Als Bonface Nyagah vor neun Jahren Elizabeth kennenlernte, musste er sich mächtig ins Zeug legen, die junge Frau zu umwerben. Er lebte in der kenianischen Hauptstadt Nairobi, Elizabeth zeitweise bei ihren Eltern auf dem Dorf. Ein Mobiltelefon hatte keiner von beiden, und so musste Bonface sich etwas einfallen lassen. „Von einem öffentlichen Telefon in Nairobi rief ich eine Telefonzelle im Einkaufszentrum im Dorf an, dem einzigen Telefon im Ort“, erinnert sich der 29-Jährige heute. „Ich hoffte, dass jemand, der vorbeikam, den Hörer abnahm. Diese Person musste ich dann überzeugen, Elizabeth im Dorf zu finden und ihr Bescheid zu sagen, wann ich wieder anrufen würde. Wenn ich dann zum vereinbarten Zeitpunkt kein freies Telefon in Nairobi fand, während Elizabeth an der Telefonzelle wartete, war mir Ärger sicher“, schmunzelt er.
Doch die Ankunft des Mobiltelefons in dem afrikanischen Land hat das Leben der Menschen verändert. Die Telefonzelle existiert nicht mehr, und wenn Bonface Nyagah, der in Nairobi bei einer deutschen Organisation arbeitet, heute seine Schwiegermutter in dem Dorf sprechen will, greift er zum Handy. Sein Mobilfunkanbieter ermöglicht ihm zudem, ihr Geld zu schicken, ohne dass er sich vom Sofa erheben muss: Guthaben, das er zuvor auf sein Handykonto geladen hat, wird an die Nummer seiner Schwiegermutter geschickt, die per SMS benachrichtigt wird und sich das Geld bei einem Agenten des Mobilfunkanbieters auszahlen lassen kann.
Dieser Geldtransferdienst ist äußerst erfolgreich, weil kaum jemand, der in Afrika auf dem Land lebt, ein Bankkonto hat. Doch selbst wenn, befindet sich die Bank in einer größeren Stadt, die zu erreichen zeit- und geldaufwendig ist. „Früher hätte ich meiner Schwiegermutter einen Brief schreiben müssen, dass ich ihr per Postanweisung Geld schicke“, sagt Bonface Nyagah. „Und die Post ist bis heute nicht zuverlässig.“ Wenn die Bäuerin wissen will, auf welchem Markt sich der Verkauf ihrer Tomaten am meisten lohnt, nutzt sie eine Hotline der Regierung, die ihr die täglichen Preise bequem per SMS noch vor dem Aufstehen aufs Handy schickt.
Im Gegensatz zu Europa haben die meisten Handynutzer in Afrika keinen festen Vertrag, sondern laden je nach Bedarf Guthaben auf. Eine mobile Telefonverbindung ist so unkompliziert erworben wie die Tageszeitung: Unzählige Vertreter von Mobilfunkanbietern verkaufen SIM-Karten für weniger als einen Euro und Guthaben gleich dazu. Registrierungen sind nicht notwendig. Ein einfaches Handy ist schon für knapp 20 Euro zu haben. Bonface Nyagahs Frau Elizabeth erspart sich inzwischen das Schlangestehen bei ihrer Bank und dem Stromanbieter: Sie bezahlt per Handy die Stromrechnung und lädt gleich auch neues Guthaben auf. Und Ehemann Bonface ist nie wieder mehr als ein paar Handytasten von ihr entfernt.
Vielen Entwicklungsländern erlaubte die Ankunft der Mobilfunktechnik, die Festnetzära einfach zu überspringen und in ein neues Telekommunikationszeitalter einzutreten. Für die Industrienationen hingegen waren die ersten Handys bloß ein weiterer Technologiesprung, der das Arbeiten effizienter und das Leben bequemer machte. Und nicht einmal davon waren alle Zeitgenossen einst überzeugt: Als Anfang der Neunziger in Österreich die ersten GSM-Handys auf den Markt kamen, ergossen sich griesgrämige, kulturpessimistische Glossen über die Zeitungsseiten, in denen die ersten Mobiltelefonierer als eitle, dauerquasselnde Wichtigtuer abgetan wurden. Das Handy wurde vielfach als Fluch und nicht als Segen gesehen.
Chinas neue Kulturrevolution. Nicht so in China. Dort galt das Mobiltelefon von Anfang an als Schlüssel zum beruflichen Erfolg. So auch für Amy. Sie hat sich einen amerikanisch klingenden Namen zugelegt und trägt ihn voller Stolz. Sie heißt eigentlich Shi Xiaoyan und hat einen kleinen Anteil an der Mobilfunkrevolution in China, die auch dort Arbeit und Alltag umgekrempelt hat.
Amy spricht beinahe akzentfrei Englisch, hat eine prestigeträchtige Universität besucht und einen Job bei einer der besten chinesischen Firmen: Huawei. Die junge PR-Frau führt durch den Campus der in Longgang nahe Shenzhen ansässigen Telekomfirma. Kurz getrimmtes Gras, moderne Wohnblocks für die Angestellten, eine futuristische Steuerungszentrale des weltweiten Kundenservice. Die Innenarchiktektur des Gebäudes würde sich vorzüglich als Filmkulisse für einen James-Bond-Film eignen. Sucht man nach dem China des 21. Jahrhunderts, hier findet man es.
Dabei kennt kaum jemand außerhalb der Telekombranche den Markennamen Huawei, doch wer in Österreich mit seinem Laptop mobil im Internet surft, tut dies mit größter Wahrscheinlichkeit mit einem Modem der chinesischen Firma. Und Huawei hat einen nicht unwesentlichen Anteil daran, dass China mit 677 Millionen mobilen Anschlüssen heute der größte Mobiltelefoniemarkt der Welt ist: 10.000 neue SIM-Karten werden dort jede Stunde verkauft. Fast die gesamte chinesische Netzinfrastruktur, die Mobilfunkmasten und Verteilerkästen, die Vermittlungsanlagen und Sprachboxserver stammen aus der Hand von Huawei.
