Hunger-Konferenz: Rüffel von Fischer und Schönborn

01.06.2012 | 18:22 |  HELMAR DUMBS (Die Presse)

Der Kardinal und der Präsident forderten von der Regierung, Streichungen bei der Entwicklungshilfe zurückzunehmen. Nur Griechenland und Spanien kürzten 2011 mehr.

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Wien. Ein Agnostiker und ein Kardinal können mehr gemeinsam haben, als man vermuten würde: Am Freitag bildeten Bundespräsident Heinz Fischer und Christoph Schönborn zum Auftakt der von der Caritas organisierten Konferenz „Zukunft ohne Hunger“ eine ungewöhnliche Koalition. Gemeinsam forderten sie, dass Österreich die Kürzungen bei der Entwicklungshilfe zurücknehme. Diese Verpflichtung habe man schon deshalb, weil nach dem Zweiten Weltkrieg auch hungernde Österreicher Hilfe benötigten – und sie auch bekamen, meinte Fischer.

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Österreich hat zwar zugesagt, ab 2010 einen Anteil von 0,5 Prozent des BIPs für Entwicklungshilfe auszugeben. Derzeit hält man – nach einer Kürzung um 14,3 Prozent – bei mageren 0,27 Prozent, wie die OECD kürzlich vorrechnete. Das eigentliche Ziel, bis 2015 0,7 Prozent des BIP zu erreichen, rückt damit in weite Ferne, was Caritas-Präsident Franz Küberl zu der sarkastischen Bemerkung veranlasste: „Immer wenn die Regierungen in letzten 20 Jahren versprochen haben, die Gelder für Entwicklungszusammenarbeit zu erhöhen, haben sie sie gesenkt.“

Man nehme den Appell natürlich „sehr ernst“ meinte Außenamts-Staatssekretär Wolfgang Waldner auf Anfrage: „Die Bundesregierung hält am 0,7-Prozent-Ziel fest, dafür setze ich mich auch persönlich stark ein. Natürlich hängt die Umsetzung mit der Budget-Situation zusammen.“

Nur die Krisenländer Griechenland und Spanien haben 2011 stärker gekürzt als Österreich.

 

15 Kilometer für frisches Wasser

Keine vorteilhafte Optik, gerade angesichts der sich verschärfenden Hungerkrise im Sahel: Dort sind aufgrund einer Dürreperiode laut UN-Zahlen bereits 18 Mio. Menschen akut von Unterernährung bedroht. In manchen Landstrichen müssten Frauen – sie werden qua Tradition meist als dafür zuständig erklärt – unter sengender Sonne bei 40 Grad 15 Kilometer weit gehen, um Wasser zu holen, berichtet Ambroise Tine, Generalsekretär der Caritas Senegal.

Wäre die Situation durch die Dürre nicht schon schlimm genug, so hat sie sich durch die politischen Wirren des vergangenen Jahres noch verschärft: Nach dem Sturz von Machthaber Muammar al-Gaddafi mussten Gastarbeiter aus den Sahel-Staaten Libyen in Scharen verlassen. Damit fielen nicht nur auf einen Schlag die Überweisungen weg, die gerade jetzt so bitter nötig gewesen wären, die Rückkehrer liegen ihren Familien nun zusätzlich auf der Tasche.

Besonders prekär ist die Lage im Norden Malis, wo Tuareg-Rebellen und militante Islamisten Anfang April einen unabhängigen Staat ausriefen. Besonders für katholische Hilfsorganisationen wie die Caritas – die freilich ohne Anschauen der Religionszugehörigkeit hilft – ist die Lage extrem schwierig geworden: „Jeder normale Mensch würde da sagen: Da gehe ich nicht hin. Aber wir müssen es trotzdem versuchen, wir haben keine andere Wahl“, sagt Caritas-Mann Tine aus dem Senegal im Gespräch mit der „Presse“. Rund 200.000 Menschen wurden durch die Wirren in Mali entwurzelt, die Hälfte ist in Nachbarländer wie den Senegal geflohen, wo sie nun versorgt werden müssen.

Grafik: Die Presse

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Doch das Thema Hunger ist nicht auf Afrika beschränkt. Es gibt ihn in großer Zahl in der Asien-Pazifik-Region (dort leben laut UN-Fachmann Amitava Mukherjee 60 Prozent der Unterernährten weltweit) – und es gibt ihn auch in unserer Nachbarschaft, in Osteuropa. Moldova war einst eine Kornkammer Russlands, berichtet die dortige Caritas-Chefin Otilia Sîrbu: „Heute haben wir Probleme, die eigene Bevölkerung zu ernähren.“

Auf einen Blick

Die Caritas lud Freitag/Samstag zur Konferenz „Zukunft ohne Hunger“ nach Wien. Unter den Teilnehmern waren EU-Kommissarin Kristalina Georgieva, Ex-EU-Kommissar Franz Fischler und der prominente Entwicklungshilfekritiker James Shikwati. Diskutiert wurde über die Auswirkungen des Klimawandels, über Spekulationen mit Lebensmitteln und über die Globalisierung des Agrarhandels.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.06.2012)

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33 Kommentare
 
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Gast: bärle
03.06.2012 17:20
2

Forderungen

Bekanntlich fordern immer jene, die selbst ihr Geld ohne Arbeit erhalten. Der Präse durch den Steuerzahler, die anderen beiden durch die Kirchenbeitrags-/und Steuerzahler.

