Wu Huanming galt in seinem Dorf Linchang in der Provinz Shaanxi schon lange als unangenehmer Zeitgenosse. „Der redete immer wieder wirres Zeug, der schien nicht mehr im Gleichgewicht“, erzählte eine Verwandte über den 48-Jährigen. Nicht mehr im Gleichgewicht sein – das ist für die Chinesen normalerweise ein Alarmzeichen. Doch im Fall Wu Huanming wurde es nicht beachtet.
Am 12. Mai sagte er seiner Untermieterin Wu Honying, sie solle mitsamt ihrem Kindergarten endlich aus seinem Haus verschwinden, da der Mietvertrag Ende April abgelaufen sei. Flehentlich bat Frau Wu, noch bis im Sommer bleiben zu können. Wu Huanming steigerte sich immer mehr in seinen Zorn hinein, rannte schließlich ins Haus, holte ein Küchenbeil und begann damit auf Umstehende einzuhacken. Nach seinem Blutrausch waren fünf Buben und zwei Mädchen tot, ebenso die Kindergärtnerin und ihre 80-jährige Mutter. Nach der Tat beging er Selbstmord.
Das Blutbad von Linchang ist nur ein weiterer Fall in einer Serie von Wahnsinnstaten, die die chinesische Öffentlichkeit seit Monaten in Atem halten. Die Serie begann am 23. März, als ein ehemaliger Arzt in der südöstlichen Provinz Fujian acht Kinder erstach – „mit voller Absicht“, wie er später selbst sagte.
Hinter den Glitzerfassaden. Gerade ist die Volksrepublik China dabei, sich der Welt von ihrer supermodernen, hyperdynamischen, modellhaften Seite zu zeigen – bei der größten Expo aller Zeiten, der Weltausstellung in Shanghai. Da kommt es natürlich ungelegen, wenn in den Medien plötzlich Blutbäder an Kindern und Serienselbstmorde in Riesenfabriken infolge von Arbeitsbedingungen wie in einem Strafbataillon Schlagzeilen machen. Die Propagandabehörden ordneten deshalb an, die Berichterstattung über die Mordserien zurückzufahren, gewiss auch, um nicht weitere Nachahmungstäter zu animieren.
Dennoch ist klar: Hinter den Glitzerfassaden der aufsteigenden Weltmacht verbirgt sich eine gestresste, psychisch erkrankte Gesellschaft. Abermillionen Chinesen halten bei der Aufholjagd ihres Landes an die Weltspitze nicht mehr mit, ertragen den rasenden sozialen Wandel nicht mehr. Sie bleiben erschöpft zurück – und manche drehen durch. Am 13. Mai gestand selbst der Premier Wen Jiabao in einem Interview mit dem Hongkonger Fernsehsender „Phoenix TV“ ein, dass in der heutigen chinesischen Gesellschaft die Dinge nicht mehr richtig im Lot seien. „Wir müssen ein sicheres Umfeld schaffen, nicht nur für die Kinder, sondern für jedermann. Daneben aber müssen wir die tief verwurzelten Ursachen bekämpfen, die diese Probleme auslösen. Wir müssen die sozialen Widersprüche in den Griff kriegen und Streitlösungsmechanismen für die Basis der Gesellschaft entwickeln.“
Welches genau die sozialen Probleme sind, die aus der „harmonischen Gesellschaft“, wie sie das jetzige Führungsduo Hu Jintao/Wen Jiabao propagiert, eine schwer gestresste, nervöse, unharmonische Gesellschaft machen, sagte der Regierungschef nicht. Aber Sozialwissenschaftler zählen eine ganze Litanei auf: etwa die wachsende Kluft zwischen Arm und Reich; das nur sehr weitmaschig geknüpfte Sozialnetz; die immer loser werdenden sozialkommunikativen Verbindungen auf allen Ebenen; steigende Scheidungsraten; geringe Arbeitsplatzsicherheit; viel zu wenig Arbeitsplätze für Universitäts- und Hochschulabgänger; rücksichtslose Ausbeutung durch die Arbeitgeber in vielen Betrieben. Das alles bringt die Menschen und damit die Gesellschaft aus dem Gleichgewicht. Dazu kommen noch die Wut über die Allmacht der Bürokraten, der Zorn über die wuchernde Korruption sowie ein tiefes Misstrauen gegenüber dem Rechtssystem, das als ungerecht empfunden wird. Da glauben dann viele, die Dinge selbst in die Hand nehmen zu müssen. Folge all dieser Stressfaktoren sind massenhaft Selbstmorde. Jährlich bringen sich in China zwischen 250.000 bis 300.000 Menschen um. „Suicide Prevention International“ gibt auf der Website der Weltgesundheitsorganisation an, dass Chinas Anteil an den weltweit begangenen Selbstmorden zwischen 30 und 40 Prozent beträgt. In der Altersgruppe der 15- bis 34-jährigen Chinesen sei Selbstmord die häufigste Todesursache.
Nach Angaben chinesischer Wissenschaftler leiden mehr als 170 Millionen Menschen in China an psychischen Problemen, aber höchstens fünf Prozent von ihnen werden medizinisch betreut, will die britische Fachzeitschrift „Lancet“ herausgefunden haben. Kein Wunder, sind gerade einmal 20.000 Psychiater in dem 1,3-Milliarden-Einwohner-Land registriert.
Kahle Äste. Zu einer wachsenden Risikogruppe und damit Gefahr für die soziale Ordnung werden die Junggesellen – „kahle Äste“, wie sie genannt werden. Und die werden immer mehr. In einigen Provinzen Chinas beträgt als Folge von selektiven Abtreibungen das Verhältnis bei den Neugeborenen 130 Buben zu 100 Mädchen.
Die Chinesische Akademie für Sozialwissenschaften rechnete zu Beginn dieses Jahres vor, dass 2020 bereits 24 Millionen Männer im heiratsfähigen Alter keine Frau finden werden, andere Schätzungen gehen sogar von bis zu 40 Millionen Junggesellen in zehn Jahren aus. Schon vor 13 Jahren zeigte sich die Zeitschrift „Bejing Luantan“ von dem wachsenden Überschuss an Junggesellen alarmiert: „Sexualverbrechen, Entführungen von Mädchen, Prostitution, Vergewaltigungen, Homosexualität, verrückte Sexualpraktiken könnten gesellschaftliche Phänomene werden.“
Auf jeden Fall dürften mit den Junggesellenüberschuss auch Aggression und Kriminalität wachsen. Die beiden Politikwissenschaftlerinnen Valerie Hudson und Andrea Den Boer schreiben in ihrem Buch „Kahle Äste“ zum Junggesellenproblem in China: „Wenn erst einmal die Funken sprühen, stellen die ,kahlen Äste‘ das Anmachholz dar, das ausreicht, die Funken in ein Feuer zu verwandeln, das größer und gefährlicher wird als unter normalen Umständen.“
Drei Viertel aller Selbstmorde in China werden in ländlichen Regionen begangen, wobei sich unverhältnismäßig viele Frauen umbringen. „Mädchen, die in China auf dem Land aufwachsen, haben nie das Gefühl, geliebt zu werden“, war in einem chinesischen Frauenmagazin zu lesen.
Der soziale Wandel durch die Modernisierung verschärft die Alltagssituation der jungen Frauen. Häufig sind die Ehemänner als Wanderarbeiter tausende Kilometer weit von zu Hause entfernt in einer der Boomstädte. Die Frauen müssen allein die Kinder aufziehen, Felder bestellen, sich um die Haustiere kümmern, kochen, waschen. Vielen wird das alles zu viel.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.05.2010)
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