KIEW/BERLIN/ROM/BELGRAD/AG. Eine Woche nach dem heftigen Kälteeinbruch in Europa sind bis Sonntag schon mehr als 280 Menschen in Eis und Schnee gestorben. Die meisten davon in der Ukraine, wo man 131 Opfer zählte – die Dunkelziffer dürfte weit höher sein.
In Serbien und Italien wiederum löste der stärkste Schneefall seit Jahrzehnten ein weiträumiges Verkehrschaos aus. Zehntausende blieben ohne Strom, Straßen und Bahnlinien wurden unterbrochen, viele Flüge entfielen. In Italien starben zwei Menschen, als Dächer unter der Last des Schnees einstürzten. Tausende Menschen blieben in Zügen und Autos stecken. In Rom und anderen Städten Italiens wurden Soldaten eingesetzt, um die Straßen von Schnee und Eis zu befreien. Winterreifen sind in Italien exotisch.
In der Hafenstadt Civitavecchia nordwestlich von Rom rammte ein Fährschiff im Schneesturm einen Hafendamm und wurde schwer beschädigt. Das Schiff hatte mehr als 300 Passagiere und Crewmitglieder an Bord, verletzt wurde niemand.
Angesichts einer zwei Meter hohen Schneedecke galt in Serbien am Wochenende in fast 30 Orten der Ausnahmezustand. Alle Volks- und Mittelschulen sowie Kindergärten sollen noch die ganze Woche geschlossen bleiben. Die Regierung rief die Bürger zur Hilfe beim Schneeräumen auf. Lawinen schlossen etwa 90 Menschen in einem Straßentunnel in Montenegro für rund 24 Stunden ein.
In der Ukraine erfroren am Wochenende wieder 30 Menschen bei einer Kälte von bis zu minus 30 Grad Celsius; in Rumänien waren es zehn Tote und damit seit Ausbruch der Kältewelle insgesamt 34. In Polen starben Samstag und Sonntag 15 Bürger im Frost, bisher sind es dort insgesamt 53 Kältetote. Drei weitere Menschen erfroren im Baltikum.
Dem harten Winter fallen europaweit vor allem Obdachlose zum Opfer. Aus Frankreich wurden am Wochenende drei Tote gemeldet. Zudem starb ein elfjähriger Bub, als er durch das Eis in einen See einbrach.
In Großbritannien reichten rund zehn Zentimeter Schnee aus, um ein Verkehrschaos auszulösen. Europas größter Flughafen London-Heathrow strich rund 380 Flüge und damit ein Drittel aller Starts und Landungen für Sonntag. In Frankreich wurde auf dem Flughafen von Toulouse der Verkehr wegen starken Schneefalls zeitweise eingestellt. Busse blieben in den Depots. Aus Belgien und der Schweiz wurden Störungen im Bahnverkehr gemeldet.
Frau Holle über Nordafrika
Die aus Sibirien stammende Kälte (sie soll diese Woche nachlassen) drang selbst bis Nordafrika vor: In höheren Lagen der algerischen Hauptstadt Algier fiel erstmals seit Jahren Schnee. Viele Kinder, die noch nie weiße Flocken gesehen hatten, stürzten begeistert nach draußen.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.02.2012)





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