Dadaab/ nairobi. Der Einwohnerzahl nach wäre es die zweitgrößte Stadt Österreichs. Doch die 350.000 Menschen wohnen in Lehmhütten, Zelten und aus Ästen sowie Müll zusammengeflickten Hütten. Mitten in der Wüste gibt es Handel, der nicht sein dürfte, Schulabschlüsse, die nichts wert sind, und eine Terrororganisation, die den Notstand missbraucht. Zwischen halbverhungerten Kindern liegen im chronisch überfüllten Krankenhaus ein paar Kriegsverwundete.
Es mangelt an Wasser, an medizinischer Versorgung, an Unterkünften, an allem. Und allen voran an Perspektiven. Am Horizont flimmert ein nicht abreißen wollender Menschenstrom. Willkommen in Dadaab, im Nordosten Kenias, nur 100 Kilometer von der Grenze zum Krisenstaat Somalia entfernt!
Mohammed Ali sagt, er sei froh, endlich hier zu sein. Vor 15 Tagen hat er Saakow in Somalia verlassen. Seither ist er hunderte Kilometer durch die Wüste gegangen, mit 40 anderen, in Flipflops. In den letzten beiden Tagen waren Essen und Wasser aufgebraucht. Nun ist Ali am Rande Dadaabs gestrandet, in den Slums der Flüchtlingslager.
Neues Lager steht leer
Die Siedlung Dadaab gibt es seit 20 Jahren: 1991 wurde die Regierung von Mohamed Siad Barre gestürzt, und Somalia fiel in einen blutigen Bürgerkrieg. Die drei Camps – Ifo, Dagahaley und Hagadera – waren für 90.000 Menschen vorgesehen. Heute leben dort vier Mal so viele. Seit Jahresbeginn allein wurden 50.000 Neuzugänge registriert. Und das, obwohl die Grenze zwischen Kenia und Somalia seit 2007 geschlossen ist.
Das Flüchtlingskommissariat der Vereinten Nationen (UNHCR) verwaltet und finanziert im Auftrag der kenianischen Regierung den Betrieb. Mittlerweile koordiniert es knapp 600 Mitarbeiter von 22 Partnerorganisationen. Es gibt Kliniken und Fußballfelder, Schulen und eine Koranschule, Märkte, Klos, eine Recyclinganlage und ein Physiotherapiezentrum, Filmprojekte und Theatergruppen. Manches davon mutet angesichts der mangelnden Basisversorgung bizarr an. Andererseits wird hier alles gebraucht – auch oder vor allem Beschäftigung. Denn die Menschen verbringen im Flüchtlingslager oft ihr ganzes Leben.
Abdullahi Yussuf kam 1992, damals war er sieben. In Ifo, einem der Camps, besuchte er die Volksschule, dann die Mittelschule – heute unterrichtet er dort. Ihn quälen überfüllte Klassen und fehlende Bücher. Weil die Lehrer schlecht oder nicht ausgebildet sind, werden Abschlüsse draußen nicht anerkannt, und drinnen helfen sie wenig. Mehr als die Hälfte der Lagerbewohner sind jünger als 18 Jahre. Nur ein Drittel der Kinder im schulfähigen Alter besucht eine der insgesamt 21 Schulen. Oftmals sind es die Eltern, die den Schulbesuch untersagen. Wozu auch hingehen, so die scheinbar berechtigte Frage. „Wir hoffen auf das Danach“, meint Yussuf.
Danach steht in Dadaab für „nach dem Krieg“, für ein friedliches Somalia, wie die Menschen wehmütig sagen. Ein Ende des Krieges ist nicht abzusehen. Kinder scheinen oft realistischer. Auf die Frage nach ihrem Zuhause nennen sie etwa Block F – ein Stück Landes, das ihren Familien zugewiesen wurde.
2010 betrug das Gesamtbudget des UNHCR für Dadaab 90 Millionen US-Dollar, einer der größten Posten der Organisation. Für 24 Millionen davon wurde im Vorjahr ein neues Lager gebaut; trotz Fertigstellung steht es noch immer leer. Die kenianische Regierung blockiert den Betrieb. „Wir wollen einen Pull-Effekt verhindern“, heißt es beim kenianischen Flüchtlingskommissariat.
Los bestimmt, wer gehen darf
Auf 41 Mio. Einwohner kommen in Kenia 400.000 registrierte Flüchtlinge allein aus Somalia. Schätzungen über illegale gehen in ähnlich schwindelnde Höhen. Zusätzlich gibt es mindestens 350.000 Heimatvertriebene im eigenen Land. Die Integrationspolitik scheitert angesichts der Massen: Flüchtlinge dürfen weder arbeiten noch die Camps verlassen. Ein Losverfahren bestimmt weitgehend, wer gehen darf. Im Vorjahr wurden 7522 Flüchtlinge aus Dadaab in Übersee eingebürgert; die meisten davon in den USA, in Schweden und Australien. Österreich gewährte 190 Somaliern Asyl.
Terroristen im Camp
Auch die zunehmenden Terrordrohungen der al-Shabab, einer al-Qaida-nahen Miliz, die weite Teile Somalias kontrolliert, lassen bei kenianischen Behörden die Alarmglocken läuten. Mit den Flüchtlingen komme der Terrorismus, so die nicht unbegründete Angst. „Wir können sicher sein, dass es hier al-Shabab-Kämpfer gibt“, bestätigt Richard Acland, der Lagerleiter. „Sie kommen, um sich hier auszuruhen, ihre Familien zu besuchen, und für medizinische Hilfe.“ Auch würden hier bestimmt gelegentlich junge Männer rekrutiert. Acland ist aber gegen ein Einschreiten der Polizei: „Solange sie sich hier ausruhen und Waffen verstecken, stiften sie keinen Unfrieden“, meint er pragmatisch.
Das Krankenhaus im Camp Ifo ist voll mit „11,5ern“, wie die schwer unterernährten Kinder hier genannt werden. Die Ziffer steht für den Umfang des Oberarms in Zentimetern. Mit Spezialnahrung versucht man hier Leben zu retten. Doch schon wieder warnen Experten wegen der lang andauernden Trockenperioden und einer schwachen Regenzeit vor einer großen Hungerkrise in Ostafrika.

Der lange Marsch
Maximal 650 neue Flüchtlinge werden in Dadaab täglich aufgenommen. Viele werden weggeschickt. Sie müssen den langen Marsch von den Slums am Rande der Siedlung zum Lager tags darauf noch einmal auf sich nehmen.
Ali und seine Weggefährten sitzen im Schatten eines Strauchs. Müde, aber hoffnungsvoll blicken sie über die Hütten aus Stofffetzen in Richtung der Lager. Morgen Früh wollen sie sich einschreiben lassen und ihr neues Leben als Flüchtlinge beginnen – in einer Stadt, die keine ist. Wie es aussieht, werden sie lange bleiben.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.06.2011)
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