Mit dem großen Straßenfest hätte er nicht gerechnet. „Ich dachte, da wären vielleicht 20 Leute“, sagt einer. „Na, wenn der Kardinal kommt!“, meint ein anderer. Tatsächlich, trotz mehr als 30 Grad herrscht am Samstagnachmittag in der Brigittenauer Dammstraße Gedränge. Erwartet wurden 1000 Gäste, gekommen sind wohl mehr, um auf der Straße eine Messe zu feiern.
Schließlich ist so ein Anlass rar: ein neues Kloster in der Stadt – jenes der „Kleinen Schwestern vom Lamm“. „Es ist nicht zu fassen, dass wir das erleben dürfen“, sagt Kardinal Christoph Schönborn vor dem schmucken kleinen Kloster zwischen hohen Wohnbauten, herausgeputzt mit bunten Blumen, in dem neun Schwestern leben können. Das Grundstück wurde von der Diözese zur Verfügung gestellt, der Bau durch Spenden finanziert.
„Ein Zeichen der Freundschaft“
Es ist die erste Klostergründung auf dem Grund der Stadt in diesem Jahrtausend, im 20. Bezirk haben seit zehn Jahren keine Ordensleute gelebt. In Summe gibt es in Wien derzeit 65 Männer- und 75 Frauen-Kommunitäten. Nicht alle davon leben freilich in einem eigenen Kloster. Trotz eines solchen – die Schwestern des Bettelordens leben aus Solidarität mit den Armen bescheiden. Zum „kleinen Kloster“ gehört auch eine kleine, öffentlich zugängliche Kapelle. Willkommen seien Menschen jeder Herkunft, betont man in der Erzdiözese. Schließlich leben in dem Viertel Menschen mit den unterschiedlichsten kulturellen und religiösen Wurzeln. Gerade der 20. Bezirk biete ein „weites Feld für Freundschaft und Begegnung“. Die Schwestern, so versichern sie, möchten in der multikulturellen Umgebung „ein Zeichen der Freundschaft und des Friedens Gottes“ setzen und freuen sich auf die neue Nachbarschaft.
Die „Kleinen Schwestern“ sind ein Zweig des Dominikanerordens, aus dem auch Kardinal Schönborn stammt. Seit 1996 ist er kirchenrechtlich für den Orden verantwortlich, seither ist die Gemeinschaft in Wien präsent. Bisher waren die Schwestern in der früheren Karmeliterkirche an der Taborstraße zu Hause, nun im 20. Bezirk. Während auf der Dammstraße am Samstag vor dem Kloster ein Chor aus Schwestern in ihrer schlichten blauen Ordenstracht samt blauem Schleier singt, tappen auf der anderen Straßenseite, auf dem Gehsteig, Frauen mit Kopftüchern und ihren Einkäufen auf Zehenspitzen vorbei. Flüstern, bleiben stehen, schauen sich die Messe eine Weile an.
„Wirkt beruhigend“
Den Chor hört man auch ein paar hundert Meter weiter. Dort, wo eine andere Religion dominiert, auf dem Gelände des Islamischen Kulturzentrums, entspannen an diesem Nachmittag Männer in der Sonne. Dieses Kulturzentrum hat schon für große Konflikte gesorgt, schließlich soll es um drei Etagen, samt Kindergarten und Wohnungen, aufgestockt werden. Ursprünglichen Plänen nach sollte der Bau längst beginnen. „Der Ausbau kommt sicher. Der Baubescheid ist da, es geht nur noch um die Finanzierung“, sagt ein Sprecher des Trägervereins Atib. Über die neuen Nachbarn freut er sich: „Es wäre schön, wenn man etwas zusammen machen kann.“
Seit den großen Protesten ist es in der Straße ruhiger geworden „Es gibt die üblichen Nachbarschaftskonflikte: Lärm, Parkplätze“, sagt Bezirksvorsteher Hannes Derfler. Das neue Kloster „wirkt beruhigend. Im Sinne der Optik.“ Die Schwestern beschreibt der SP-Politiker als fröhliche und lebenslustige Erscheinungen, die im Bezirk seit einer Weile präsent seien. Größere Konflikte habe es in der Dammstraße schon länger keine gegeben.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.06.2012)
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