Washington. Notdürftig bedeckt mit Decken und Plastikplanen lagen die Toten, zumeist Frauen im Alter zwischen 20 und 40 Jahren, aneinandergereiht auf dem Rasen vor der Oikos University. Rund um das winzige christliche College im Industriegebiet nahe dem Flughafen in Oakland herrschte am Montagvormittag Ausnahmezustand: Sirenen heulten, Sanitäter und Polizei hatten alle Hände voll zu tun, ein Sondereinsatzkommando durchkämmte das Areal. Ein paar Meilen vom Tatort entfernt, in einem Shoppingcenter der kalifornischen Hafenstadt, stellte sich derweil der Amokläufer, nach außen hin ganz ruhig, der Polizei.
Auf seiner Flucht hatte One Goh, ein 43-jähriger US-Amerikaner koreanischer Abstammung, einen Mann erschossen und war mit dessen Auto davongerast. Danach telefonierte er mit seinem Vater und berichtete ihm von dem Massaker, das er angerichtet hatte. Die Bilanz des Blutbads: sieben Tote, drei Verletzte. Es ist die schlimmste Tragödie in einem US-College, seit der aus Südkorea stammende Student Seung-Hui Cho vor fünf Jahren an der VA Tech University in Virginia 32 Menschen erschossen hat.
Monatelang war One Goh nicht zu dem Krankenpflegekurs an der privaten Oikos University erschienen. Das christliche College, eine Gründung der „Praise to God Korean Church“ mit kaum 100 Studenten, hat sich der Theologie, der Musik und der asiatischen Medizin verschrieben. Als Goh am Montag, dem Beginn der Karwoche, plötzlich wieder auftauchte, waren seine Kommilitonen erstaunt – und noch mehr, als er ihnen befahl, sich an einer Wand aufzustellen. Als er schließlich seine Waffe gegen sie richtete und das Feuer eröffnete, rannten sie um ihr Leben. Eine Frau streckte er mit einem Schuss in die Brust nieder. Inmitten des Chaos ging der Täter, Augenzeugen zufolge, systematisch vor. In einer Nebenklasse hatte eine Frau geistesgegenwärtig das Licht abgedreht und die Tür abgeschlossen. Das hinderte den Amokläufer jedoch nicht daran, durch den Fensterrahmen zu schießen.
Kritik an freizügiger Waffenpraxis
„Es wird noch Tage dauern, bis wir das Puzzle zusammengesetzt haben“, erklärte Oaklands Polizeichef Howard Jordan. Laut ersten Aussagen zeichnet sich jedoch Rache als Motiv für die Bluttat ab. Demnach zeigte sich Goh enttäuscht vom Kurs und schlecht behandelt von seinen Mitschülern, meist Angehörigen der koreanischen Minderheit. Goh hatte zuvor in Virginia an der Ostküste gelebt. Sein Bruder, ein Sergeant der US-Armee, ist dort im Vorjahr bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen. One Goh hat Schulden angehäuft, die Steuerbehörde listete ihn als säumigen Zahler auf. Zuletzt wohnte er offenkundig bei seinem Vater.
Unterdessen flackerte – wie üblich nach derartigen Massakern – Kritik an der freizügigen Handhabe von Waffen auf. Joan Quan, die Bürgermeister von Oakland, erklärte, man müsse die Verfügbarkeit von Waffen infrage stellen. Larry Reid, der Vorsitzende des Stadtrats, stellte fest: „Es gibt einfach zu viele Waffen, und die Leute scheuen nicht davor zurück, sie zu verwenden.“
Die Diskussion über die Hintergründe des Amoklaufs wird die leidenschaftliche Kontroverse über Notwehr und Waffenrecht anhand des Todesfalls des schwarzen Teenagers Trayvon Martin in Florida weiter anfachen.
Der zweite Verfassungszusatz (2nd Amendment) gewährt in den USA prinzipiell das Recht, Waffen zu tragen. Die Ausgestaltung der Waffengesetze kommt jedoch den Bundesstaaten zu. In Arizona etwa, wo es seit 2011 sogar eine offizielle „state gun“ gibt (den Colt „Peacemaker“), dürfen Handfeuerwaffen ganz offen getragen werden – auch auf einem Uni-Campus. Andere Bundesstaaten legen das Recht restriktiver aus. Die „Nationale Schusswaffenvereinigung“ NRA ist eine mächtige Lobbygruppe und steht den Republikanern nahe.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.04.2012)
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