Nur die großen Froschaugen lugen blinzelnd aus dem Wasser. „Das ist ein großer Bursche“, sagt Jim Boulet mit dem Kennerblick eines altgedienten Kapitäns über den Alligator, der dicht am Schilf, an der Schleuse, regungslos ausharrt und auf Beute lauert. Beim Krabbenfang in den Bayous rund um Larose, südwestlich von New Orleans, beobachtet der 80-Jährige den Bewegungsablauf der Tiere, die auf der Jagd nach großen und kleinen Fischen, Insekten und Würmern sind.
Der Bussard, der auf dem Ast hockt; der Kranich, der im seichten Wasser stolziert; die Möwen, die über dem Bayou Lablue segeln; die Meeräschen, die in hohem Bogen aus dem Wasser springen – sie navigieren den Fischer zu den Jagdgründen in dem nur bis zu zwei Meter seichten Labyrinth des Mississippi-Deltas mit seinen unzähligen Nebenflüssen, Seitenarmen und Kanälen, die sich bis zum Golf von Mexiko ausbreiten.
Dieses fragile Ökosystem von Flora und Fauna ist von einer Ölpest bedroht, die einen Teil der Golfküste in die Zange genommen hat. Mit jedem Tag wächst in Port Fourchon – wo die Werft die Stahlglocke hergestellt hat, die das Leck umschließen soll – und auf Grand Isle die Gefahr, dass der Ölschlick an Land schwappt und in die Bayous einsickert. Aber auch dort haben die Ölfirmen längst Bohrstationen installiert, die sie mit weißen Stecken abgezirkelt haben, und unterirdische Pipelines gelegt. „Aber die Firmen müssen dafür sorgen, dass sie die Natur wiederaufbauen“, erklärt Jim, den viele bei seinen Initialen nennen: JB.
Risken und Möglichkeiten
„Würden wir versuchen, das Marschland vom Öl zu säubern, würden wir einen noch größeren Schaden anrichten“, glaubt sein Sohn Henri. Im Katastrophenfall hofft er ein wenig fatalistisch auf den Kreislauf der Natur, der im Süden Louisianas den Lauf der Dinge bestimmt: „Die Hurrikans werden es wegwaschen, und mit der Zeit wird es wieder verschwinden.“ Noch aber setzt er auf Gottvertrauen: „Die Leute beten, dass das Meer ruhig bleibt.“
Windell Cuvole, der Aufseher über das Deichsystem, weiß um die Wechselwirkungen, um Segen und Fluch des Mississippi: „Wir leben im Delta mit großen Risken, aber auch mit großen Möglichkeiten. Vor der Küste liegen 90 Prozent des Offshore-Öls in den USA, und bei Shrimps, Langusten oder Austern nimmt Louisana den ersten Platz ein. Der Wind trägt die Fischeier hinaus ins Meer, die Gezeiten spülen die Fische wieder zurück in die Bayous.“
Keine Familie ohne Boot
Fischerei und Ölindustrie gedeihen in der Region, die von den Cajuns – den Nachfahren der einst aus Kanada eingewanderten französischen Siedlern – geprägt wird, in erstaunlicher Koexistenz. Die Ölförderung hat dem Fischfang als Lebensgrundlage freilich den Rang abgelaufen, mit der Fischerei verdienen sich viele nur ein Zubrot. Kaum einer, der ein böses Wort über BP fallen ließe oder den Sinn der Offshore-Bohrungen im Golf von Mexiko anzweifeln würde. Gönnerhaft sponsert BP denn auch lokale Einrichtungen wie das Gemeindezentrum von Larose.
Wie bei den Boulets leben viele Familien von beiden Sparten, und kaum eine kommt ohne Boot aus. Jim hat sich einst als Zuckerrohrfarmer versucht, bevor er umsattelte und sich auf die Shrimpsfischerei verlegte. Bis in die Karibik und nach Neufundland schipperte er mit seiner Frau Joan und den sechs Kindern. Zwei Söhne verdienen heute ihr Geld in der Ölbranche. Irvin arbeitet im Golf von Mexiko als Kapitän auf einem Versorgungsschiff im Sold eines Ölmultis und Henri hat als Lobbyist der Ölindustrie angeheuert, um in Washington und in Baton Rouge, der Hauptstadt Louisianas, für den Ausbau des Highway 1 nach Port Fourchon Stimmung zu machen. „Für die Infrastruktur ist der Ausbau überlebenswichtig.“
Salzwasser frisst sich vor
Ehe das Umweltdesaster noch im vollem Ausmaß über die Bayous hereingebrochen ist, hat der Deichbauer Windell Cuvole, der sich mit der Fischerei sein Studium finanziert hatte, schon seine Analyse gezogen. „Erstens brauchen wir eine bessere Technologie und schärfere Sicherheitsvorkehrungen bei den Bohrungen. Und zweitens müssen wir Geld in den Schutz unserer Küste und des Marschlands stecken.“
Die natürliche Barriere zwischen dem Meer und der Marsch breche allmählich weg, erklärt er. Salzwasser dringe immer tiefer in die von kleinen Inseln übersäten Bayous ein. Es frisst das sumpfige, von Schilf bedeckte Land weg. Die Hurrikans und Stürme tun ein Übriges, obwohl Katrina das Gebiet weitgehend verschont hat. „In meiner Kindheit hatte der Kanal nur ein Drittel seiner jetzigen Breite“, erinnert sich Jim Boulet, der die Fischerei nur noch als Freizeitvergnügen betreibt. „Meine Frau hat gesagt, ich kann ohne Boot nicht leben.“
Jim hat inzwischen seine Krabbenfallen ausgelegt und wartet darauf, dass Krabben im Netz zappeln. „Komm schon, Baby, beiß an“, ruft er, als sich kleine Wellen an der Oberfläche kräuseln. „Ich hoffe, wir fangen uns ein Abendessen. Ich habe das Handy dabei, um meiner Frau zu sagen, sie soll den Kochtopf aufsetzen.“ Doch der Barschköder mundet den Krabben nicht, und so versucht Jim sein Glück im seichten Wasser am Damm, an dem sich üblicherweise auch die Alligatoren tummeln.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.05.2010)
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