18.06.2013 23:04 Merkliste 0

„Warum mag uns Österreich nicht?“

31.05.2011 | 18:15 |  Von unserem Korrespondenten HANS-JÖRG SCHMIDT (Die Presse)

Hassliebe zwischen Tschechen und Österreichern erhält neue Nahrung. In Prag versucht man, die vermeintliche Boshaftigkeit Wiens zu erklären.

Artikel drucken Drucken Artikel versenden Senden Merken AAA Textgröße Artikel kommentieren Kommentieren

„Sie konfiszieren uns unberechtigt wertvolle Kunstgegenstände und eine Lokomotive, blockierten unsere Grenze, drohten, uns wegen Temelin nicht in die EU zu lassen, während ihnen deutsche oder schweizerische Atomkraftwerke nichts ausmachen. Weshalb eigentlich mögen uns die Österreicher nicht?“, fragte am Dienstag verzweifelt die konservative Prager Tageszeitung „Lidove noviny“. Und sie gab auch gleich die Antwort: Die Aversionen stammten aus der Zeit, da ihnen die Tschechen die Monarchie zerstörten.

Normalerweise ist das ein klassisches Thema für die journalistische „Saure-Gurken-Zeit“. Aber in diesem Fall ist das anders. Die Tschechen sind wirklich richtig sauer. Zwei Vorfälle sind daran schuld: Ein Wiener Gericht hat drei Leihgaben der Prager Nationalgalerie, die sich gerade bei einer Ausstellung im Wiener Belvedere befanden, auf Antrag einer in Liechtenstein residierenden Blutplasmafirma konfiszieren lassen. Besagte Firma befindet sich in einem Rechtsstreit mit Tschechien. Und zudem durfte Ende vergangener Woche eine Lokomotive aus den Škoda-Werken nach einer Testfahrt in Österreich nicht zurück nach Tschechien.

 

Ins Arbeiterviertel verwiesen

Dabei räumen die Tschechen selbst ein, dazu beizutragen, dass das Verhältnis zu den Österreichern bestenfalls „kühl“ ist. Natürlich könne es den Nachbarn nicht gefallen, wenn die Tschechen die Zeit des Zusammenlebens in einem gemeinsamen Staat bis heute als „Temno“ (Zeit der Finsternis) bezeichnen.

Selbstverständlich hätten sie den Österreichern nach der Aufnahme diplomatischer Beziehungen ein Botschaftsgebäude im eher schmuddeligen Prager Arbeiterbezirk Smíchov zugewiesen, während alle anderen Nachbarn auf der zauberhaften barocken Kleinseite residieren konnten. Ganz sicher hätten sich die Österreicher auch daran gestört, dass die Tschechen zu denen gehörten, die am lautesten in Europa gegen die Beteiligung Jörg Haiders an der Regierung in Wien protestiert und sich den EU-Sanktionen angeschlossen hatten.

Für den tschechischen Botschafter in Wien, Jan Koukal, steht fest, dass sich die Österreicher bis heute nicht mit der Vergangenheit ausgesöhnt haben. „Wann immer ich auf einer Vortragsreise unterwegs bin, steht immer einer aus dem Publikum auf und beginnt, auf die Beneš-Dekrete zu schimpfen.“ Vratislav Lokvenc, der fünf Jahre in Österreich Fußball spielte, meint: „Sie neiden uns unserer sportlichen Erfolge und haben da einen regelrechten Komplex.“ Petr Kratochvil von der Agentur „CzechTourism“ begreift nicht, weshalb die Österreicher als Touristen Tschechien meiden, obwohl die Zahl der tschechischen Österreich-Touristen stetig wachse. Botschafter Koukal sieht eine Besserung der Beziehungen: „Immer mehr Leute vom Balkan wandern nach Österreich ein, die vermehrt Kriminalität mitbringen. Daher betrachten die Österreicher uns Tschechen nicht mehr so sehr als kriminelles Volk.“

Außenminister Karel Schwarzenberg, der in Österreich gelebt hat und die Nachbarn wegen ihrer Temelin-Aversion schon mal „Verwirrte“ nannte, sagt, Tschechen und Österreicher seien für den jeweils anderen „wie ein Spiegel“.

 

„Jeder hat Tante in Österreich“

Für die „Lidove noviny“ steht fest, dass die Österreicher – ungeachtet des Vorwurfs der Verwirrtheit – nie wieder so einen netten tschechischen Außenminister bekommen werden. Und im Grunde verhielten sich die Tschechen gegenüber schwächeren Ländern ähnlich arrogant wie die Österreicher gegenüber den Tschechen.

Das Blatt zitiert den ersten tschechoslowakischen Präsidenten, Tomáš Masaryk, der die Tschechen aufgerufen hat, für die Vorurteile der Österreicher Verständnis aufzubringen. „Schließlich“, so Masaryk, „hat jeder von uns eine Tante in Österreich.“ Die Tschechen mögen Masaryk bis heute. Dass sie seinem Rat folgen werden, darf aber bezweifelt werden.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.06.2011)

Testen Sie "Die Presse" 3 Wochen lang gratis: diepresse.com/testabo

Mehr aus dem Web

48 Kommentare
 
1 2
Antworten Antworten Gast: Nur ein Gast
05.06.2011 22:10
0 2

Re: Re: Jawohl!!!!

