Auch 72 Stunden nach dem blutigsten Massaker innerhalb der US-Streitkräfte war der meistzitierte Satz die Warnung von US-Präsident Barack Obama, "nicht vorschnell zu urteilen, bevor wir alle Fakten haben". Auch die linke Zeitschrift "The Nation" warnte vor der "schrecklich vorhersehbaren Islamphobie" (Islamangst).
Allerdings gibt es auch Gründe, in dem Blutbad von Fort Hood nicht nur den "Amoklauf" eines psychisch gestörten Menschen zu sehen, der seine Versetzung nach Afghanistan fürchtete. "Zu ängstlich, um Terrorismus zu erkennen", kommentierte die konservative "Washington Times" und kritisierte die "politische Korrektheit" in den USA, die es verhindere, den Anschlag beim Namen zu nennen.
Tatsächlich trägt das Blutbad in der größten US-Militärbasis der Welt Züge eines Terroranschlags, auch wenn es kein Angriff islamischer Extremisten war, auch wenn kein "Schläfer" die Tat beging, also ein Terrorist im Wartestand, der auf Befehl von außen losschlägt. Vieles deutet darauf hin, dass es sich um einen Anschlag aus der Mitte der Gesellschaft handelt, in diesem Fall sogar aus der Mitte der Streitkräfte.
Denn die Tat von Fort Hood war offensichtlich kein spontanes Ausrasten, sondern von langer Hand vorbereitet. Der Militär- Psychiater Major Nidal Malik Hasan muss nach Erkenntnissen der Ermittler die Waffen entgegen den Vorschriften heimlich in die medizinische Einrichtung geschmuggelt haben. Sein Hab und Gut hatte Hasan vor dem Massaker verschenkt, selbst seinen Koran. Und er handelte offensichtlich aus lang angestautem Hass auf Amerika.
Der Cousin des Täters, Nader Hasan, nannte ihn zwar in TV- Interviews einen "guten Amerikaner", der nur im Laufe der Zeit immer aufgebrachter über die Kriege im Irak und Afghanistan geworden sei. Aber seit längerem schon scheint der Psychiater islamistische Thesen vertreten und grundsätzlich die USA und ihre Werte abgelehnt zu haben. Er lobte US-Medien zufolge in Web-Beiträgen islamische Selbstmordattentäter, sah im Kampf der USA gegen den Terrorismus einen "Krieg gegen den Islam". Hasan lehnte die Kriege im Irak und Afghanistan strikt ab, fühlte sich als Opfer anti-islamischer Diskriminierung in den USA.
Der Sohn palästinensischer Eltern war den US-Streitkräften beigetreten, die ihm die Ausbildung zum Psychiater ermöglichten. Er sollte US-Soldaten psychisch stabilisieren helfen. Stattdessen richtete er - "Allah ist groß!" rufend - ein Blutbad unter den unbewaffneten Militärangehörigen an. "Wenn Major Nidal Malik kein Terrorist ist, dann ist das niemand", meinte die "Washington Times".
In den USA wäre der Kampf gegen eine solche Form des individuellen Terrorismus wegen der liberalen Gesetze und des hohen Stellenwerts der Meinungsfreiheit besonders schwierig. Denn anders als die Behörden in Deutschland darf in den USA das US-Bundeskriminalamt FBI Hass-Botschaften im Internet nicht verfolgen. Also können Personen wie Hasan oder James W. von Brunn, der jüngst in Washington im Holocaust-Museum einen Mann tötete, ihre extremen Thesen ungestraft und ungehindert verbreiten.
Dennoch müssten sich die Verantwortlichen im Pentagon und vor Ort fragen lassen, ob sie die Alarmzeichen bei Hasan nicht hätten früher sehen müssen, schrieb die "Washington Post". Die Tat von Fort Hood hat auch eine politische Bedeutung. Es könnte ein erstes Zeichen für ein bitteres Erwachen des "neuen Amerika" von Barack Obama sein. Denn mit der Ablösung von George W. Bush im Weißen Haus ist Amerikas Konflikt mit dem Islamismus keineswegs verschwunden - abstrakt war das allen klar, das Massaker in Texas aber wirft ein neues Schlaglicht darauf.
Falls Obama dem Wunsch der Militärs folgt und die Truppen in Afghanistan massiv verstärkt, wird er trotz des Friedensnobelpreises für viele in der islamischen Welt als Kriegspräsident gelten - wie Bush. "Das Blutbad unter den Soldaten von Fort Hood trifft ein Amerika, das im Gegensatz zu Europa seine arabischen Immigranten noch nicht in eine arme und verbitterte Unterklasse verwandelt hat und ein Amerika, das bisher noch nicht attackiert worden war von terroristischen Kindern des amerikanischen Islam", kommentierte die italienische Zeitung "Corriere della Sera".
(Ag. )

Blutbad in Texas: ''Entsetzlicher Ausbruch der Gewalt''
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