Mehr als ein Kreis im Kornfeld?

04.07.2009 | 17:57 |  von Irene Zöch (Die Presse)

Und plötzlich sind sie da: bizarre Muster in Getreidefeldern, ja sogar regelrechte Figuren. Kornkreise beflügeln menschliche Fantasien über Außerirdische und Ufos. Zu Recht?

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Libellen, Quallen, Vögel oder einfach nur Kreise: Die Muster sind ebenso vielfältig wie die Erklärungen für ihr Erscheinen. Jeden Sommer tauchen sie wieder auf, die meist geometrischen Formen in Getreidefeldern. Und jeden Sommer beflügeln diese Kornkreise die Fantasie der Betrachter auf ein Neues.

Schnell sind passende Entstehungstheorien parat: Die Außerirdischen waren's. Nein, alles nur Wetterphänomene. Oder Tiere. Oder sind doch Menschen am Werk, die die Anhänger des Paranormalen einfach nur ärgern wollen?

Das Zentrum der Getreidekreise ist unumstritten England: Seit Beginn der heurigen Saison, Anfang April, sind dort 15 verschiedene Formen und Muster entdeckt worden: Ringe im leuchtend gelben Raps, Quallen im grünen Weizen, eine riesige Libelle in einem Gerstenfeld. Bis die Farmer das Getreide dreschen, werden noch einige Formen dazukommen. Im Vorjahr waren es mehr als 50. Egal, ob die Halme kreisförmig zu Mandalas gebogen und gepresst sind oder zu mehreren hundert Meter langen Figuren – alle Formen sind von bestechender Symmetrie. Und sie entstehen immer im Schutz der Dunkelheit. Am Morgen sind sie einfach da – keine Spuren menschlicher Tätigkeit, keine Gerätschaften.

Deswegen hält sich unter „Cerealogen“, wie sich Kornkreiskenner nennen, auch hartnäckig die These, dass die Muster beim Landen oder Starten von Ufos entstehen. Außerdem ist das Getreide nicht abgeschnitten oder ruiniert, sondern umgebogen oder niedergedrückt – genauso, wie es auch nach heftigem Regen zu beobachten ist.

Der Kreismacher. Während eine Gruppe von österreichischen Kornkreisfanatikern an einen „kosmischen Weckruf“ glaubt, hat eine englische Künstlergruppe einfachere Erklärungen parat. Man nehme: Holzbretter, an deren Enden Seile befestigt sind. Diese halte man fest in den Händen. Dazu verwende man eine kleine Walze, Taschenlampe und ein Maßband. So einfach.

Das behauptet John Lundberg, der es eigentlich wissen müsste, nennt er sich doch „Circlemaker“. Auf seiner Homepage gibt er Tipps, was man als angehender „Kreismacher“ zu beachten hat: „Wählen Sie einen gut einsehbaren Ort, denn gute Sichtbarkeit macht das halbe Kunstwerk aus. Legen Sie Ihre Kreise an Energielinien an, das unterstützt die These, dass Aliens an der Entstehung beteiligt waren“.

Auf Lundberg geht eine Vielzahl an Getreidemustern zurück. Er versteht so viel vom Kreisemachen, dass er dafür sogar bezahlt wird. Nike engagierte ihn für Werbekampagne in Italien. Dafür setzte er die Fußabdrücke eines Riesen in die Landschaft. Um die Bewerbung Londons für die Olympischen Sommerspiele 2012 zu unterstützen, presste er die olympischen Ringe in ein Feld. Für eine dänische Zeitung schrieb er „Große Worte“ ins Getreide.

„Es geht darum, etwas zu erschaffen, von dem die Leute glauben, dass es jenseits menschlicher Schaffenskraft liege“, erklärte Lundberg in einem Interview mit einer englischen Zeitung. Der Landschaftskünstler spielt ganz bewusst mit den Alienmythen. Er richtet seine Muster so aus, dass auch die Cerealogen auf ihre Rechnung kommen und ihnen verschiedene Interpretationen möglich sind.

Obwohl der Begriff „crop circle“ erst im Jahr 1997 Eingang in das „Oxford English Dictionary“ fand, wurden ähnliche Phänomene schon viel früher beschrieben. 1678 machte man in England noch den Teufel für Getreidemuster verantwortlich, 1880 Wetterphänomene, erst 1966 kamen Ufos ins Spiel. Weltweit werden an die 10.000 Kreise aufgelistet: In Österreich entdeckte man 1999 den ersten im Weinviertel, bis 2004 folgten sieben weitere.

Der Spaßmacher. Beschwerden über die Zerstörung der Ernte gibt es immer wieder, aber längst können zumindest die britischen Farmer am Besichtigungstourismus mitschneiden: Ein Landwirt in Stonehenge hat angeblich 30.000 Pfund mit Eintrittsgeldern verdient.

Und Lundberg, dem Kornkünstler, geht es in erster Linie um den Spaß an der Sache. Denn ganz oben auf seiner Anleitung zur Erstellung eines Kornkreises steht: „Gehen Sie in ein Pub, und warten Sie dort, bis es völlig dunkel ist.“ Und das kann lange dauern.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.07.2009)

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