Bundeskanzlerin Merkel hat sich bei einer offiziellen Trauerfeier in Berlin bei den Angehörigen der Opfer der Neonazi-Mordserie entschuldigt. Bei den Ermittlungen sei zuerst nach Mafia-Hintergründen und familiären Hintergründen gesucht worden. "Dafür entschuldige ich mich", so die Kanzlerin. Die Anschläge seien "eine Schande für unser Land".
Merkel sagte weiter, die über mehr als zehn Jahre von den Behörden unentdeckten Verbrechen seien "beispiellos für unser Land". Sie verlas auch die Namen der Getöteten. Sie bat zu Beginn ihrer Rede um schweigendes Gedenken. "Mit diesem Schweigen ehren wir die Opfer der Mordserie", sagte die Kanzlerin.
Feier auf Wulffs Initiative
Die offizielle Gedenkfeier für die Opfer der Neonazi-Mordserie fand am Donnerstagvormittag im Berliner Konzerthaus statt. Der am Freitag zurückgetretene Bundespräsident Christian Wulff hatte die Feier auf Wunsch der Angehörigen der Opfer initiiert. Anlass ist die im vergangenen Herbst aufgedeckte Mordserie an neun Migranten und einer Polizistin, die der jahrelang unentdeckt gebliebenen Zwickauer Neonazi-Zelle zugeschrieben werden.
Zu den 1200 Teilnehmern gehörten Vertreter der Regierung und des Bundestages, die meisten Ministerpräsidenten der Bundesländer sowie eine Delegation des türkischen Parlaments. Eingeladen wurden auch Schulklassen und Sportvereine, die sich im Kampf gegen Fremdenfeindlichkeit engagieren.
Angehörige der Opfer sprechen
Auch Familienmitglieder von Ermordeten kamen zu Wort. "Ich habe meinen Vater verloren. Lasst uns verhindern, dass das auch anderen Familien passiert", sagte Semiya Simsek. Auf ihren Vater war am 9. September 2000 geschossen worden, der Blumenhändler starb später im Krankenhaus. Seine Tochter erinnerte an die Belastung, lange mit dem falschen Verdacht leben zu müssen. "Elf Jahre durften wir nicht einmal reinen Gewissens Opfer sein."
Semiya Simsek sagte, es sei keine Lösung, Deutschland zu verlassen. "In meinem Land muss sich jeder frei entfalten können", unabhängig von Nationalität, Religion, Hautfarbe oder Geschlecht. Sie mahnte: "Lasst uns nicht die Augen verschließen und so tun, als hätten wir dieses Ziel schon erreicht."
Gamze Kubasik, deren Vater 2006 in Dortmund erschossen wurde, sprach von der Hoffnung "auf eine Zukunft, die von mehr Zusammenhalt geprägt ist". Dies solle eine Kerze symbolisieren, die beide junge Frauen zum Abschluss unter Beifall aus dem Saal trugen.
Der Vater des 2006 ermordeten Halit Yozgat schilderte bei der Feier, wie sein Sohn in seinen Armen starb. Ismail Yozgat dankte Bundeskanzlerin Merkel für ihre Rede. Er würdigte den am vorigen Freitag zurückgetretenen Bundespräsidenten Christian Wulff dafür, dass er diese Veranstaltung möglich gemacht habe. "Wir sind seine Gäste. Wir bewundern ihn", sagte er.
Türkischer Außenminister würdigt Gedenken
Der türkische Außenminister Ahmet Davutoglu hat die deutschen Behörden zu einer rückhaltlosen Aufklärung der Neonazi-Morde aufgerufen. Es gehe um die Auseinandersetzung mit einer Terrororganisation, erklärte er der Nachrichtenagentur AFP. Eine Aufklärung der Verbrechen und der Hintergründe sei nicht nur für die "innere Ruhe" Deutschlands nötig, sondern auch dafür, dass sich die Türken in der Bundesrepublik sicher fühlen könnten. Der Gedenktag sei für die Türken in Deutschland ein "wichtiger Tag".
Deutschlandweite Schweigeminute
Zu Mittag wurden deutschlandweit mit einer Schweigeminute die zehn Menschen geehrt, die zwischen 2000 bis 2007 von Mitgliedern der Neonazi-Zelle getötet wurden. Dazu haben Gewerkschaften, Arbeitgeber und Migrantenverbände aufgerufen. Beteiligen wollten sich neben Betrieben und Verwaltungen zahlreiche Schulen. In Berlin und Hamburg ruhte der öffentliche Nahverkehr für eine Minute. Einige Rundfunkanstalten wollen ihr Programm kurz unterbrechen. Vielerorts gab es Trauerbeflaggung.
Die Ombudsfrau der deutschen Regierung für die Neonazi-Opfer, Barbara John, äußerte die Hoffnung, dass den betroffenen Familien mit der Gedenkfeier der Eindruck vermittelt werde, "sie gehören zu uns". "Das Gefühl, in einem Land zu leben, in dem immer wieder Zeichen gesetzt werden, ihr gehört nicht hierher, das ist ein schreckliches Gefühl", sagte John im ZDF-"Morgenmagazin". Es gehe darum zu sagen, "was das Land vorhat" und wie Deutschland auch von der Denkweise her ein "offenes Land" werde.
(APA)





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