Wien/Duö. Das älteste Ordensspital Wiens wird zum Vorreiter der Schlaganfallbehandlung. Wilfried Lang, Primarius an der Abteilung für Neurologie im Krankenhaus der Barmherzigen Brüder in Wien Leopoldstadt, steht vor einer verriegelten, provisorischen Tür. Es ist der künftige Eingang für die Rettung. Was an sich nicht ungewöhnlich ist, aber dieser Eingang ist nur für Schlaganfallpatienten gedacht: So kommen sie direkt in die Schlaganfallabteilung – der Stroke Unit – der Barmherzigen Brüder, die derzeit ausgebaut wird.
Über sieben Betten wird die Stroke Unit nach der Fertigstellung im September verfügen, sagt Lang, der als Koryphäe auf diesem Gebiet gilt. Das Herzstück der Abteilung ist der Arbeitstisch für die Ärzte und das Pflegepersonal, die Betten befinden sich rundherum, „damit der Patient immer sichtbar ist“. Eine Schwester misst den Blutdruck einer Patientin, eine Physiotherapeutin bereitet sich auf die Übungen mit einem Patienten vor.
In der neuen Abteilung befinden sich auch mehrere Räume für die Physiotherapie. Und genau das zeichnet die neue Stroke Unit aus, wie Lang erklärt. Denn hier bekommen die Patienten beides: die Akutbehandlung sowie die anschließende Rehabilitation. In Deutschland beispielsweise würden die Patienten in den Krankenhäusern mehrere Tage akut behandelt und anschließend in die Reha an einen anderen Standort geschickt. Der Nachteil: Die Ärzte und das Pflegepersonal arbeiten unabhängig voneinander: „So erfahren sie nicht, wie es mit dem Patienten weitergeht“, sagt Lang. In der neuen Stroke Unit würden die Ärzte, Krankenpfleger und Physiotherapeuten die Genesung der Patienten gemeinsam vorantreiben. Zudem bestehe nicht die Gefahr, zu früh in die Reha verlegt zu werden. „Um dieses Modell“, sagt Lang, „beneiden uns die anderen.“ Experten aus allen Ländern würden Interesse an einer Nachahmung zeigen.
20.000 Patienten pro Jahr
Österreichweit sind 35 Stroke Units in Betrieb – bei rund 20.000 Schlaganfallpatienten pro Jahr (davon 5000 in Wien). Die Voraussetzungen für eine Stroke Unit sind indessen vorgegeben: Ein Neurologe muss rund um die Uhr erreichbar sein, so auch ein Arzt für Innere Medizin. Technische Geräte wie Computertomografie sowie eine ausreichende Zahl an Fachpersonal (z. B. Physio- und Ergotherapeuten) müssen zur Verfügung stehen. Bei den Barmherzigen Brüdern sind derzeit 21 Pflegekräfte und vier Ärzte im Einsatz.
Das Spital gilt inoffiziell als erste Adresse bei Schlaganfällen in Wien, wie auch die Schlaganfallbehandlung generell in Österreich international im Spitzenfeld rangiert: „Wir haben neben Schweden das größte Schlaganfallregister der Welt“, sagt Lang. Hier werden seit 1999 die Krankheitsbilder der Patienten erfasst, das Register steht auch der Forschung zur Verfügung. Dabei ist es gar nicht so lange her, dass die Schlaganfallbehandlung professionalisiert wurde.
Bis Mitte der 1990er-Jahre wurden Patienten lediglich „nachbehandelt“, wie Lang erklärt. Nun werden sie mit Medikamenten behandelt, die Blutgerinnsel auflösen. Sie müssen allerdings in den ersten drei bis vier Stunden nach dem Schlaganfall eingesetzt werden.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.07.2012)
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