Im Winter kann es in der U-Bahn zur Rushhour fast egal sein, an welche fremde Person man sich gerade kuschelt, Hauptsache warm. Im Sommer aber dürfte die Sache schon anders aussehen: 30 Grad Durchschnittstemperatur und die halbe Welt als Touristen zu Besuch – selbst bei kurzen Strecken oft keine entspannte Angelegenheit.
Darüber aber müssen sich die Wiener seit Samstag keine Gedanken mehr machen. Die U-Bahn fährt nämlich nicht mehr. Genauer gesagt: die U1. Die Strecke von Reumannplatz bis Schwedenplatz wird bis zum 26. August modernisiert, Fahrgäste müssen auf die Straßenbahn-Ersatzlinien 66 und 68 ausweichen. Wobei: Wo sind die Fahrgäste eigentlich? Die Bänke zwischen dem Eingang zur U-Bahn-Station Reumannplatz und dem in Wien weltberühmten Eissalon „Tichy“ sind selten so spärlich gefüllt. Ein paar Frauen, manche mit Hunden so groß wie Katzen, sitzen hier und strecken ihre Gesichter gen Vormittagssonne. Ein paar andere eilen vorbei Richtung U-Bahn – und gehen zielstrebig am Eingang vorbei zur Straßenbahnhaltestelle nebenan.
Der Infostand der Wiener Linien direkt neben der Haltestelle ist schnell entdeckt. Eine Handvoll Personen werden hier gerade beraten: Wie komme ich am schnellsten zum Schwedenplatz? Ich muss in einer Viertelstunde am Südbahnhof sein, wie soll ich fahren? In beiden Fällen wird die Straßenbahnlinie 66 empfohlen, die gerade die Straße herunter tuckert und ihre fünf Minuten Ruhm erlebt. Denn diese Linie (Therme Oberlaa bis Karlsplatz) gibt es in Wirklichkeit gar nicht, sie wurde nur für die Zeit der Bauarbeiten installiert. Normalerweise fährt hier die Linie 67 (Therme Oberlaa bis Otto-Probst-Platz).
Die Tram ist nicht überfüllt, ein Sitzplatz schnell gesichert, kein Kuscheln heute. Eine Station später, an der Quellenstraße, steigen deutlich mehr Fahrgäste ein. Ob er eh zum Quellenplatz fahre, wird der Straßenbahnfahrer von einer älteren Dame mit Einkaufskorb und Stock gefragt. Freilich, freilich, bitte einsteigen. Die nächste Station ist dann schon der Quellenplatz – und hier heißt es umsteigen zur ebenfalls kurzlebigen Linie 68 (Otto-Probst-Platz bis Schwedenplatz). Die Station ist auf der Laxenburger Straße, also ein paar Schritte entfernt; manche Fahrgäste fragen andere Fahrgäste, wo genau denn diese Ersatzlinie mit der ominösen Nummer 68 abfahre.
Der Countdown läuft
Rund 300 Mitarbeiter der Wiener Linien sind derzeit zwischen Reumannplatz und Schwedenplatz im Einsatz, um die Passagiere zu beraten. Auch eigene Broschüren („Ersatzverkehr während der U1-Modernisierung“) werden verteilt. Die Fahrgäste seien grundsätzlich gut informiert, sagt Michael Unger, Sprecher der Wiener Linien. Viele hätten sich für Alternativrouten (S-Bahn statt der Ersatzlinien) entschieden, daher sei an vielen U-Bahn-Stationen überraschend wenig los. Auf der Webseite der Wiener Linien wurde indessen ein „Countdown“ eingerichtet: die Tage (47), Stunden, Minuten und Sekunden bis zur Wiedereröffnung der U1 werden heruntergezählt.
Die Bauarbeiten wurden bewusst auf den Sommer gelegt, sagt Unger, da zu diesen Zeiten mit einem Viertel weniger Fahrgäste zu rechnen sei. Die Renovierung der über 30 Jahre alten Strecke dient der Modernisierung der technischen Anlagen; die Kosten werden auf 100 Millionen Euro beziffert. Da während der Bauarbeiten auch die Nacht-U-Bahn am Wochenende nicht fahren kann, wird wiederum die Linie 68 eingesetzt (sie fährt im 15-Minuten-Takt); zudem fahren auch die Nachtbusse N66 und N68.
Zurück zur Straßenbahn 68. Fährt die U-Bahn nicht, dann darf sie also ihr Revival feiern. Auch gut, denn so kann endlich wieder einmal die Umgebung in Augenschein genommen werden. Die Laxenburger Straße (nicht sehr spektakulär), die Bauarbeiten am ehemaligen Südbahnhof (sehr spektakulär) und der Schwarzenbergplatz (war die französische Botschaft immer schon so bombastisch?). Rund eine Viertelstunde später, am Ring entlang, hält die Straßenbahn am Schwedenplatz. Hier ist deutlich mehr los als am Reumannplatz. Der Schwedenplatz kennt kaum eine Tages- oder Nachtzeit, zu der er leer ist. Mit oder ohne U1-Sperre.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.07.2012)
U1-Sperre: Umwege ja, Chaos nein




Buntes Treiben ''andersrum''
Rad-PicknickFaltrad-Rennen wie in Le Mans
Liu Bolin Der ''unsichtbare Künstler''
WienDie Votivkirche, eine ewige Baustelle