Moskau/Warschau/Rom/Ag. Nur Zyniker würden sagen, dass jetzt eben einfach Winter ist. Die laut Meteorologen für Anfang Februar doch ungewöhnlich intensive Kältewelle fordert vor allem in Osteuropa immer mehr Todesopfer: Allein in der Ukraine und Russland sind schon mehr als 170 Menschen erfroren, weitere Tote gab es unter anderem in Polen, in den baltischen Staaten und sogar in Italien.
In Warschau stieg die Temperatur am Freitag nur auf etwa minus 15 Grad Celsius, in Moskau auf minus 18, am frühen Morgen hatte es in beiden klar weniger als minus 20 Grad. Die Prognosen verheißen wenig Erwärmendes: Es wird kälter. Grund ist eine gewaltige „Zunge“ aus Kaltluft, die sich aus Sibirien und Zentralasien über Mittel- und Südosteuropa bis in den Ostatlantik schiebt – und weitere kalte Luftmassen rücken vorerst nach.
In der Ukraine starben in der Nacht auf Freitag mindestens 38 Menschen bei Temperaturen bis -32 Grad, meist Obdachlose (64 Leichen wurden laut amtlichen Angaben in den Straßen gefunden) und Arme, die sich keine Heizung leisten konnten. Insgesamt gibt es in der Ukraine mehr als 100 Kältetote, über 1200 Menschen werden wegen Erfrierungen in Spitälern behandelt. Beobachter vermuten, dass es noch weit mehr Opfer gibt.
Ein gewaltiger Tiefkühlschrank
Die russischen Behörden sprechen von 64 Menschen, die im Jänner erfroren sind, auch hier dürfte die Dunkelziffer höher sein. Die Fährverbindung zur Insel Putjatina vor der kälteerprobten Großstadt Wladiwostok am Pazifik war erstmals seit Jahren wegen Eis unterbrochen. Die extremsten Werte wurden in Zentralsibirien gemessen, etwa in der Teilrepublik Jakutien, deren Hauptstadt Jakutsk (270.000 Einwohner) am Freitag mit Werten zwischen -31 und -23 Grad einem Tiefkühlschrank glich.
Für die Jakuten ist das aber eher normal für diese Jahreszeit – und in Oimjakon im Osten Jakutiens, dem kältesten dauerhaft besiedelten Ort der Welt (rund 500 EW), hatte es am Freitag bis zu -51 Grad. Was aber im Vergleich zu den -68 Grad vom 6.Februar 1933 fast wieder milde ist.
In Polen erfroren seit Februarbeginn 17 Menschen, stellenweise hatte es am Freitag -30Grad. Besonders bedrohlich war die Lage für die 3500 Einwohner der masurischen Kleinstadt Dobre Miasto, die nach einem Defekt der Energieversorgung weder Strom noch warmes Wasser hatten. In Bulgarien behinderten Eisschollen die Schifffahrt auf der Donau, sie ist teils zu 60 Prozent zugefroren, teilte die bulgarische Donaubehörde mit. In Bulgarien erfroren mindestens elf Menschen.
Besser noch ein Norwegerpulli
In den baltischen Republiken starben mindestens fünf Menschen an der Kälte, auch die Skandinavier müssen wohl einen zweiten Norwegerpulli über den ersten streifen: In Nordschweden waren am Freitag bei unter -30 Grad mehrere Zugstrecken unterbrochen, da sie eingeschneit und Weichen eingefroren waren. In der Ortschaft Kvikkjokk-Arrenjarka in Schwedisch-Lappland wurden -42 Grad gemessen, der bisherige schwedische Kälterekord für heuer.
Auch die Deutschen froren, in der bisher kältesten Nacht dieses Winters von Donnerstag auf Freitag maß man in Thüringen und Sachsen -22, stellenweise -23,6 Grad, und es kühlt weiter ab. Ebenso wie in der Schweiz, wo es im gebirgigen östlichen Kanton Graubünden bis zu -27 Grad hatte; aber auch im westlichen Flachland zog es die Schweizer bei Werten um die -15 bis -17,5Grad ins warme Stuebli. Eher mild (meist zwischen etwa null und minus sechs Grad) war es in Nord- und Mittelitalien, doch führte starker Schneefall zu Verkehrschaos, etwa in Rom, wo sogar die Schulen am Freitag und heute, Samstag geschlossen wurden.
Glühwein schützt auch Affen
Indes hat ein Zoo in Kasachstan ein feines Hausmittel gegen die Kälte parat – und zwar für seine Affen: Glühwein. „Wir geben ihnen regelmäßig heißen gezuckerten Rotwein, das schützt sie im Winter vor Atemwegserkrankungen“, sagte die Chef-Veterinärin des Zoos von Karaganda, Swetlana Piljuk. Am Freitag hatte es in der viertgrößten Stadt des Landes -33 Grad.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.02.2012)
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