Schon in den 1980er-Jahren, als die Krise noch in weiter Ferne lag, konnte man als Urlauber in Griechenland die Krise bekommen. Wenn man eine reibungslose Anreise und wohlwollende Behandlung wünschte. Wollte man über Athen auf eine Insel reisen, lernte man erst einmal Piräus, den Hafen von Athen, kennen. Richtig gut kennen. Die gebuchte Fähre ging plötzlich an einem anderen Tag. Oder sie war hoffnungslos überbucht, die Reservierung in der Hand ein Relikt aus einer anderen Welt.
„Kanena problima“, hieß es dann. Kein Problem! Und „Kátse.“ Setz dich hin, gib Ruhe. Es dauert halt ein wenig. Also erst einmal ein Bier in der Hafenkneipe, dann ein Schläfchen irgendwo im Staub. Irgendwann ging es dann weiter, zur eigentlichen Destination. Und man war schon ein wenig drin, in der Verlangsamung.
In Griechenland zu urlauben bedeutete immer, die Geschwindigkeit zu drosseln. Hier ging nie etwas schnell. Hier hat noch nie etwas funktioniert. Ließ man sich darauf ein und gab es auf zu reklamieren, konnte es ein entspannender Urlaub werden. Die Kinder durften in der Küche in die Töpfe schauen und im Garten die dünnen Katzen jagen. Und sie kamen nur, wenn die Mütter sie zum Essen riefen. Griechenland, kein Land der Folgsamen. Immer ein wenig schäbiger als andere Mittelmeerländer, aber immer ein wenig stolzer. Ihr seid gern gesehene Gäste, ließ man die Urlauber spüren. Aber es muss ja nicht sein. Es kommen auch ohne dich mehr als genug.
Größer, höher, schneller. Jahrzehntelang ist es so gut gegangen. Es kamen immer mehr Urlauber, es wurde immer mehr gebaut, es folgten Direktflüge auf die Inseln. Ganze Orte wurden im Sommer von britischen und holländischen (trinkfesten) Urlaubern eingenommen, die Preise stiegen.
Juni 2012. Die Preise sind immer noch hoch, aber es gibt weniger Leute denn je, die sie bezahlen wollen. Die Trinkfreudigen sind längst in billigere Länder weitergezogen. Rucksacktouristen wollen weiter weg, um Einsamkeit zu finden. Familien, die nicht in irgendwelchen Häfen hängen bleiben können, buchen ihren Urlaub in Länder, in denen kein Chaos zu erwarten ist.
Und längst spüren die Griechen, dass die Urlauber und ihre dringend benötigten Devisen ausbleiben. Krawalle in Athen und streikende Menschenmassen in Thessaloniki mögen zwar weit weg vom beschaulichen Leben auf den Inseln sein – aber sie passen nicht in das Griechenland-Bild der erholungssuchenden Ausländer. Auch wenn die Übergangsregierung unlängst in einer flehentlichen Aussendung beteuerte: „Griechenland ist, wie es immer war und immer sein wird.“
Doch darauf wollen sich im Sommer 2012 immer weniger Touristen verlassen – Griechenland verliert in Europa als Urlaubsdestination an Bedeutung. Große Reiseveranstalter wie Tui, Ruefa und Thomas Cook melden in Österreich Buchungsrückgänge von 20 und 25 Prozent (im Vorjahr lagen die Einbrüche bei rund sechs Prozent) und in Deutschland gar bis zu 30 Prozent. Zu sehr scheint sich bei den Deutschen das Gefühl festgesetzt zu haben, im Inselstaat nicht mehr willkommen zu sein.
Angela Merkel zählt derzeit in Griechenland zu den unpopulärsten europäischen Politikern, da sie von Athen einen strikten Sparkurs fordert. Und ist ein Deutscher im Spiel, sind die Nazi-Vergleiche nie weit. Auf den Titelseiten griechischer Zeitungen wurde sie in strenger Uniform mit Hakenkreuz-Armbinde dargestellt.
Und irgendwann... Griechenland-Urlauber sind jedenfalls treue Menschen: Sie fahren immer wieder auf dieselbe Insel, in denselben Ort, wo sie zwei, drei Wochen die Füße in den weißen Stand stecken. „Ich urlaube seit vielen Jahren in Griechenland und versuche dabei, die lokale Wirtschaft ein wenig zu fördern“, erzählt augenzwinkernd Walter Rothensteiner, Generaldirektor der Raiffeisen Zentralbank.
Die Hymne für Griechenland-Reisende, die STS vor mehr als 25 Jahren in die Hitparaden katapultierte, beschreibt noch immer das Lebensgefühl, das eingefleischte Fans in Griechenland suchen – und finden. Gert Steinbäcker, das erste S von STS, weilt derzeit – natürlich – in Griechenland. Für ein Kurzinterview mit der „Presse am Sonntag“ war der Musiker nicht zu haben, zu kostbar ist ihm die Zeit, die er braucht, um seine Gedanken umzudrehen.
Die österreichische Tourismusbranche verlässt sich auf die Loyalität der Österreicher: „Die Flüge sind gebucht. Die Kataloge liegen auf“, sagt Josef Peterleithner von Tui, „die Branche setzt weiterhin auf Griechenland.“ Und viele griechischen Vertragspartner hätten die Preise gesenkt – „sie wollen ihre Hotels lieber voll kriegen“, meint Ioannis Afukatudis von Thomas Cook.
Und darin sind sich Touristiker oder Touristen einig: Atemberaubende Strände, einsame Buchten und malerische Orte, die gibt es immer noch. Daran kann keine Eurokrise etwas ändern. Dörfer, in denen man sich keine Sorgen machen muss, ob genug Geld im Bankomaten ist. Weil es gar keinen Bankomaten gibt. Und man sowieso immer ausreichend Bargeld mitghebracht hat.
„Griechenland ist, wie es immer war und immer sein wird“ – das ist eine Drohung, aber auch ein Versprechen. In der Erinnerung ist die durch griechisches Chaos verlorene Zeit letztendlich zur gewonnenen Zeit geworden. Wer das irre Treiben in Piräus nie erlebt hat, sollte das nachholen.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.06.2012)
Der American Dream platzt an der Grenze
Liu Bolin Der ''unsichtbare Künstler''
WienDie Votivkirche, eine ewige Baustelle
SpeiseplanErobern Würmer die Teller Europas?