Gast: Gegen die frivole Heuchelei der privilegierten Traumtänzer
02.06.2012 22:15
6

Diese 3 Herren führen auf Kosten der Steuerzahler ein lustiges Luxusleben und dann rüffeln sie noch indirekt die ausgepressten kleinen Leute? Das ist obszön, zynisch, degoutant!

Die angeblich "mageren 0,27 %" vom österr. BIP müßten gerechterweise um die vielen Milliarden Euro jährlicher Zusatzkosten für all die Entwicklungshilfe für die Österreich okkupierenden Migranten ergänzt werden. In Relation zur angestammten Bevölkerung hatte Österreich in den letzten 2 Jahrzehnten pro Kopf den weltweit mit Abstand höchsten Zuzug an Migranten (über 1,5 Mill.!), insbes. an ungelernten, notorisch bildungs-/leistungsaversen, die jahrzehnte-/generationenlang durch jede Menge Sozialleistungen versorgt werden müssen. Würde man diese Entwicklungshilfe korrekterweise mitberücksichtigen, hätten wir wohl weltweit den mit Abstand höchsten Prozentsatz an Entwicklungshilfeleistungen.

In Erinnerung zu rufen wäre auch, daß Österreich keine Kolonialmacht war.

Trotz immenser Entwicklungshilfe seit 1945 klafft die Arm-Reich-Schere ua wegen ineffizienter Ressourcenallokation immer weiter auseinander.

Die Lösung dieses Problems ist eine Machtfrage, welche nur durch kollektive politische Druckausübung und vorübergehenden Finanzmittelentzug zur Disziplinierung gegen die Interessen der Profiteure durchgesetzt werden könnte.

Die Traummännlein Fischer, Schönborn und Küberl fordern indirekt, noch höhere Beträge weitgehend nutzlos in ein Faß ohne Boden zu schütten, was deren publicitysüchtige Verantwortungslosigkeit plus Lösungsinkompetenz manifestiert. Diese privilegierten Großverdiener fordern immer nur von den anderen (kleinen Steuerzahlern), doch was ist ihre eigene Leistung?

Gast: mactux
02.06.2012 20:15
6

verzicht

lösung:

1. wenn es der kirche nicht passt, dann soll die kirche soll was von ihren reichtümer als ausgleich verkaufen und
2. wenn es dem BP nicht passt dann soll er halt das entsprechende gesetz nicht unterzeichnen.

alles andere ist augenauswischerei

Gast: M. Wolf
02.06.2012 17:06
10

Hunger-Konferenz: Rüffel von Fischer und Schönborn

Hunger-Konferenz: Trüffel für Fischer und Schönborn

Gast: IO
02.06.2012 17:00
10

Immer schön zu sehen wie sich die Kirche als Großgrundbesitzer und "Unternehmer" der viel Geld für Opferentschädigung weltweit zahlen muß über das Steuergeld der arbeitenden Bürger bestimmen will.

Und der Heinzi, der noch nie auch nur einen Tag in der Privatwirtschaft gearbeitet hat, sollte sich prinzipiell alle Kommentare sparen.

Antworten Gast: strelnikov
03.06.2012 09:51
2

Re: Immer schön zu sehen wie sich die Kirche als Großgrundbesitzer und "Unternehmer" der viel Geld für Opferentschädigung weltweit zahlen muß über das Steuergeld der arbeitenden Bürger bestimmen will.

Hat er überhaupt jemals gearbeitet?

Gast: Free
02.06.2012 16:54
10

Der Kirche und allen Vereinen wie der Caritas alle Steuervorteile streichen und das Amt des Bundespräsidenten abschaffen.

Die Gelder könnens dann von mir aus für die Hungerhilfe verwenden.

Korruption verursacht Armut

Afrika ist nicht arm, weil dort die Tropensonne scheint. Es ist arm, weil Korruption, gewaltige Ungleichheiten und teils schwere Verstöße gegen die Menschenrechte den Menschen keine gleichen Zugangschancen zu ökonomischem Wohlstand geben.Der Leistungswillen der Menschen wird stark gebremst. Der Anreiz zu eigener Anstrengung wird genommen. Es sind Ganoven, die ihre Schöpfkellen in die Geldströme halten.Denn die 133,5 Milliarden Dollar die 2011 an staatlicher Entwicklungshilfe gezahlt wurden kommen höchstens 20 % bei den Bedürftigen an. Die weniger Begünstigten wird zunehmend menschenwürdiges Leben verweigert. Der Lebensstandard der meisten Afrikaner ist seit der Unabhängigkeit der meisten Staaten seit 1960 kontinuierlich gesunken. Autokratische Systeme, deren Potentaten in Schmiergeldern und Milliarden aus Öl, Mineralien etc. ersticken, sollten keine Entwicklungshilfe mehr bekommen.Viele junge Afrikaner werfen uns doch heute schon vor, dass wir Entwicklungszusammenarbeit in der heutigen Form nicht deshalb leisten, weil wir von ihrer Wirksamkeit überzeugt sind, sondern weil es für uns der einfachste und billigste Weg sei, Engagement gegen Armut und Ungerechtigkeit in der Welt zu demonstrieren. Volker Seitz, Autor "Afrika wird armregiert"

Hat der Schönborn schon prüfen lassen

ob sich die Vatikan-Bank an Lebensmittelspekulationen beteiligt?

