Wien/Stu/Apa. Die Neugestaltung der Mariahilfer Straße läuft nicht ohne heftige Querelen ab. Seit Planungs- und Verkehrsstadträtin Maria Vassilakou die fußgängerfreundliche Umgestaltung angekündigt hat, gehen die Wellen hoch. Zuletzt meldete sich die Präsidentin der Wirtschaftskammer Wien, Brigitte Jank, wieder zu Wort: „Der Mariahilfer Straße droht der Verlust des Einkaufsstraßen-Charakters.“ Die Filetierung in mehrere Zonen, einige davon vorrangig für Fußgänger, einige für den Autoverkehr, hätte negative Auswirkungen auf den Verkehr, auf die Wirtschaft und die Anrainer. Außerdem würde der öffentliche Busverkehr im zentralen Bereich der Mariahilfer Straße unmöglich, so Jank.
Gleichzeitig nahm auch die Wiener VP die Neugestaltung ins Visier. VP-Klubobmann Fritz Aichinger fordert einen sofortigen Planungsstopp bei den „chaotischen Umbauplänen“: „Die Mariahilfer Straße ist die bedeutendste und wichtigste Wirtschaftsstraße in Österreich, und sie funktioniert wie sie ist.“ Gleichzeitig verwies Aichinger auf eine VP-Umfrage in den Bezirken Neubau und Mariahilf (sie teilen sich die Mariahilfer Straße): Demnach hätten rund zwei Drittel der Befragten angegeben, die Einkaufsmeile solle so bleiben, wie sie ist. „Nach diesen neuen Planungen wissen die Leute nicht mehr, wie sie in die Mariahilfer Straße kommen“, so Aichinger.
Angst vor Umsatzeinbußen
Er befürchtet durch die Umgestaltung massive Umsatzeinbußen der Geschäftsleute. Als Begründung dieser Angst nimmt Aichinger das Beispiel Salzburg heran. Seit dort die Innenstadtsperre für Autos umgesetzt ist, hätten die Kaufleute Umsatzeinbußen in der Höhe von sechs Millionen Euro verzeichnet. Bei der Mariahilfer Straße dürften deshalb laut Aichinger nur einfache Adaptionen gemacht werden – fußgängerfreundlichere Gehsteige und eine moderne Beleuchtung.
Der grüne Verkehrssprecher Rüdiger Maresch erklärte allerdings, dass es sich bei allen derzeit kursierenden Modellen nur „um eine Momentaufnahme“ handle: „Die Verhandlungen zur Verkehrslösung laufen. Eine von allen getragene Verkehrslösung erfordert aber Expertise und Zeit.“
Bedenken gibt es zuhauf. Während die Wirtschaft um ihre Umsätze fürchtet, wollen die Bezirke Mariahilf und Neubau verhindern, dass der Durchzugsverkehr nur verlagert wird. Und die Wiener Linien fürchten, dass das Durchkommen für Busse künftig schwieriger wird. Aktuell sehen die Pläne für die Umgestaltung so aus:
•Fußgängerzone. Der Plan, dass die Mariahilfer Straße durchgängig eine Fußgängerzone wird, ist gestorben. Eine solche ist nun nur zwischen Kirchengasse und Andreasgasse vorgesehen. Das bedeutet, dass weder Autos noch Radfahrer durchfahren dürfen.
•Autofreie Zonen. Der Bereich Zieglergasse bis Kaiserstraße und Kirchengasse bis Karl-Schweighofer-Gasse soll autofrei werden. Das würde bedeuten, dass dort nur Radfahrer fahren dürfen.
•Querungsbereiche. Von der Otto-Bauer-Gasse ist eine Zufahrt zur Andreasgasse und Zieglergasse möglich. Ebenso von der Schottenfeldgasse zur Webgasse.
•Einbahnregelung. Sie könnte von der Karl-Schweighofer-Gasse bis zum Getreidemarkt reichen.
•Sackgassen. Im Zuge der Umgestaltung würde folgende Straßen zu Sackgassen werden: Kirchengasse, Zollergasse, Theobaldgasse/Windmühlgasse, Capistrangasse, Nelkengasse, Kollergerngasse, Esterhazygasse.
•Tempo 30. Auf umliegenden Durchzugsstraßen soll im Gegenzug Tempo 30 verordnet werden. Das würde die Gumpendorfer Straße, Burggasse und Neustiftgasse betreffen.
Fest steht bisher: Die Neugestaltung dürfte sich verzögern. Waren Umbauarbeiten ursprünglich für heuer angesetzt, dürften diese erst 2013 kommen.
„Highways“ für Fußgänger
Gleichzeitig plant die Stadt Wien, Fußgänger zu fördern, wie Grünen-Verkehrssprecher Maresch erklärt. Vorstellbar sind für ihn „Highways“ für Fußgänger, nach dem Vorbild der Rad-„Highways“. Auf eigens beschilderten Routen soll man zügig vorankommen, interessante und sehenswerte Orte Wiens passieren und gleichzeitig die Möglichkeit haben, sich in Parks oder anderen Grünzonen auszuruhen.
Die Mariahilfer Straße wird neu gestaltet. Von der ursprünglich geplanten Fußgängerzone ist allerdings wenig übrig geblieben. Der aktuellste Plan sieht dennoch deutliche Beschränkungen für den Autoverkehr vor – dagegen gibt es nun Proteste, zuletzt von der Wiener ÖVP und der Wiener Wirtschaftskammer.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.08.2012)
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