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Dadaab: Gestrandet in der Stadt der Flüchtlinge

20.06.2011 | 18:28 |  von Anna MAyumi Kerber (Die Presse)

Hunderttausende Somalier leben in Dadaab, einem Flüchtlingslager im Nordosten Kenias, 100 Kilometer von Somalia entfernt. Vor 20 Jahren kamen die Ersten, noch immer werden es täglich mehr. Ein Lokalaugenschein.

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Dadaab/ nairobi. Der Einwohnerzahl nach wäre es die zweitgrößte Stadt Österreichs. Doch die 350.000 Menschen wohnen in Lehmhütten, Zelten und aus Ästen sowie Müll zusammengeflickten Hütten. Mitten in der Wüste gibt es Handel, der nicht sein dürfte, Schulabschlüsse, die nichts wert sind, und eine Terrororganisation, die den Notstand missbraucht. Zwischen halbverhungerten Kindern liegen im chronisch überfüllten Krankenhaus ein paar Kriegsverwundete.

Es mangelt an Wasser, an medizinischer Versorgung, an Unterkünften, an allem. Und allen voran an Perspektiven. Am Horizont flimmert ein nicht abreißen wollender Menschenstrom. Willkommen in Dadaab, im Nordosten Kenias, nur 100 Kilometer von der Grenze zum Krisenstaat Somalia entfernt!

Mohammed Ali sagt, er sei froh, endlich hier zu sein. Vor 15 Tagen hat er Saakow in Somalia verlassen. Seither ist er hunderte Kilometer durch die Wüste gegangen, mit 40 anderen, in Flipflops. In den letzten beiden Tagen waren Essen und Wasser aufgebraucht. Nun ist Ali am Rande Dadaabs gestrandet, in den Slums der Flüchtlingslager.

 

Neues Lager steht leer

Die Siedlung Dadaab gibt es seit 20 Jahren: 1991 wurde die Regierung von Mohamed Siad Barre gestürzt, und Somalia fiel in einen blutigen Bürgerkrieg. Die drei Camps – Ifo, Dagahaley und Hagadera – waren für 90.000 Menschen vorgesehen. Heute leben dort vier Mal so viele. Seit Jahresbeginn allein wurden 50.000 Neuzugänge registriert. Und das, obwohl die Grenze zwischen Kenia und Somalia seit 2007 geschlossen ist.

Das Flüchtlingskommissariat der Vereinten Nationen (UNHCR) verwaltet und finanziert im Auftrag der kenianischen Regierung den Betrieb. Mittlerweile koordiniert es knapp 600 Mitarbeiter von 22 Partnerorganisationen. Es gibt Kliniken und Fußballfelder, Schulen und eine Koranschule, Märkte, Klos, eine Recyclinganlage und ein Physiotherapiezentrum, Filmprojekte und Theatergruppen. Manches davon mutet angesichts der mangelnden Basisversorgung bizarr an. Andererseits wird hier alles gebraucht – auch oder vor allem Beschäftigung. Denn die Menschen verbringen im Flüchtlingslager oft ihr ganzes Leben.

Abdullahi Yussuf kam 1992, damals war er sieben. In Ifo, einem der Camps, besuchte er die Volksschule, dann die Mittelschule – heute unterrichtet er dort. Ihn quälen überfüllte Klassen und fehlende Bücher. Weil die Lehrer schlecht oder nicht ausgebildet sind, werden Abschlüsse draußen nicht anerkannt, und drinnen helfen sie wenig. Mehr als die Hälfte der Lagerbewohner sind jünger als 18 Jahre. Nur ein Drittel der Kinder im schulfähigen Alter besucht eine der insgesamt 21 Schulen. Oftmals sind es die Eltern, die den Schulbesuch untersagen. Wozu auch hingehen, so die scheinbar berechtigte Frage. „Wir hoffen auf das Danach“, meint Yussuf.

