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Schweden: „Gelsen wie Kampfpiloten“

20.07.2009 | 18:28 |  Von unserem Korrespondenten HANNES GAMILLSCHEG (Die Presse)

Eine Blutsaugerplage ungekannten Ausmaßes quält Menschen am Dalälv-Fluss. Die Wut der Bewohner richtet sich gegen die Behörden, die den massiven Einsatz von Bekämpfungsmitteln verboten haben.

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Stockholm. Mit seinen alten Höfen, Äckern und Weiden ist Österfärnebo am unteren Dalälv schwedische Sommeridylle à la Bullerbü. Doch keine Kinder toben über die Wiesen, das Vieh steht im Stall, der Ort ist ausgestorben wie ein Gespensterdorf. Wenn sich doch jemand nach draußen wagt, ist er vermummt wie ein Imker am Bienenstock. Millionen Gelsen machen Mensch und Tier das Leben zur Qual, schon der Weg vom Auto zur Haustür reicht, um von Blutsaugergeschwadern überfallen zu werden.

„Wie Kampfpiloten“ attackierten die Gelsen, sagt Maria Brook. Nur mit dicker Jacke und Jeans, Handschuhen und einem mit Mückennetz versehenen Hut kann sie den Hof verlassen: „Das wird ganz schön heiß bei Temperaturen um 25 Grad.“ Der Fluss Dalälv ist als Insekten-Dorado bekannt, doch so schlimm wie heuer war es noch nie. „Wir können nur drinnen sitzen und einander anglotzen“, sagt Brook. „Die Kinder haben Ferien und müssen vor dem PC hocken. Die Tiere leiden“, erzählt Rolf Lunden. Sein elektrischer Insektentöter ist so voll von Gelsen, dass er den Geist aufgab.

Die Wut der Bewohner richtet sich gegen die Behörden, die den massiven Einsatz von Bekämpfungsmitteln verboten haben. In einem von Stockholms mondänen Vororten hatte man in einem Insektenfänger nach einer Nacht 4700 Gelsen gezählt. Das reichte für einen Dispens. „Wir hatten 88.000“, sagt Lunden, „und wir bekamen ein Nein.“

 

Flussregulierung und Klimawandel

Bei Ista, ein Stück weiter am Dalälv-Fluss, hat die Chemikalienaufsicht zwar die Besprühung mit dem biologischen Mittel auf Bakterienbasis, BTI, erlaubt, einen 600 ha großen Naturpark aber ausgespart. „Das half eine Woche, dann waren sie wieder da“, sagt Ingrid Bergman, die dort wohnt. „Insekten können bekanntlich fliegen.“ Bald könnten die Schwärme noch dichter werden, denn wenn nach einer Überschwemmungsperiode das Wasser sinkt, schlüpfen die Larven besonders gut.

Der Biologe Christer Nilsson gibt den großen Stromkonzernen Mitschuld an der Plage. Der Dalälv ist hart reguliert. Früher hatte er im Frühling viel Wasser und im Sommer wenig. Das passte zur Natur. Jetzt ist es umgekehrt, das passt Vattenfall, Fortum – und den Stechmücken. Jetzt erbarmt sich das Naturschutzwerk und erlaubt ausnahmsweise großflächigen BTI-Einsatz. Man werde aber die Folgen auf die übrige Fauna und Flora anschließend sehr genau studieren.

Experten befürchten, dass das, was nun am Dalälv zu Ausnahmezuständen führt, künftig in Schweden der Normalfall sein wird. Die besonders aggressive Auwaldmücke (Aedes sticticus) hat sich in den vergangenen Jahren „explosionsartig“ vermehrt, sagt Martina Schäfer, Biologin an der Universität Uppsala. Ursache sei der Klimawandel. „Hält der Temperaturanstieg an, wird sie sich in den kommenden Jahrzehnten auf das ganze Land ausbreiten.“ Dann gibt es die schwedische Sommeridylle nur noch in deutschen Fernsehschnulzen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.07.2009)

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1 Kommentare
0 0

haha?

das ist nix gegen die prater-steckmücken-kaliber. Erst neulich wurde ich von denen so bearbeitet, dass ich seit tagen eine handtellergrosse, schmerzhafte entzündung am oberarm habe. So üble, infektiöse gelsenstiche sind mir neu.

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