Szenenwechsel: Das charmante, vielleicht ein wenig heruntergekommene Dorf Liugong in der Nähe der Touristenhochburg Yangshou in der autonomen Region Guangxi im Süden des Landes. Junge Menschen leben nur mehr wenige hier, die meisten arbeiten in den größeren Metropolen Guangzhou, Shenzhen oder Chongqing. Gekocht wird auf offener Flamme, Farbfernseher oder DVD-Player ist in Liugong Luxus – ein Handy nicht.
Wie sonst soll man mit den Kindern, die in die Städte abgewandert sind, in Kontakt bleiben, wie sonst kommen die Bauern an Wetterinformationen, Anbau- und Pfanzenschutztipps und Preisinformationen von den nahe gelegenen Märkten?
Wachstumsmotor Mobiltelefon. Was der chinesische Mobilfunkgigant China Mobile anbietet, hat der finnische Konzern Nokia in Indien auf den Markt gebracht. Ein Handy mit „Nokia Life Tools“, einem System, das ganz auf die Bedürfnisse in Entwicklungsländern zugeschnitten ist: Englisch lernen, Preiskalkulationen für die Landwirtschaft, aber auch so lebenswichtig-nebensächliche Informationen wie die neusten Kricketergebnisse oder das aktuelle Horoskop zu liefern. „Nokia Life Tools hilft dabei, die digitale Kluft zu überbrücken“, heißt es in einer Aussendung des Unternehmens.
Die Behauptung Nokias ist zwar selbstgefällig, aber auch stichhaltig: In einer von Vodafone in Auftrag gegebenen Studie mit dem Titel „India: The Impact of Mobile Phones“ heißt es, dass ein zehnprozentiges Wachstum der Anzahl von mobilen Anschlüssen zu einem Wirtschaftswachstum von 2,8 Prozent führt. Die Studienautoren schränken allerdings ein, dass sich dieser positive Wachstumseffekt erst einstellt, wenn mindestens 24 Prozent aller Konsumenten über ein Mobiltelefon verfügen. Eigentlich logisch: So lange es kaum jemanden gibt, den man anrufen könnte, hat es wenig Sinn, ein Telefon zu besitzen.
Vom Elitenspielzeug zum Volkstelefon.Doch das ist in Indien nicht das Problem: Es gibt genügend potenzielle Gesprächspartner – mehr als 400 Millionen Menschen in Indien besitzen ein Handy. Bis Ende 2010 sollen es mehr als 500 Millionen sein, die Zahl der Mobiltelefonierer steigt derzeit rasant an, die Tarife sind günstig. Das Handy ist auch in Indien vom überteuerten Spielzeug für die reiche Elite in den Großstädten zum „Volkstelefon“ geworden.
Man braucht nicht einmal mehr Zugang zum Stromnetz, um sein Mobiltelefon aufladen zu können. Der koreanische Elektronikriese Samsung hat die jüngste Handygeneration mit Solarzellen ausgestattet. In den Dörfern der Entwicklungsländer spielt sich ein regelrechter großer Technologiesprung nach vorn ab: Denn oft gab es bisher in vielen Orten nicht einen einzigen Festnetzanschluss. Für viele Menschen hier ist das Handy das erste Telefon.
Die Entwickler bei Indiens Telekommunikationskonzernen warten mit langen Listen auf, wozu man das Handy vor allem auf dem Land noch nutzen könnte, außer zum Telefonieren. Das „Center for Knowledge Societies“ (CKS) hat in einer von Nokia finanzierten Studie Ideen zusammengetragen, wie das Handy auf dem Land zusätzlich genutzt werden könnte. Eine wäre Transport: Beinahe die Hälfte aller Dorfgemeinschaften in Indien sind nicht an das öffentliche Nahverkehrsnetz angeschlossen. Nur einer von 100 Haushalten besitzt ein Fahrzeug. Dorfbewohner könnten sich per Handy zu Fahrten etwa in die nächstgelegene Stadt verabreden und von dort einen Kleinbus anfordern.
Im südindischen Bundesstaat Kerala hat sich das Leben der Fischer schon vor Jahren durch den Einsatz von Mobiltelefonen verändert. Früher konnten die Fischer, wenn sie auf hoher See einen guten Fang gemacht hatten, nur per Zufall entscheiden, welchen Hafen sie anlaufen, um ihren Fisch zu verkaufen. Hatten sich viele andere Fischer ebenfalls dazu entschieden, denselben Hafen anzulaufen, sank der Marktpreis. Die Fischer standen dann vor der Wahl, ihren Fisch billig zu verkaufen oder einen anderen Hafen anzufahren – was jedoch erneut mit hohen Treibstoffkosten verbunden war.
Heute jedoch telefonieren die Fischer mit den Händlern an Land, während sie noch auf See sind. Sie verhandeln den Preis und laufen gezielt in jenem Hafen ein, in dem sie den größten Gewinn machen.
„Ein Element von Armut ist der Mangel an Informationen“, sagte C.K. Parahalad, Professor für Wirtschaftswissenschaften an der Universität Michigan. „Das Mobiltelefon gibt armen Menschen genau so viele Informationen, wie die Mittelsmänner besitzen.“ Die Macht über die Preise habe sich damit von den Zwischenhändlern auf die Fischer übertragen.
Vom Liebeswerben im afrikanischen Kenia bis zum Fischhandel im südindischen Kerala: Das Mobiltelefon hat alles verändert.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.11.2009)

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