Lieber Xerios,
da irrst Du dich gewaltig. Es sind die Österreicher und ihre akademische, ökonomische und journalistische Elite (wenn man die letztere so überhaupt bezeichnen kann - angesichts der hierzulande meistgelesenen Klatschpresse), die auch nach 20 Jahren von den postkomunistischen oder (ex) Ostblockstaaten meistens redet. Und Tschechien ist ein Ostnachbar....um sich doch klar abzugrenzen - auch welchen sonstigen Gründen als einem Minderwertigkeitskomplex samt Grösenwahn? Wien, durch eine balkanische Subkultur stark geprägte Stadt, wollte sich schon immer als irgendetwas nahe Genf liegendes positionieren. Viele Wiener glauben noch immer unterbewusst, dass Pressburg mehr als 300 km von Wien entfernt liegt. Und so geht das noch ein Paar Jahrzehnte.........wenn man nach 40 Jahren Kommunismuszusammensturz noch immer die Länder ´(ex) Ostblock´ bezeichnet, so wäre die Bezeichnung ex-Ostmarke oder ex-Nazideutschland ziemlich berechtigt, oder? Nur damit man ein eigenes Spiegelbild wahrnimmt, bevor man die sonstigen qualifiziert.

Antworten Antworten Gast: Mieze
01.06.2011 22:53
0 0

Re: Re: Jawohl!!!!

Wo er Recht hat er Recht.Schauen Sie mal auf die Landkarte!

Antworten Antworten Antworten Gast: Xerios
02.06.2011 15:59
0 1

Re: Re: Re: Jawohl!!!!

Na sicher stimmt das geographisch.
Aber das war nicht das psychologische Motiv dahinter. ;)

Gast: ROTFRONT
01.06.2011 10:31
0 14

Einzig wichtig ist die intakte kommunistische Partei in Tschechien!

Das macht diesesLand so sympathisch. Das zeichnet die Tschechen als intellektuell überlegen aus!
Und die Frauen sind auch allesamt hübscher und nicht so blad wie die aus den Schluchten Österreichs!

Antworten Gast: Mrs. Miller
01.06.2011 22:14
2 0

Re: Einzig wichtig ist die intakte kommunistische Partei in Tschechien!

Meine Güte bist du ein Du*merl, die Bladen haben doch eine tschechische Großmutter, denn die Bladesten gibts in Wien, warum wohl, du intellektueller Fehlzünder.

1 0

Re: Einzig wichtig ist die intakte kommunistische Partei in Tschechien!

wahrscheinlich auch deshalb von solchen wie Dir auch hier zu Lande gewünscht.

Gast: Han
01.06.2011 09:58
2 0

Atomkraftwerke

In Grenznähe beeinträchtigen die Sympathie für Tschechien. Hinzu kommt, dass die Blöcke noch ausgebaut werden sollen.
Die Gscheiten steigen aus dieser Art der Energiegewinnung aus!

Antworten Gast: Ugo
01.06.2011 10:41
0 0

Und Isar Zwo

ist besser? Ist eh nur älter, kaputter und gefährlicher als das wenigstens neue Temelin.

Gast: 1. Parteiloser
01.06.2011 08:38
5 0

Der Parteibonzenkleinkrieg und Beamtenkleinkrieg hat doch kaum mit den Menschen zu tun!

Da geht es doch immer nur um Propaganda und um die kranke Egos der Parteibonzen. Mit der Sache hat das sehr wenig zu tun, wenigstens nicht in der dargestellten Wichtigkeit. Leider färbt dieser Wahnsinn dann auch teilweise auf die Bevölkerung ab. Sehr unnötig das Ganze.

Übrigens leben wir im Heute und für die Zukunft. Ein Leben in der Vergangenheit, und die Verwendung der Vergangenheit um eine gute Zukunft zu verhindern, kann doch nur schlecht für Alle sein.

Gast: radius
01.06.2011 07:56
7 0

Die Gehirnwäsche in Bezug auf die Geschichte Tschechiens war offenbar erfolgreich.


na Komplexe haben da aber wohl nicht nur die Österreicher...


Die Regierung der Tschechoslowakischen Volksrepublik

hat sich während ihrer ganzen Dauer aufgeführt wie der sprichwörtliche Gartschlauch. Danach hat man nichts geändert an dem Verhalten gegenüber dem Nachbarstaat!
Da wundert man sich noch?

meine lieben tschechischen freunde!

leute - ich liebe euch!

seit jahren zische ich sobald es möglich ist richtung lipno-stausee. nette leute, tolle landschaft, guter service, ausgezeichnetes essen und natürlich spitzenbier wird von mir nicht unterbewertet. hochgehaltene sympathie für individualisten und die facettenreiche musikszene macht all dies nicht schlechter.

grüsse aus salzburg nach frymburk,

euer fischernixdawischer!

