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Chance im Fußball: Rio de Janeiro im Glück

11.02.2012 | 18:22 |  von Carl D. Goerdeler (Die Presse)

In dem Tropenmoloch steht der Karneval an. Die Fußball-WM 2014 und die Olympischen Spiele 2016 geben ganz Brasilien Auftrieb. Arme Jugendliche suchen indes ihre Chance im Fußball.

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Sein Gehalt ist mager, aber sein Herz ist voll. „Professor Nova Chanse“ steht auf seinem Schiedsrichtertrikot – das ist orthografisch falsch, aber faktisch richtig: Marco Aurelio kämpft wie ein Löwe, damit seine junge Mannschaft eine zweite, bessere Chance im Leben bekommt.

„Mein Gott, der Junge, der mir das Trikot gemacht hat, war so voller Eifer dabei, da hat er das c mit s vertauscht“, lacht der Zweimetermann, den sie in der Favela „Marquinho“ rufen, „kleiner Marco“. „Oi, Marquinho!“, „Tschau, Marquinho!“, jeder kennt ihn, jeder grüßt ihn in Mangueira – in einer der übelsten Armensiedlungen von Rio de Janeiro; sie ergießt sich wie eine Schutthalde über einen Berghang, in ihr hausen 46.000 Menschen.

Die Christusstatue auf dem Corcovado-Hügel dreht Mangueira den Rücken zu. Ohne Schutzengel traut sich keiner hierher. Marquinho von der „Escolinha de Futebol“, der „kleinen Fußballschule“, ist so ein Engel. „Fast alle meine Spieler sind Kinder aus kaputten Familien“, sagt Marquinho beiläufig. Er war ja selbst schon mit einem Fuß in der Hölle: „Als ich meinen zweijährigen Sohn mit einem Glas Schnaps erwischte, bin ich ausgerastet. Das war zu viel. Ich hatte alles drin, Speed, Crack, Koks. Ich war mit zwanzig ein Greis. Jetzt bin ich 43 und wie neu geboren!“, lacht er und zeigt zum Himmel: „Der da oben war es – und der da unten auch.“ Er zeigt auf den Ball.

Vom Gipfel der Favela schweift der Blick über die Nordzone von Rio bis zum Hafen und zum „Maracanã“-Stadion; dort wird 2014 das Finale der Fußball-WM ausgetragen, auf die das 200-Millionen-Land Brasilien schon hinfiebert, als sei sie nächste Woche.

Die jungen Götter der Fetzentruppe. „Um acht Uhr Früh pennen die schlampigen Mütter noch“, sagt Marquinho: Zeit, die Kinder zum Fußballplatz zu locken. Da steht sie, seine Fetzentruppe, barfuß oder in löchrigen Socken, Jugendliche, vor denen sich Touristen lieber hüten: die rachitische Rachel, der stolze Hanswurst, die Bohnenstange und Mateo, der nicht ganz klar im Kopf ist, weil er bei der Geburt was abgekriegt hat. Alle haben ihr Trikot an: „Mangueira“ in Rot und Grün. Sie spielen wie Schneeflocken im Wind, wenn es die hier gäbe, dribbeln wie junge Götter, oberligareif. Fouls? Nein! Sie haben das Fußballgen. Aber sie brauchen eine neue Chance. Ein neues Spiel gegen andere Burschen. Bis dahin wird geübt, geübt, geübt. Erfolg wächst auch in den Tropen nicht auf Bäumen.

„Kommt einer, der die Schule schwänzt, schicken wir ihn nicht weg. Wenn er aber im Team bleiben will, bringen wir ihn zur Schule. Der sanfte Druck wirkt. Mit Verboten kannst du's gleich lassen. Wer nicht spielt, ist arm dran!“ sagt Marquinho, der Professor der neuen Chance.


Wie eine Welle im Meer. Unten am Strand von Ipanema, der, den die Touristen kennen, geht die Sonne unter. Lebenskünstler hocken auf dem Sand. Jemand zupft an der Gitarre, ein leiser Samba. Jemand singt. „Como uma onda no mar“, wie eine Welle im Meer. „Alles fließt, alles fließt wieder und wieder. Das Leben kommt in Wellen wie das Meer, kommt und geht, grenzenlos.“ (Verse von Lulu Santos). Ricardo, der Blonde, zupft die Gitarre, der dicke Sergio imitiert den Schlagersänger Tim Maia und schlägt das Tamburin, Maria und Marcia klimpern auf Bierdosen. „Alles, was du siehst, ist schon vorbei, so wie das, was du eben vor einer Sekunde gesehen hast.“

