Für Aufsehen sorgte am Dienstag die Nachricht, dass das Anton-Proksch-Institut (API) als größte Suchtklinik Europas bereits im April aus finanziellen Gründen die ambulante Entzugsbehandlung für Alkoholkranke in Wien-Wieden einstellen musste. Das bedeutet das "Aus" für eine frühzeitige Therapie von jährlich rund 2000 Patienten. Beim Hauptverband der Sozialversicherungsträger und bei der Wiener Gebietskrankenkasse wurde auf den bestehenden Vertrag verwiesen. Es gab mehrere politische Stellungnahmen.
"Wir haben den ambulanten Alkoholentzug immer querfinanziert. Das können wir jetzt nicht mehr", sagte Psychiater Michael Musalek, Ärztlicher Direktor des API. Ein Kassen-Allgemeinmediziner hatte zunächst berichtet, dass für alkoholkranke Patienten das Angebot eingestellt worden sei.
32,87 Euro pro Quartal
Eigenartig: Die Reformbestrebungen der Gesundheitspolitik in Österreich gehen derzeit vor allem dahin, das im internationalen Vergleich ausgesprochen hohe Angebot an stationären Leistungen (Spitalsbetten) zugunsten mehr ambulanter Leistungen umzubauen. In Wien sprechen die derzeitigen Probleme eher eine gegenteilige Sprache. Im Jahr 2011 wurden vom API insgesamt 2032 Patienten stationär betreut, hinzu kamen rund 10.050, die ambulant versorgt wurden. Mehr als 3000 davon waren Kontakte am Ambulatorium Wien-Wieden, von denen wieder zwei Drittel einen ambulanten Entzug machten. Mit letzterem ist es vorerst vorbei.
Laut der Verwaltungsdirektorin der renommierten Institution erhielt das API für den ambulanten Alkoholentzug für ein Quartal und Patient jeweils den Gegenwert eines Krankenscheins der Wiener Gebietskrankenkasse von 32,87 Euro. Gabriele Gottwald-Nathaniel: "Ein ambulanter Entzug bedeutet in etwa drei Wochen eine intensive Betreuung, bei welcher der Patient viermal pro Woche in die Ambulanz kommt." Das ließe sich einfach nicht mit 32,87 Euro abgelten.
WGKK verweist auf laufende Verträge
Bei der Wiener Gebietskrankenkasse (WGKK) betonte Ursula Griesser, Chefin der Abteilung für Vertragspartnerverrechnung: "Es gibt laufende Verträge, den der Hauptverband der Sozialversicherungsträger für die Krankenkassen mit dem Anton-Proksch-Institut abgeschlossen hat (...). Wir zahlen im ambulanten Bereich den geltenden Tarif (Fallpauschale, Anm.) von 32,87 Euro. Darüber hinaus zahlen wir jede Psychotherapiestunde in Einzel- und Gruppentherapien." Der Vertrag wurde vom Hauptverband der Sozialversicherungsträger für alle Krankenkassen abgeschlossen.
Die Angelegenheit hat hohe gesundheitspolitische und soziale Sprengkraft. 340.000 Österreicher sind alkoholkrank - zehn Mal so viele wie "hart" Drogenabhängige. Das wären rund 68.000 Wiener. Die Zahl der Erwachsenen in Wien, die ständig Alkoholmissbrauch haben, dürfte bei 300.000 bis 400.000 liegen. Sozialminister Rudolf Hundstorfer (SPÖ) ist im obersten Leitungsgremium des API vertreten.
"Das Problem ist allen Verantwortlichen bekannt", erklärte der Ärztliche Leiter des Anton-Proksch-Institut, der Psychiater Michael Musalek. Gerade bei Alkoholkrankheit könnten "Betroffene im Frühstadium ambulant per Entzugsbehandlung versorgt werden". Man sollte nicht abwarten, bis im Spätstadium eine stationäre Aufnahme notwendig sei.
"Man kann Patienten nicht in Luft auslösen"
Wiens Ärztekammerpräsident Thomas Szekeres: "Es trifft die arme Bevölkerung, die sich Medizin privat nicht zukaufen kann. (...) Die Folgekosten betragen ein Vielfaches." Szekeres und VP-Gesundheitssprecher Erwin Rasinger verwiesen auf die geplante Gesundheitsreform, von der gerade eine Verbesserung der ambulanten Versorgung zu fordern sei. Rasinger: "Das ist ein Spiel zu Lasten einer ganz schwer und ganz komplex erkrankten Personengruppe. Man kann Patienten nicht in Luft auslösen. (...) Wenn man etwas von der Gesundheitsreform fordern kann, dann, dass sie bei eindeutig definierten Krankheitsbildern die Versorgung sicherstellt." Alkoholiker würden durchschnittlich rund 16 Jahre an Lebenserwartung verlieren.
Die Wiener VP-Gesundheitssprecherin Ingrid Korosec forderte "ambulant vor stationär" und Aktivitäten von Gesundheitsstadträtin Sonja Wehsely (SPÖ). Der SP-Gemeinderat Kurt Wagner kritisierte Korosec und verwies auf die Sozialversicherung, die für die API-Finanzierung zuständig sei.
(APA)
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