Daheim ist Hassan überall dort, wo er seinen Teppich ausrollt. Heute breitet ihn der alte Mann im grobkörnigen Wüstensand des Wadi el Gemal aus. Sein Blick schweift in die Ferne und bleibt an den mächtigen weißen Bergen am Horizont hängen. Dann beginnt der Beduine mit erstaunlich kräftiger Stimme zu singen. Über Dattelpalmen, Zitronenbäume und die Ehrfurcht vor dem Leben.
In einer rußigen Blechschale, die vor ihm steht, glimmt ein wenig Glut. Darin ruhen bauchige Tongefäße, in denen Kaffee mit Ingwer und Kardamom köchelt. Mit spitzen Fingern nimmt Hassan einen der Krüge und gießt das duftende Getränk in kleine Keramikbecher. Sein Gesang stockt. „Nimm viel Zucker und trink mindestens drei. Das bringt Glück“, sagt er und reicht die Becher in die Runde. Würzig brennt der klebrig-süße Kaffee auf der Zunge.
Die Sonne heizt unerbittlich in das Tal. Wadi el Gemal – das Tal der Kamele – liegt inmitten des mehr als 7000km2 großen gleichnamigen Nationalparks im südlichen Zipfel Ägyptens. Dort reicht die arabische Wüste mit den zerklüfteten Bergen bis an das Rote Meer. Scheinbar unwirtlich, ist das Gebiet Heimat für Nomadenstämme. Die 45 Stämme Ägyptens umfassen rund 300.000 Menschen. Nomadisch leben nur mehr die wenigsten von ihnen. So wie Hassan vom Stamm al-Ababda, der mit seinem Vieh durch die Wüste zieht. Die meisten sind aber längst sesshaft geworden. So groß und vielfältig das Wüstengebiet im Land der Pharaonen ist, so unterschiedlich sind auch die einzelnen Stämme.
Museum für Stammeskultur. Heute sind sie alle in den Nationalpark Wadi el Gemal gereist. Drei Tage lang wird dort gesungen, musiziert, gegessen. In Sportbewerben treten die Stämme gegeneinander an. Rund 400 Menschen von acht Stämmen sind gekommen. „Ägyptens Wüstenbewohner sind eine Minderheit, die nicht so viel beachtet wird. Wir wollen ihre reiche Kultur und Tradition zeigen“, erklärt Lynn Freiji vom „Wadi Environmental Science Center“, einer Organisation, die sich mit der Vermittlung von Lebensart und Kultur der Beduinen befasst und das Festival „Characters of Egypt“ organisiert hat. Ihre Organisation arbeitet an der Entstehung eines Museums über Stammeskultur. Derzeit wird gesammelt und dokumentiert: Bekleidung, Schmuck, Alltagsgegenstände, Musik und Tänze.
Das Fest richtet sich an Besucher von auswärts, an Reisende, die das „andere“ Ägypten kennenlernen möchten. Obwohl das Treffen keine traditionell gewachsene Zusammenkunft der Stämme ist – wie das bis vor wenigen Jahrzehnten noch üblich war –, sondern erst vor zwei Jahren ins Leben gerufen wurde, ist es (noch) nicht zur folkloristischen Touristenveranstaltung verkommen. Hier werden keine Souvenirstände mit Billigkitsch aufgebaut, hier verlangt keiner Bakschisch. Im Wadi el Gemal geht es heute um die Lust am einfachen Leben und um die Schönheit der kargen Landschaft. Die Mühen des Alltags sind erst einmal vergessen.
Mohamed zerrt am Zügel und setzt seinem Kamel die Knie ein. Die Ziellinie vor Augen, treibt der Elfjährige das schlaksige Tier an. Das Kamel wirft seine langen Beine nach vorn und passiert unter begeisterten Rufen der Zuschauer als Erstes die Linie im Sand. Der junge Jockey reißt die Hände in die Höhe und jubelt. Immerhin hat Afram, das Kamel, dem kleinen Beduinen gerade 15.000 ägyptische Pfund eingebracht.
Mohamed und seine Stammesbrüder haben mehr als 1100 Kilometer zurückgelegt, um von ihrer Heimat Süd-Sinai bis Wadi el Gemal zu kommen. Ibrahim Suleimans koreanischer Mittelklassewagen parkt hinter den Zelten aus groben Decken. Der 31-Jährige hat das Auto mit einer Plane abgedeckt, damit der Wüstensand den Lack nicht beschädigt. Wie alle seines Stamms wohnt er in einem Dorf im Süden der Halbinsel Sinai. Das ursprüngliche Beduinenleben seiner Vorfahren ist nicht mehr das seine. Wie 80 Prozent der Stammesangehörigen in Ägypten arbeitet Ibrahim in der Tourismusbranche und bietet Wüstentouren an. Und so oft wie möglich fährt er mit seinen Freunden hinaus in die Wüste, sitzt ums Lagerfeuer, musiziert und schläft unter den Sternen. Den Rest des Jahres hat er doch lieber ein Dach über dem Kopf.
Jetzt wird gekocht. Die Zeit des Ziegenbocks ist gekommen – oder abgelaufen: Ein Stamm nach dem anderen, der im Wadi el Gemal lagert, beginnt mit den Vorbereitungen für das Abendessen. Zuerst geht es dem jungen Bock an den Kragen. Während das Tier geschlachtet, gehäutet und ausgenommen wird, gräbt Ibrahim ein Loch in den Sand und zündet ein Feuer an. Passt die Glut, wird das Fleisch daraufgelegt, ein großer Alutopf darübergestülpt und alles wieder mit Sand bedeckt. Von der Ziege ist nichts mehr zu sehen, nur ein kleines Lagerfeuer lodert dort, wo ihr Fleisch vergraben wurde. In ein paar Stunden wird das Essen fertig sein, erklärt Ibrahim und bringt ein Glas Tee. Gastfreundschaft wird hochgehalten bei den Beduinen.
Frauen sind beim Feiern in der Wüste nur wenige zu sehen. Allein die Nubier haben weibliche Begleitung mitgebracht. Auf dem Feuer vor ihrem Zelt haben sie Okra-Eintopf gekocht, dazu gibt es Fladenbrot. Unter dem Wüstensand schmort auch dort eine Ziege. Dann wird wieder Musik gemacht: Über ihren langen bunten Kleidern tragen die Frauen Überkleider aus schwarzer Spitze, auf dem Kopf ein Tuch. Die Hände in der Höhe, stampfen sie im Takt zur Musik.
Als es dunkel wird, breitet sich Ruhe über das Tal aus. Vor den Zelten lodern Feuer, leise Musik ist zu hören. Auch der alte Hassan stimmt in ein Lied ein, nachdem er seinen Teppich als Nachtlager im Wüstensand ausgerollt hat.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.11.2009)

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