„Posto 9“, der Treffpunkt am Ipanema-Strand. Gerüche nach Sonnenmilch, Bratenfett, Benzin und Bier, da und dort nach „Gras“. Kein Mensch kommt hierher, um allein zu bleiben. Wer Haut hat, zeigt sie. Selbst Polizisten tragen Badehosen. Rio, der Mythos einer Stadt am Meer, einer schwülen, dschungelumrankten, mit über sechs Millionen Menschen im Kerngebiet und weiteren sechs, sieben im Umland. In einer Woche startet der Karneval, Millionen tanzen in den Straßen. Und die Welt schaut auf die schönen Frauen des Landes.

„Schau dir mal diesen bum-bum an, dieses wunderbare Becken!“, röhrt der dicke Sergio angesichts einer vorbeischwebenden Schönheit und lässt sein Tamburin scheppern. Como uma onda no mar. „Vergiss es, Sergio, die Katze kriegst Du nicht, die fängt sich andere Mäuse!“, lästert Ricardo. Die Universität? Liegt auf dem Mond. Was sollen die vier Studenten ihre Nasen jetzt in die Bücher stecken, wo doch die Professoren seit drei Monate streiken und außerdem „tudo azul“, alles so wunderbar ist – die Sonne, das Meer, die Frauen, dazu eine Kokosnuss.

Wer will schon rauf zu Jesus? „Yemanha“, die afrikanische Meeresgöttin, ist die wahre Heilige von Rio. Zum Steinjesus auf dem Corcovado-Berg fahren nur Touristen. „Zu dünne Luft da oben und nix los!“, sagt Sergio. In die Floresta da Tijuca, den Nationalpark am Christusberg, gar zu wandern? „Ta doido?“ Spinnst du? Aber ein paar verrückte Kommilitonen fahren auf die Pedra Bonita und stürzen sich mit ihren Drachen hinab. In welcher Stadt kann man das sonst: tauchen und bergsteigen zugleich, wenige hundert Meter voneinander getrennt? Rio, eine ewige Sommersport-Metropole. Rudern, Segeln, Surfen, Schwimmen, Reiten, Fechten, Fliegen. In drei Shoppingcentern sogar Eiskunstlaufen. Und die Copa! Und die WM 2014! Und die Olympiade 2016!

Das alles gibt Brasilien Auftrieb und verleiht Städten wie Rio, wo Millionen in Favelas in Armut leben und wo das Verbrechen wütet, so was wie Hoffnung – die hatten viele mit dem Umzug der Staatsregierung 1960 nach Brasilia verloren. Die Brasilianer werden die Großereignisse bewältigen; sie werden nicht perfekt sein, aber man wird organisatorische Mängel mit Leidenschaft und Improvisation überspielen. Und es gibt fast eine Garantie dafür, dass die WM gelingt: Ein paar Wochen später, Oktober 2014, wird gewählt. Welche Regierung will sich da blamieren und abgewählt werden?

Und: Wer sagt, dass WM oder Olympiade Gewinn abwerfen müssen? Wer lästert über eine Party, wo das Bier ausgeht, aber die Stimmung steigt? Dann holt man halt schnell noch eine Kiste! Hauptsache Spaß. Die kritischen Kommentare werden dann in der ausländischen Presse stehen. Die aber an der Copacabana keiner liest.

Rio de Janeiro liegt an der Guanabara-Bucht. Die Gegend, in die Flüsse münden (daher der spätere Name der Stadt), wurde im Jänner 1502 vom Portugiesen Gaspar de Lemos entdeckt. Zuerst siedelten hier 1555 aber Franzosen, die 1565 von den Portugiesen verjagt wurden, die „São Sebastião do Rio de Janeiro“ gründeten. Es wurde 1680 mit ca. 4000 Bewohnern zur Kapitale der Kolonie Brasilien. Seit 1960 ist Brasilia Hauptstadt des seit 1822 unabhängigen Landes.

Etwa zwölf Millionen
Menschen leben im Großraum Rio. Nach São Paulo ist Rio nur zweitwichtigstes Wirtschaftszentrum, aber wohl der größte Touristenmagnet und die schönere Stadt. Das Wohlstandsgefälle ist enorm, bis zu zwei Millionen Menschen leben in „Favelas“, großteils rechtlosen Armensiedlungen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.02.2012)

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