BUENOS AIRES. Die U.S. Border Patrol war live dabei. Am Videoschirm sahen sie, wie ein mächtiger mexikanischer Sattelzug den Rückwärtsgang einlegte. Wie er in voller Fahrt den Grenzzaun platt machte. Wie zwei Männer eine Metallrampe herunterließen. Und wie Sekunden später zwei Kleinlaster aus dem LKW in die Wüste Arizonas rollten. Als die Grenzpolizisten 15Minuten später auftauchten, waren die Lieferwagen schon auf ihrem Weg. Zwei Tage später wurde eine große Menge Marihuana von Houston aus im ganzen Land verteilt, Marktwert: eine Million Dollar, schätzen US-Strafverfolger.
Mexikos Drogenbanden sind unterwegs nach Norden. Vor allem in den grenznahen US-Staaten haben sich Verbrechen ausgebreitet, die amerikanische Bürger bisher nur aus den Auslandsmeldungen kannten. In der Stadt Phoenix zählten die Polizisten im Vorjahr 366 Entführungen – ein Delikt, das es vor wenigen Jahren in Arizona praktisch nicht gab. In Tucson, nur eine Fahrtstunde nördlich der mexikanischen Grenze, hat die Polizei eine Sondereinheit gebildet, die brutale bewaffnete Überfälle auf Privathäuser aufklären soll. 200 solcher zum Teil tödlicher Fälle zählten die Behörden im Vorjahr, drei Viertel davon haben angeblich Bezüge zu mexikanischen Drogengangs.
Offenbar kämpfen Mexikos rivalisierende Kartelle um die Vertriebsnetze in den Vereinigten Staaten. Einem kürzlich vor dem US-Kongress präsentierten Bericht zufolge sollen mexikanische Banden in 230 US-Städten präsent sein, selbst in entlegenen Gemeinden wie Anchorage, Alaska oder Billings, Montana. Im August fand die Polizei von Atlanta fünf Mexikaner mit durchgeschnittenen Kehlen. Die Ermittler glauben, dass es um 450.000 Dollar Schulden aus Drogengeschäften ging. Der mexikanische Drogenkrieg, der in den vergangenen 14 Monaten über 7000 Menschenleben forderte, droht, auf die USA überzugreifen.
Das will die neue Regierung in Washington unbedingt verhindern. „Es ist nicht zu akzeptieren, dass Drogenkartelle die US-Grenze überqueren und amerikanische Bürger töten“, sagt US-Präsident Barack Obama. Am Dienstag verkündete die US-Heimatschutzministerin Janet Napolitano, dass die Polizeieinheiten an der Grenze verdoppelt werden. Außerdem soll im Rahmen eines 186 Millionen Dollar teuren Programms neue Technik angeschafft werden, um Fahrzeuge und Züge besser zu durchleuchten und Kennzeichen aus weiter Entfernung zu erkennen. „Wir wollen ein sicheres Grenzgebiet, in dem Recht und Gesetz gelten“, sagte Napolitano, die als Ex-Gouverneurin von Arizona mit dem Thema seit Jahren vertraut ist.
Clinton in Mexiko
„Mexico matters“, heißt es in Washington, Mexiko zählt. Wie die großen amerikanischen Medien übereinstimmend berichten, steht das Verhältnis zum südlichen Nachbarn ganz oben auf der außenpolitischen Prioritätenliste. Deswegen ist am Mittwoch Außenministerin Hillary Clinton südwärts geflogen und deshalb wird Präsident Obama Mitte April Mexiko-Stadt ansteuern – als erstes Ziel in Lateinamerika.
Die Vereinigten Staaten von Amerika und die Vereinigten Staaten von Mexiko sind einander in einer zwei Jahrhunderte währenden Hassliebe verbunden. Seit Mitte der 1990er-Jahre sind sie in der gemeinsamen Freihandelszone Nafta aufs Engste wirtschaftlich verflochten – mit großen Vorteilen für den nördlichen Part. Ein erheblicher Teil der zwölf Millionen illegalen Einwanderer in den USA sind Mexikaner und der überwiegende Teil ist via Mexiko in die Vereinigten Staaten eingesickert. Und dann ist da noch das Thema, das alles andere zu überschatten droht: die Drogenkriminalität.
„Gescheiterter Staat“
Unlängst stellten prominente US-Vertreter wie der ehemalige Drogenzar Barry McCaffrey, der Ex-CIA-Direktor Michael Hayden und der ultrakonservative frühere Mehrheitsführer der Republikaner im Repräsentantenhaus, Newt Gingrich, Mexiko als „failed state“, als gescheiterten Staat also, in eine Reihe mit Somalia und Afghanistan. Nachdem auch noch das US-Wirtschaftsmagazin „Forbes“ Joaquín Guzman, den Gründer des Sinaloa-Kartells, in seiner aktuellen Milliardärsliste aufführte, ritt Mexikos konservativer Präsident Félipe Calderón einen ungewohnt vehementen Gegenangriff: „Wie kann der größte Drogenmarkt der Welt funktionieren ohne Korruption in gewissen Staatsorganen der USA?“
Dieser Drogenmarkt bringt den mexikanischen Kartellen nach Schätzungen der US-Drogenbehörde DEA jährlich zwischen 20 und 30 Milliarden Dollar ein. Nach Zahlen des US-Gesundheitsministeriums haben im Jahr 2007 35 Millionen US-Bürger Rauschgift konsumiert, 25 Millionen rauchten Marihuana, fünf Millionen nahmen Kokain. 90 Prozent aller importierten Rauschmittel beziehen die USA aus Mexiko, dabei ist die „Volksdroge“ Marihuana mit 40 Prozent Marktanteil immer noch der größte Posten, gefolgt von Kokain, Designerdrogen und schließlich Heroin, das seit den 1930er-Jahren in Mexiko fabriziert und nordwärts geschmuggelt wird. So weit die eine Seite der Statistik.
Waffen aus Amerika
Auf der anderen steht, dass neun von zehn Waffen, die Mexikos Sicherheitsbehörden im Drogenkrieg sicherstellen, in US-Waffengeschäften gekauft wurden. Erst in der Vorwoche endete in Arizona ein Musterprozess gegen einen lokalen Waffenhändler, der mindestens 700 Schusswaffen, darunter viele automatische, an Strohleute der mexikanischen Kartelle verkauft haben soll. Der Mann wurde freigesprochen, weil dem Richter die Beweisführung des Generalstaatsanwalts von Arizona nicht passte. Der drängt nun auf Revision.
Die klarste Analyse kommt direkt aus dem Weißen Haus: „Die Drogen kommen nach Norden, wir senden Geld und Waffen in Richtung Süden – und als Konsequenz haben diese Kartelle eine außergewöhnliche Macht erlangt.“ Barack Obama nimmt sein Land in die Verantwortung. Kein schlechtes Entree für die erste Mexiko-Visite.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.03.2009)
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