Kampala. Agnes Cherob sitzt mit ihren Nachbarinnen im Schatten eines Mangobaums. Während sie Matten flechten, diskutieren sie mit leisen Stimmen die Aussagen von Rebecca Kadaga, der ersten Frau, die dem ugandischen Parlament vorsteht. Denn Kadaga betonte jüngst in einer Rede, dass weibliche Genitalverstümmelung schlecht sei, und ein Verstoß gegen Frauenrechte.
Cherob und ihre Freundinnen können damit aber nicht viel anfangen. Bei den Sebei – einer Ethnie, die im Osten Ugandas an der Grenze zu Kenia lebt – ist Mädchenbeschneidung kulturell tief verwurzelt. Cherob betont, dass sie und die anderen Frauen alle beschnitten seien und sie sich auch für ihre Tochter nichts anderes vorstellen könne. „Wenn meine Tochter nicht beschnitten ist, findet sie keinen Ehemann. Was soll dann aus ihr werden?“, meint die Mutter. Dass sie mit der Ausübung dieser Praxis gegen ein Gesetz verstößt, weiß sie nicht.
Über dieses Thema wird hier nicht viel geredet, schon gar nicht in Anwesenheit von Männern. Wenn ein Mädchen das Beschneidungsalter erreicht hat, wird das Ritual, das den Übergang vom Mädchen zur Frau darstellt, möglichst unauffällig durchgeführt. Im Unterschied zur Beschneidung bei Buben werden die Rituale an Mädchen nicht öffentlich durchgeführt oder gar gefeiert.
„Ich bin damals allein in den Wald gegangen und stundenlang im kalten Wasser des Flusses gestanden, um mich zu betäuben. Natürlich hatte ich Schmerzen, aber es ging irgendwie“, erzählt Agnes Cherob. Dass viele der Mädchen während der Prozedur verbluten und fast alle schwerwiegende Langzeitfolgen davontragen, im Alltag leiden oder später an den Folgen einer Geburt sterben, verschweigt sie. In Agnes Cherobs Welt ist Mädchenbeschneidung nicht wegzudenken.
Trotz Verbot vielerorts praktiziert
Weibliche Genitalverstümmelung ist in Uganda seit 2009 gesetzlich verboten. Wird jemand bei der Ausübung erwischt, drohen zehn Jahre Gefängnis. Stirbt das Opfer, könnte das für die Beschneiderin lebenslang bedeuten. Allerdings: Das Gesetz kommt so gut wie nie zur Anwendung, weil niemand deswegen angezeigt wird.
Der Grund dafür ist klar, meint George Kanyomoozi von der ugandischen Frauenrechtsorganisation „Action for Development“: „Zuerst müsste sich in den Köpfen der Leute etwas ändern. Obwohl das Gesetz gut ist, kann es nicht umgesetzt werden, solange der Akt an sich weder von Frauen noch Männer als schlecht angesehen wird.“
George Kanyomoozi meint, dass eine Änderung nur durch Aufklärung erreicht werden kann und durch die Zusammenarbeit mit der Bevölkerung. Das Ritual müsste hinterfragt, vielleicht sogar Alternativen angeboten werden. In Kenia etwa gab es ein Projekt der „Beschneidung durch Worte“, das in Zusammenarbeit mit der lokalen Bevölkerung entstanden ist. „Wichtig ist auch, das Bild, das die Frauen der Sebei von sich selbst haben, zu verändern. Wenn sie glauben, man ist nur dann eine Frau, wenn man beschnitten ist, werden auch ihre Töchter keine Wahl haben“, ist Kanyomoozi überzeugt.
155 Millionen leiden an Folgen
Laut UN-Kinderhilfswerk Unicef werden etwa drei Millionen Frauen und Mädchen jährlich beschnitten, 155 Millionen weltweit leiden unter den lebenslangen Folgen. Der Brauch wird in 35 Ländern praktiziert – auch wenn er vielerorts verboten ist, so wie in Uganda.
Der Internationale Tag gegen weibliche Genitalverstümmelung wird weltweit am 6. Februar begangen. Laut dem UN-Kinderhilfswerk Unicef werden etwa drei Mio. Frauen und Mädchen jährlich einer Beschneidung unterzogen – mehr als 8000 Mädchen pro Tag.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.02.2012)
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