Danach steht in Dadaab für „nach dem Krieg“, für ein friedliches Somalia, wie die Menschen wehmütig sagen. Ein Ende des Krieges ist nicht abzusehen. Kinder scheinen oft realistischer. Auf die Frage nach ihrem Zuhause nennen sie etwa Block F – ein Stück Landes, das ihren Familien zugewiesen wurde.

2010 betrug das Gesamtbudget des UNHCR für Dadaab 90 Millionen US-Dollar, einer der größten Posten der Organisation. Für 24 Millionen davon wurde im Vorjahr ein neues Lager gebaut; trotz Fertigstellung steht es noch immer leer. Die kenianische Regierung blockiert den Betrieb. „Wir wollen einen Pull-Effekt verhindern“, heißt es beim kenianischen Flüchtlingskommissariat.

 

Los bestimmt, wer gehen darf

Auf 41 Mio. Einwohner kommen in Kenia 400.000 registrierte Flüchtlinge allein aus Somalia. Schätzungen über illegale gehen in ähnlich schwindelnde Höhen. Zusätzlich gibt es mindestens 350.000 Heimatvertriebene im eigenen Land. Die Integrationspolitik scheitert angesichts der Massen: Flüchtlinge dürfen weder arbeiten noch die Camps verlassen. Ein Losverfahren bestimmt weitgehend, wer gehen darf. Im Vorjahr wurden 7522 Flüchtlinge aus Dadaab in Übersee eingebürgert; die meisten davon in den USA, in Schweden und Australien. Österreich gewährte 190 Somaliern Asyl.

 

Terroristen im Camp

Auch die zunehmenden Terrordrohungen der al-Shabab, einer al-Qaida-nahen Miliz, die weite Teile Somalias kontrolliert, lassen bei kenianischen Behörden die Alarmglocken läuten. Mit den Flüchtlingen komme der Terrorismus, so die nicht unbegründete Angst. „Wir können sicher sein, dass es hier al-Shabab-Kämpfer gibt“, bestätigt Richard Acland, der Lagerleiter. „Sie kommen, um sich hier auszuruhen, ihre Familien zu besuchen, und für medizinische Hilfe.“ Auch würden hier bestimmt gelegentlich junge Männer rekrutiert. Acland ist aber gegen ein Einschreiten der Polizei: „Solange sie sich hier ausruhen und Waffen verstecken, stiften sie keinen Unfrieden“, meint er pragmatisch.

Das Krankenhaus im Camp Ifo ist voll mit „11,5ern“, wie die schwer unterernährten Kinder hier genannt werden. Die Ziffer steht für den Umfang des Oberarms in Zentimetern. Mit Spezialnahrung versucht man hier Leben zu retten. Doch schon wieder warnen Experten wegen der lang andauernden Trockenperioden und einer schwachen Regenzeit vor einer großen Hungerkrise in Ostafrika.

Der lange Marsch

Maximal 650 neue Flüchtlinge werden in Dadaab täglich aufgenommen. Viele werden weggeschickt. Sie müssen den langen Marsch von den Slums am Rande der Siedlung zum Lager tags darauf noch einmal auf sich nehmen.

Ali und seine Weggefährten sitzen im Schatten eines Strauchs. Müde, aber hoffnungsvoll blicken sie über die Hütten aus Stofffetzen in Richtung der Lager. Morgen Früh wollen sie sich einschreiben lassen und ihr neues Leben als Flüchtlinge beginnen – in einer Stadt, die keine ist. Wie es aussieht, werden sie lange bleiben.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.06.2011)

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11 Kommentare
gofy
20.06.2011 17:50
1 0

was macht den die uno gegen

die ganzen kriege, diktatoren usw.......
schweigen und zusehen.
europa kann die last nicht mehr tragen, nun sind andere dran.

