WASHINGTON. Sie hatten gerade noch ihre Haut gerettet vor der Flut; sie hockten auf Dächern oder zusammengepfercht in engen, stinkenden Notunterkünften, oft hunderte Meilen von der Heimat entfernt. Sie hatten zusehen müssen, wie ihre Habseligkeiten davonschwammen und in der braunen Brühe untergingen. Die Ohnmacht wich der Wut, weil sie sich in ihrem Elend von der Regierung in Washington alleingelassen fühlten. Mehr als vier Jahre ist es her, dass im Spätsommer 2005 Hurrikan Katrina entlang der Südküste der USA eine Schneise der Verwüstung geschlagen und die Stadt New Orleans in ein Katastrophengebiet verwandelt hat, das mehr an Bangladesch erinnerte als an eine Supermacht. Präsident George W. Bush weilte auf Urlaub, die Notfallpläne und das Deichsystem waren überaltet, Hilfskräfte anderweitig gebunden oder überfordert. Plünderungen und chaotische Szenen schockierten die Öffentlichkeit, aus allen Teilen der Welt kamen Hilfsangebote. Mehr als 1800 Menschen starben, mehr als eine Million Menschen verlor ihre Existenz.
„Hurrikan-Highway“
Zehntausende Katrina-Opfer schöpfen nun aber neue Hoffnung. In einem wegweisenden Urteil hat Richter Stanwood Duval in einem Prozess vor einem Bezirksgericht von New Orleans zum Teil menschliches Versagen als Ursache für die Katastrophe festgestellt. Der Richter zieht das Ingenieurkorps des US-Militärs zur Verantwortung. Fahrlässigkeit und Kurzsichtigkeit, so seine Begründung, hätten das Ausmaß der Schäden verschlimmert. Die Streitkräfte hätten es wider besseren Wissens verabsäumt, einen 76 Meilen langen Kanal zwischen New Orleans und dem Golf von Mexiko zu modernisieren. Der Kanal habe sich im Lauf der Jahre immer mehr verbreitert, Salzwasser sei eingesickert und habe die Deiche unterspült. Schließlich sei der Kanal zu einem „Highway“ für die Sturzflut geworden.
Das Bezirksgericht hat sechs Klägern, die im besonders betroffenen neunten Bezirk gelebt haben, Schadenersatzzahlungen von insgesamt 720.000 Dollar zugesprochen. Eine Klage aus dem Ostteil von New Orleans hat das Gericht indes abgewiesen.
Duval hat mit seinem Urteil einen Präzedenzfall geschaffen. Auf Washington könnte eine Klagewelle zurollen. Zehntausende Opfer des Hurrikans sehen sich jetzt wahrscheinlich ermutigt zu klagen. Die Sache droht, für die Regierung kostspielig zu werden: Die Forderungen könnten sich, so eine Schätzung, auf bis zu 500 Milliarden Dollar beziffern. Fast eine halbe Million Klagen gegen die Regierung sind bereits jetzt anhängig.
Anwälte wollen Opferfonds
Joe Bruno und Pierce O'Donnell, die Anwälte der Klagsparteien, bemühen sich in Washington um unbürokratische Hilfe. Sie wollen den Kongress überzeugen, einen Opferfonds einzurichten, damit das Geld auch denjenigen möglichst rasch ausbezahlt werden kann, die erst noch um ihr Recht streiten müssen.
Das letzte Wort in der Causa ist längst nicht gesprochen. Die Streitkräfte haben Einspruch gegen das Urteil eingelegt. Sollte ihrer Beschwerde nicht stattgegeben werden, könnte sich das Verfahren bis zum Obersten Gerichtshof ziehen. Das Militär beruft sich darauf, dass ein Gesetz von 1928 es im Fall von Dammbrüchen von Schadenersatz befreit. Und es argumentiert, dass selbst ein völlig intakter Kanal den Wassermassen des Jahrhundertsturms nicht standhalten hätten können.
■Das US Army Corps of Engineers (USACE) entstand im Unabhängigkeitskrieg 1775–83. Es besteht aus etwa 700 Soldaten und 35.000 Zivilisten und ist für Bauten wie Kasernen, Kriegsbrücken und Bunker zuständig, wird aber auch für zivile Projekte wie Deiche und Straßen (etwa Alaska-Highway) herangezogen.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.11.2009)

Katrina: Bilder der Zerstörung
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