegetieren zu sollen. Der natürliche Tode beendet das Martern durch Medizintechnik. Ärzte fürchten die Klage vor Gericht, wenn sie unsinnige und quälende Apparate abstellen.
Um deren Interessen und der Versicherun gen geht es, neben den blinden Fanatikern, dass ein toter Mensch gänzlich erlöst werden darf :(

Antworten Antworten Gast:
10.02.2009 14:01
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wie wäre es einmal mit artikel-lesen-vor-dem-heissluft-posten ?