3 0

warum werden hier immer nur die menschen verglichen?

wie wärs mal mit den kosten?? wieviel geben pakistan syrien und der Iran jährlich fuer ihre "ueber 1 million fluechtlinge" aus ??

werden die ueberhaupt wo registriert oder sind die zahlen nur geschätzt? was kostet die unterbringung? die ärztliche versorgung? eine stunde psychotherapie um das durch die flucht entstandene trauma zu behandeln ??

ist ja alles ein äpfel und birnen vergleich aber man versucht den europäern weil sie ja nur eine soooo geringe anzahl aufnehmen ein schlechtes gewissen einzureden. wie kaltherzig sie nicht sind und unsolidarisch und sowieso rassistisch.

also bitte, liebe "qualitätszeitung" recherchierts doch mal wie hoch das jährliche asylbudget in diesen ländern ist und mit welchen leistungen jeder "asylantragsteller" in diesen ländern rechnen kann.

Antworten Gast: jack reacher
21.06.2011 01:09
4 0

sehr richtig

Leistung fuer die Fluechtlinge gibt es in diesen Laendern keine, ausser, dass sie auf einem Stueck "wasteland" ihre Wellblechhuetten zusammennageln duerfen.
Wie ich in Pakistan aus naechster Naehe selber gesehen habe werden diese dann regelmaessig von der Polizei/Army abgefackelt, um den Drogenhandel einzudaemmen.
Dazwischen laufen ein paar Traumtaenzer von der UNHCR und anderen NGO's herum und jammern wie furchtbar das alles ist.
Ist nicht nett, ist aber so.
Der falsche Weg ist, diese Fluechtlinge in ein mit ihren ethischen, moralischen und gesellschaftlichen Werten und Vorstellungen nach Europa zu holen, da werden sie und wir nicht gluecklich.
Man sollte die vergeblichen Versuche, in diesen "failed states" westliche Verhaeltnisse zu schaffen, endlich aufgeben und diese Laender (AFG, IRK, SOM) sich selbst ueberlassen und wirkungsvoll weitere Migrationsversuche unterbinden.
Ist auch nicht nett, ist aber unsere einzige Chance!

Gast: Fidel Gastro
20.06.2011 13:15
2 1

"44 Millionen Flüchtlinge"

Die können wir locker alle in Wien unterbringen. Zur Not statten wir sie mit einer kostenlosen Jahreskarte aus, das wird die Wirtschaft so richtig in Schwung bringen ...

;-) ...

Svenco
20.06.2011 12:32
2 4

Der Rassismus in Europa!

"Ängste vor angeblichen Massenbewegungen von Flüchtlingen in die Industrieländer sind massiv übertrieben oder fälschlicherweise mit Fragen der Migration verknüpft."

Jeder Europaer argumentiert mit zu vielen Flüchtlinge! Nach UNO Angaben stimmt das also nicht! Die Europaer wollen nur die Rohstoffe der Welt ausbeuten und die Menschen dort gar nicht beachten, wie sie schon immer gemacht haben!

Antworten Gast: beardsley 2.0
20.06.2011 21:12
1 0

Re: Der Rassismus in Europa!

sehen sie nur die "ausbeutung" oder auch was europa auf wissenschaftlichem gebiet geleistet hat? wir haben durch den kolonialismus nicht nur genommen, sondern durch forschungsarbeit auch eine menge gegeben.

Antworten gofy
20.06.2011 17:49
1 0

Re: Der Rassismus in Europa!

warum wollen alle nach europa?
warum nicht in andere erdteile?
ohne europa würde die welt ganz schön alt aussehen.

Gast: grau
20.06.2011 09:55
4 2

laberlaber..



zu UNS passen sie nicht !

Antworten Gast: gäst
20.06.2011 13:59
0 0

Re: laberlaber..

Wer ist sie? Die Entwicklungsländer? Die Flüchtlinge? Und was heißt "nicht passen"?

Antworten JosefGott
20.06.2011 12:57
0 2

Re: laberlaber..

Österreich ist für Sie ein Entwicklungsland?

Antworten Antworten gofy
20.06.2011 17:06
0 0

Re: Re: laberlaber..

mit ihnen schon.