Bei der Suche nach dem Auslöser für die jüngste Epidemie der gefährlichen EHEC-Darmkeime sind die deutschen Behörden offenbar davon überzeugt, in Gemüsesprossen aus einer Großgärtnerei im Bundesland Niedersachsen eine heiße Spur gefunden zu haben. Sie sind für das Landwirtschaftsministerium als Quelle "sehr plausibel".
Ein Laborergebnis, das den Verdacht bestätigt, gab es jedoch bisher nicht. Deutsche Medien berichten nun, dass die ersten 23 von 40 untersuchten Sprossen-Proben EHEC-frei seien. Die Angaben berufen sich auf das niedersächsische Verbraucherministerium.
Die in Deutschland verdächtigen Sprossen stammen aus einem inzwischen geschlossenen Betrieb in Bienenbüttel im Kreis Uelzen. Eine Mitarbeiterin aus dem Betrieb ist nachweislich an EHEC erkrankt. Sprossen waren vor Jahren in Asien Ursache für eine schwere EHEC-Epidemie.
Bei den betroffenen Sprossen handelt es sich um solche, die aus verschiedenen Saatgutmischungen hergestellt wurden. Sie wurden direkt oder über Zwischenhändler an Einrichtungen in Hamburg, Schleswig-Holstein, Mecklenburg-Vorpommern, Hessen und Niedersachsen geliefert. Nach Österreich kamen keine Sprossen aus dem Betrieb.
Verdächtig sind Bohnenkeimlinge, Brokkolisprossen, Erbsen- und Kichererbsensprossen, Knoblauchsprossen, Linsensprossen, Mungobohnenkeimlinge, Radieschen- und Rettichsprossen.
Schon über 20 Tote
Auch nach der Warnung vor Sprossen steht anderes Gemüse weiter unter EHEC-Verdacht. Das Robert-Koch-Institut (RKI) und das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) halten dennoch weiter an der Warnung vor rohen Gurken, Tomaten und Salat insbesondere in Norddeutschland fest.
Die Zahl der Todesfälle infolge einer EHEC-Infektion stieg am Wochenende nach Angaben des Robert-Koch-Instituts (RKI) auf 21. In Deutschland sind inzwischen 1526 EHEC-Fälle bekannt, bei 627 Patienten wurde das gefährliche hämolytisch-urämische Syndrom (HUS) diagnostiziert.
Keine Keime in Österreich
In Österreich wurde in dem in über 30 Biogeschäften beschlagnahmten Gemüse bisher kein EHEC-Keim gefunden worden. 162 von 167 gezogenen Proben wurden bisher analysiert, in allen Fällen gab es negative Ergebnisse. Von den restlichen fünf Proben dürften die Ergebnisse am Dienstag vorliegen, heißt es aus dem Gesundheitsministerium.
Die deutsche EHEC-Patientin im Wiener AKH ist unterdessen in stabilem Zustand. Am Sonntag hatte ein Arzt im fernsehen noch von "Lebensgefahr" gesprochen, am Montag teilte der Wiener Krankenanstaltenbund nun mit, dass die 32-Jährige ansprechbar sei.
Der Verdachtsfall in Salzburg hat sich nicht bestätigt. Jener 30-jährige Patient, der in der Nacht auf vergangenen Donnerstag wegen eines blutigen Durchfalls in das Salzburger Landeskrankenhaus gebracht worden ist, ist nicht durch EHEC-Keime erkrankt.
Entschädigungen werden geprüft
Ein Treffen der EU-Gesundheitsminister zur EHEC-Krise in Luxemburg ist am Montag ohne Ergebnis zu Ende gegangen. Spanien hat beklagt, es habe durch ursprüngliche Warnungen der deutschen Behörden vor spanischen Gurken einen riesigen wirtschaftlichen Schaden erlitten. Deutschland hat erklärt, es könne in der Krise noch nicht Entwarnung gegeben werden.
"Wie haben Deutschland gesagt, dass es für den von ihm verursachten Schaden aufkommen muss", sagte Spaniens Landwirtschaftsministerin Rosa Aguilar. "Wenn es unsere Forderungen zu 100 Prozent erfüllt, ist die Affäre für uns beendet, wenn nicht, behalten wir uns rechtliche Schritte vor", drohte sie.
Kompensationen für die europäischen Bauern werden die EU-Agrarminister am Dienstag bei einem Sondertreffen mit Luxemburg beschäftigen. Die EU-Kommission plant im Gefolge der EHEC-Krise Entschädigungen für Gemüseproduzenten. In ganz Europa sei der Verbrauch von Gemüse zurückgegangen, sagte ein Sprecher von EU-Agrarkommissar am Montag in Brüssel. Die EU-Kommission prüfe derzeit verschiedene Optionen für Entschädigungen.
100 HUS- und EHEC-Fälle außerhalb Deutschlands:
Außerhalb Deutschlands gibt es nach Daten der Weltgesundheitsorganisation (WHO) bereits über 100 EHEC- und HUS-Fälle. Bis auf einen Patienten seien alle gemeldeten während der Inkubationszeit in Deutschland gewesen, berichtete das WHO-Europabüro am Montag in Kopenhagen.
Mit Stand Sonntagabend seien 31 HUS-Fälle und weitere 71 EHEC-Infektionen aus elf europäischen Ländern außer Deutschland gemeldet worden. Eine Frau in Schweden starb. Zusätzlich habe die Seuchenkontrollbehörde der USA im Zusammenhang mit dem aktuellen Ausbruch über zwei HUS-Fälle in Amerika berichtet.
| Land | HUS-Fälle | EHEC-Fälle |
| Dänemark | 7 | 11 |
| Frankreich | 0 | 10 |
| Großbritannien | 3 | 8 |
| Niederlande | 4 | 4 |
| Norwegen | 0 | 1 |
| Österreich | 0 | 2 |
| Polen | 1 | 0 |
| Spanien | 1 | 0 |
| Schweden | 15 | 31 |
| Schweiz | 0 | 3 |
| Tschechien | 0 | 1 |
| USA | 2 | 0 |
| GESAMT | 33 | 71 |
(APA/dpa)
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