Schon einmal etwas von einem virtuellen Kaffeehaus gehört, das „Auf der Jagd nach Ehe und Kinderglück“ heißt? Klingt nach dem üblichen Singletreff, funktioniert aber mit einem wesentlichen Unterschied: Hier kuppelt der Staat, genauer gesagt die Fukui-Präfektur im mittleren Westen Japans. Die Gegend ist als japanisches Zentrum der Atomstrom-Industrie reich geworden, weist die größte Zahl an Doppelverdienern auf, den höchsten Frauenanteil am Jobmarkt und die geringste Arbeitslosigkeit.
Das wirkt wie hilfloser Aktionismus. Schon seit fünf Jahren forcieren die Behörden gebetsmühlenhaft eine „Gebärmaschinendebatte“ – ohne erkennbare Resultate. „Ihr Kinderlein kommet!“, dieser fromme Wunsch erfüllt sich in Japan schon lange nicht mehr. Auch der vor gut 15 Jahren verkündete amtliche „Engel-Plan“, der die Geburtenrate ankurbeln sollte, konnte die Japaner offenbar nicht zu eigenem Nachwuchs animieren. Die Geburtenrate liegt unter 1,4 Kindern pro Frau, Tendenz sinkend. Für das natürliche Gleichgewicht wären jedoch 2,1 Kinder nötig. Schon seit 2005 sterben jährlich mehr Japaner als geboren werden. Aber der in Aussicht gestellte ökonomische Anreiz – rund 3000 Euro pro Geburt – hat ebenso versagt wie die moralische Warnung vor dem „aussterbenden Volk“.
Nicht nur die Kosten laufen den Familienplanern davon. Eine Entbindung im Krankenhaus ist in Japan unter 4000 Euro kaum zu haben, und aus schwer erklärbaren Gründen kommen die öffentlichen Krankenkassen für diese Ausgabe auch nicht auf. Zu den ökonomischen Belastungen addieren sich auch gesellschaftliche Nachteile. Von einer japanischen Frau wird in der Regel erwartet, dass sie nach dem ersten Kind aus dem Berufsleben aussteigt, und vier von fünf Japanerinnen halten sich auch daran – oder bekommen eben lieber keinen Nachwuchs. Im Alltag setzt sich – wie Mariko Bando von der Tokioter Showa-Universität klagt – die Erkenntnis durch: „Kinder kriegen ist wie eine Strafe.“
Alt und immer älter. Regierung und Forscher schlagen Alarm. „Es ist kaum zu erwarten, dass wir die Geburtenrate signifikant erhöhen können“, warnte dieser Tage Chefkabinettsekretär Osamu Fujimura. „Eher werden wir weiter vergreisen.“ Die Folgen dieser Schieflage zeichnen sich immer drastischer ab, warnt das Tokioter Institut für Bevölkerung und soziale Sicherheit. Schon 2060 – so die jüngste Prognose – werden nur noch acht Millionen Japaner jünger als 14 Jahre alt sein, dafür aber 35 Millionen älter als 65, also fast 40 Prozent.
Und sie werden immer älter. Im nächsten halben Jahrhundert leben japanische Frauen und Männer durchschnittlich fast fünf Jahre länger als heute. Schon bisher „ergraute“ die fernöstliche Industrienation schneller als andere entwickelte Staaten. Künftig wird sie fast bis zur Selbstauflösung schrumpfen. Bis zum Jahr 2048, prognostizieren die Forscher, wird Japan unter 100 Millionen Einwohner fallen, derzeit sind es noch 128 Millionen.
In knapp 50 Jahren könnte ihre Zahl auf 90 Millionen sinken, ein Drittel weniger als heute und etwa der Stand der 1950er-Jahre, als Japans Generation der „Baby-Boomer“ begann, ihr Super-Wirtschaftswunder auch in die Familienplanung zu tragen. Damals waren 4,5 Kinder pro Familie die Norm.
Wer finanziert Sozialsystem? Angesichts dieser dramatischen Zahlen bekommt die Regierung in Tokio offenbar Angst. „Eine durchschlagende Steuer und Sozialreform tut Not“, fordert Premierminister Yoshihiko Noda. Er will dafür sogar „Heilige Kühe“ schlachten: Die Mehrwertsteuer soll von heute fünf Prozent bis zum Jahr 2015 schrittweise verdoppelt werden, weil bis dahin auch die Sozialkosten um rund 100 Milliarden Euro pro Jahr ansteigen.
Auch die Wirtschaft gerät in Panik. „Japan gehen die Arbeiter aus“, titelte unlängst die Finanzzeitung „Nikkei“. Der Unternehmerverband Keidanren fragt sich besorgt: Wer soll künftig die Produktion aufrechterhalten, die Beiträge für Sozialversicherungen zahlen? Es droht eine Arbeitsmarktkrise. Guter Rat wird teuer: Die Firmen müssen sich darauf einstellen, dass sich der Kampf um Talente verschärft. Bisher galt dafür die Alternative: entweder mehr Frauen einstellen oder die Alten länger beschäftigen.
Seit 2005 ist ein neues Gesetz mit dem sperrigen Titel „Zur Stabilisierung der Beschäftigung älterer Personen“ in Kraft. Bis 2013 soll die amtliche Obergrenze für alle Unternehmen über die 65 Jahre hinaus erhöht werden. Im Klartext: Alte dürfen künftig schuften bis ins Grab.

Zuwanderung unerwünscht. Bei einem absoluten Rückgang der Bevölkerung ist aber auch die bisher als unvorstellbar geltende „Arbeitsimmigration“ eine politische Option. Nur etwa 2,2 Millionen Fremde leben in Japan, etwa 1,7 Prozent der Inselbevölkerung. Das ist weit unter OECD-Durchschnitt, entspricht aber schon einer Verdopplung innerhalb der letzten 15 Jahre. Schon 2000 hatten jedoch die Vereinten Nationen errechnet, dass in den folgenden 50 Jahren mindestens 553 Millionen Ausländer zumindest vorübergehend zuziehen müssten, um den Laden am Laufen zu halten.
Das ist ebenso absurd wie undenkbar. Zum einen haben die Japaner seit jeher panische Angst vor einer Überfremdung. Zum anderen könnten solche Migrationsmassen eigentlich nur aus China kommen – just dem asiatischen Erzrivalen der Japaner.
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