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"Wenn Shafiq gewinnt, gehen wir wieder auf die Straße"

17.06.2012 | 18:37 |  Von unserem Mitarbeiter MARTIN GEHLEN (Die Presse)

Unter dem Eindruck des Justizputsches von vergangener Woche wählten die Ägypter am Wochenende erstmals demokratisch ihren Staatschef. Ägypten ist nach dem Justizdrama der letzten Woche tief verunsichert.

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„Ich bin froh, dass das Parlament aufgelöst ist.“ Wessam Galaly klimpert mit seinem Autoschlüssel, ungeduldig wartet seine vierjährige Tochter Malka, dass es zurück nach Hause geht. Gewählt hat er Ahmed Shafiq, den früheren General und letzten Premier unter Hosni Mubarak. „Ich habe meine Bedenken, aber bei ihm weiß ich wenigstens ungefähr, woran ich bin“, sagt der Ingenieur, der unter der Woche in Hurghada Ferienwohnungen baut: „Shafiq kann das Land auf die Beine bringen. Bei Mohamed Mursi (dem Kandidaten der Moslembrüder; Anm.) ist mir das völlig unklar.“

Nicht viele haben sich am Wochenende in der Gamal-Abdel-Nasser-Grundschule im Kairoer Stadtteil Dokki zur Wahl eingefunden – kein Vergleich zu den erwartungsfrohen Schlangen beim ersten Wahlgang vor knapp vier Wochen. Denn Ägypten ist nach dem Justizdrama der letzten Woche tief verunsichert. Die Entscheidung des Verfassungsgerichts, das erst vor sechs Monaten gewählte Parlament aufzulösen, hat alles auf den Kopf gestellt. Mit einem Paukenschlag sind am Nil die demokratischen Uhren faktisch wieder auf null gestellt. Shafiq sei ohne Zweifel ein Mann, der dem alten Regime nahesteht, räumt Wessam Galaly ein. „Heute aber machen die Leute den Mund auf, sie lassen sich nichts mehr gefallen. Die Rückkehr zu einem Ägypten wie unter Mubarak, die wird es nie wieder geben.“

 

Zahlreiche Boykottaufrufe

52 Millionen Ägypter waren aufgerufen, erstmals einen Präsidenten demokratisch zu wählen. Vor vier Wochen lag die Beteiligung noch bei 43,4 Prozent, diesmal haben aber viele politische Gruppen zum Boykott aufgerufen. Die Generäle ließen inzwischen das Parlament versiegeln, kein Abgeordneter darf sein Büro betreten. Sie kündigten zudem die Verabschiedung von Verfassungszusätzen an, die ihnen bis zur Wahl einer neuen Volksvertretung Gesetzgebung und Kontrolle des Staatshaushaltes sichern sollen. Der neue Präsident, der wahrscheinlich heute feststeht, soll dagegen Regierung und diplomatisches Personal ernennen dürfen.

Der langjährige Mubarak-Vertraute Shafiq, der sich im Wahlkampf als Garant von Sicherheit und Ordnung und als Bollwerk gegen den Islamismus präsentierte, gab seine Stimme im Kairoer Stadtteil Heliopolis ab, ganz im Autokratenstil seines früheren Chefs. Er erschien mit einem großen Tross aus Militär und Polizei, der die wartenden Bürger beiseiteschob. Anschließend wurde das Wahllokal komplett abgeriegelt, bis der 70-Jährige durch einen Seitenausgang davongerauscht war.

Moslembruder Mursi dagegen, der sich den Wählern als Schutzpatron der Revolution empfahl, wartete in seiner Heimatstadt Zagazig im Nildelta zwei Stunden lang bei brütender Hitze, bis er an der Reihe war. Bis zuletzt versuchte er, vor allem die Ängste der Frauen und der koptischen Minderheit vor einem Marsch in den islamistischen Staat zu zerstreuen. Seine Präsidentschaft werde auf dem Islam basieren, erklärte der promovierte Bauingenieur. Gleichzeitig aber wolle er alle Kräfte der Gesellschaft miteinbeziehen und die individuellen Freiheitsrechte der Menschen garantieren.

 

Viele Arme für Moslembrüder

In Kairos Armenviertel Dar al-Salaam jedenfalls sind viele Bewohner auf Mursis Seite, auch wenn sie zugeben, dass bei der Arbeit des Parlaments bisher nicht viel herausgekommen ist. „Es geht nicht um die Islamisten, es geht um neue Gesichter, um den Neubeginn, den wir mit unserer Revolution erkämpft haben“, sagt Ahmed Ramadan.

Amin Azer wollte eigentlich zu Hause bleiben, doch die Auflösung des Parlaments hat ihn aufgerüttelt. „Ich habe Mursi und die Revolution gewählt“, sagt er. „Sollte Shafiq gewinnen, werden wir alle wieder auf die Straße gehen.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.06.2012)

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1 Kommentare

sind die

wirklich so ungebildet?
Wenn er nicht weiß, wie ein Staat unter Muslimbrüderschaft aussieht, braucht er bloß nach Teheran blicken.

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