London/Wien. Es ist ein aufsehenerregender Fall: Ein österreichischer Arzt soll bis zu 600 Kinder gezeugt haben. Bestätigen sich diese Angaben, wäre das ein neuer Samenspender-Weltrekord.
Der gebürtige Österreicher Bertold Wiesner betrieb mit seiner Ehefrau von 1943 bis 1962 eine Klinik für Fortpflanzungsmedizin in London. Dort konnten Frauen unfruchtbarer Männer Samenspenden käuflich erwerben. Pikantes Detail: Nicht wenige der Samenspenden dürften dabei von Wiesner selbst gekommen sein. Die Klinik des Arztes richtete sich offenbar vor allem an Mittel- und Oberschichtsangehörige. Die britische Zeitung „Daily Mail“ berichtet, Wiesner habe mit dem Prädikat „intelligente Herkunft“ geworben.
Inseminations-„Industrie“
Der Mann verstarb im Jahr 1972 im Alter von 70 Jahren, seine Ehefrau starb vor elf Jahren. In den knapp drei Jahrzehnten sollen in der Klinik etwa 1500 Frauen Babys per Samenspende empfangen haben. Zwei Männer, die Wiesners Vaterschaft durch DNA-Tests belegt haben, vermuten, dass der Doktor der biologische Vater von bis zu 600 Kindern ist.
David Gollancz ist einer von Wiesners biologischen Söhnen. Er geht davon aus, dass bei etwa 20 Samenspenden pro Jahr 300 bis 600 Kinder entstehen konnten. Gollancz, der 1965 geboren wurde, hat laut „Daily Mail“ über DNA-Tests bereits elf Halbgeschwister gefunden, die ebenfalls von Wiesner gezeugt worden sind. Er selbst fände den Gedanken an seine Herkunft „eher unangenehm“, da Wiesner künstliche Insemination „auf industriellem Niveau“ betrieb. Andererseits habe er durch seine Recherchen viele interessante Menschen kennen gelernt, die sich als seine Halbschwestern und -brüder herausgestellt hätten. „Eine sehr bereichernde Erfahrung.“ Gollancz geht davon aus, dass er in Großbritannien noch viele andere Halbgeschwister hat, die noch nichts von ihrer Herkunft ahnen.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.04.2012)
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