Nur keine Bange...

die paar tausend ermordeten Sudetendeutsche, die entschädigungslose Enteignung, den Diebstahl des Sudetenlands vergessen wir leicht, nicht umsonst hat unsere Regierung ja dem Beitritt Tschechiens zur EU zugestimmt.
Was euch Sorgen machen sollte ist, dass euch die Slowaken, Polen und Deutsche auch nicht leiden können, denn man muss sich die Frage stellen, ob sich alle irren oder ob man vielleicht, aber nur vielleicht, ein paar Fehler gemacht hat.

Re: Nur keine Bange...

"...vergessen wir leicht"

WIR ??

überschätzen sie sich und ihre ansichten nicht!

ausser den wenigen noch lebenden und ihren direkten angehörigen sind all diese sachen den österreichern völlig egal.
die meisten wissen nicht mal davon.

und schon gar nicht macht von diesen ereignissen (im übrigen nicht aus böswilligkeit der tschechen entstanden sondern als reaktion auf die verbrechen der nazis!) irgendjemand, der nicht auf dem retro-trip ist, seine sympathie für das heutige tschechien abhängig.

Antworten Gast: na servas
01.06.2011 11:18
1 0

Re: Nur keine Bange...

.... sehr geistreicher Kommentar !!

Antworten Gast: Inländer64564
01.06.2011 10:44
1 8

Tja, Herr Obergscheit, auch die Tschechen vergessen nicht,

dass wir im Krieg 10.000e Tschechen ermordet und vertrieben haben, das halbe Land geplündert und Dörfer niedergebrannt haben, schon zuvor in der Monarchie versucht haben, Kultur und Sprache der Böhmen auszurotten ... und es sollte uns Österreichern Sorge machen, dass Schweizer, Italiener, Slowenen und Ungarn uns nicht leiden können.

Antworten Antworten Gast: johannes5
01.06.2011 12:19
2 0

Re: Tja, Herr Obergscheit, auch die Tschechen vergessen nicht,

wenn sie nur ein bissl recht haben würden, dann hätten wir österreicher und deutsche überhaupt kein lebensrecht mehr.

3 0

Re: Tja, Herr Obergscheit, auch die Tschechen vergessen nicht,

Da verwechseln Sie jetzt aber Tschechien mit Polen. Abgesehen vom Lidice-Massaker erging es den Tschechen im WK2 noch relativ gut. Sie mussten keinen Wehrdienst leisten und blieben von Kampfhandlungen weitestgehend verschont, lediglich in den letzten 2 Kriegswochen wurde auch in Tschechien gekämpft.

Auch ansonsten nehmen Sie es mit der Wahrheit nicht so genau. Die Ungarn haben für die Österreicher sogar die Bezeichnung "Schwager" und das kommt nicht von ungefähr. Auch dass Schweizer und Italiener die Österreicher nicht leiden können, stimmt überhaupt nicht. Lediglich bei den Slowenen kann es sein, dass die Österreicher etwas weniger beliebt sind, vielleicht spielt dort auch das schlechte Gewissen wegen der dortigen Vertreibungs- und Enteignungsgesetze (Avnoj-Beschlüsse) eine Rolle.

Re: Re: Tja, Herr Obergscheit, auch die Tschechen vergessen nicht,

Vor längerer Zeit war auf Ö 1 ein Gespräch mit einer alten Frau, die als Kind die Vetreibung aus Tschechien knapp überlebte. Sie hatte dabei Erstaunliches erzählt: Es waren vor allem die Kollaborateure auf tschechischer Seite, die sich bei den diversen Grausamkeiten gegenüber den Sudetendeutschen bei deren Vertreibung hervor getan hatten: Damit nur ja keiner draufkommt, daß sie jahrelang mit den deutschen Besatzern zusammen gearbeitet hatten! Später hatten diese Typen nahtlos zu den Kommunisten gewechselt.

Re: Re: Tja, Herr Obergscheit, auch die Tschechen vergessen nicht,

Und nicht zu vergessen: In Lidice haben neben der SS auch tschechische Polizisten geschossen!

Hengst Favory Alta XXI.

Der Hengst Favory Alta XXI. war das Geschenk, das die Tschechische Republik Prinz William und Kate Middleton zur Hochzeit gab, jedenfalls geben wollte. Einiges wollte jedoch nicht mitspielen – auch der Zoll.

Und dann konnte sich die tschechische Regierung bisher nicht auf den Wert dieses Geschenkes einigen.

Also: Kůň pro Williama a Kate je stále doma - der Hengst ist noch immer in Tschechien und wird nun wohl auch hier bleiben, weil man sich - diplomatisch - auf seine Funktion als Samenspender geeinigt habe.

Ich mag diese vielen Gemeinsamkeiten unserer tschechischen Nachbarn mit den hiesigen Schildbürgern!

Re: Hengst Favory Alta XXI.

Dann muß wohl William Hengst spielen:):)

 
1 2

Das Hochwasser auf Twitter