Wie viel

in die Entwicklungshilfe gesteckt wurde Billionen US Dollar und dass diese fast nichts bewirkt haben, wird in der neuesten Ausgabe der Zeitschrift GEO kritisch beleuchtet.
Vor allem soll jetzt mit Studien versucht werden wie und womit die Effizienz gesteigert werden kann.
Sehr sehr empfehlenswert der Artikel.

Nach Haiti wurde viel gespendet - das Geld ist irgendwo versichert den Menschen geht es viele Jahre danach nicht besser sie leben noch immer neben den Trümmern , NGO bereichern sich und wollen gar nicht dass die Situation besser wird, weil sie dann die Spenden und somit Geld verlieren .
Bericht im ORF über den Kosovo...

Daher mit vollem Bauch bei einer internationalen Konferenz redet es sich leicht über den Hunger.


Jeder Cent verschwendet.


Eine Koalition

der Hosens....

Gast: Lecter
02.06.2012 08:59
15

Hungerkatastrophe

Wenn sich die Bevölkerung alsse 30-40 Jahre verdoppelt darf man sich nicht über diese Zustände wundern. Die Entwicklungshilfe war ist und bleibt sinnlos - dient nur den koruppten Politikern und den NGO´s.


Vielleicht...

würde es mehr helfen, Gelder in die Hand zu nehmen um die Menschen aus dieser (und anderen) klimatisch extremen Region abzusiedeln. Das wiederholt sich ja alle paar Jahre, die nächste Tragödie ist vorprogrammiert.

Re: Vielleicht...

Wohin absiedeln?
In dein Gästezimmer?

Re: Re: Vielleicht...

Afrika ist gross.....

12

Re: Re: Re: Vielleicht...

Afrika ist gross.....Das sollten aber auch die betroffenen Afrikaner wissen und einander innerhalb Afrikas bei Katastrophen unterstützen.

Kurbel?

Wenn man weiß wieviel Geld in der Entwicklungshilfe von den NGO's verbraten wird und/oder im Sumpf der Korruption verschwindet und wie wenig tatsaechlich bei den Armen ankommt, dann ist klar, dass er eindeutig im Eigeninteresse redet. Wenn Spender wüssten was wirklich mit ihrem Geld passiert, hätten sie schon ihre Unterstützung verweigert.

Gast: Problem?
02.06.2012 02:06
4

Lösung

wo ist das Problem,

A) die Kirche soll Steuern zahlen, das geht dann in die Entwicklungshilfe.

B) die Kirche könnte auch selbst Spenden, und es (ist das möglich?) beim Finanzamt geltend machen

Also, was nun A, oder B?

Gast: gast rzw
01.06.2012 23:53
7

Nicht nur fordern, Herrschaften!

"Der Kardinal und der Präsident forderten von der Regierung, Streichungen bei der Entwicklungshilfe zurückzunehmen".

Aha. Na, dann sollen die beiden mit gutem Beispiel vorangehen und jeweils eine namhafte Summe spenden. Nur groß reden ist zu wenig!

Unheimliches Duo

Ach, den gibts ja auch noch, den Kardinal Schönborn.

Wenns es um uns Christen und Österreicher geht, dann hört und sieht man von dem nichts.

Aber hier ist billig Werbung zu machen.

Der andere ist allseits sowieso als Windfähnchen bekannt.

Antworten Gast: vor dem arlberg
03.06.2012 17:18
0

Re: Unheimliches Duo

Klar gibt's den noch und seine Mama. Haben wir in Schruns schliesslich gut behandelt und versorgt.

Live-Ticker vom Kongress

Bei Interesse: Ich war heute vor Ort und habe live-getickert ;)

http://zuwi.at/events/zukunft-ohne-hunger-live/

Gast: Analyst
01.06.2012 21:11
7

Eine äußerst irreale Koalition, ...

... die Fischer sich wünscht, vo allem deshalb, weil gerade die Kirche mit ihrem Reichtum und der historischen Ausbeutung eine der Grundübel dieser Welt und für die Ungleichverteilung mit-verantwortlich ist. Man enteigne die Kirche und verteile deren immobile Güter an die Armen...!

Antworten Gast: Su Nuraxi
02.06.2012 01:52
2

Re: Eine äußerst irreale Koalition, ...

Und die Armen machen mit dem Stephansdom dann genau was? Aufessen?

 
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