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Jedmayer: Spritzentausch und Butterbrot

06.08.2012 | 17:22 |  Von Duygu Özkan (Die Presse)

Im neuen Drogenberatungszentrum Jedmayer in Wien-Mariahilf herrscht trotz Sommerzeit Hochbetrieb. Bis zu 400 Personen tauschen dort täglich ihre Spritzen.

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Wien. Zitronengelb ist das Gebäude geworden – die Fassade jedenfalls. Drinnen sind die Räume weiß und etwas kahl. Bilder müssten noch aufgehängt werden – und ein bisschen Dekoration könne auch nicht schaden, meint Robert Öllinger. Der Geschäftsführer der Suchthilfe Wien steht neben der Spritzentauschtheke im neuen Drogenberatungszentrum Jedmayer am Gumpendorfer Gürtel in Mariahilf. Vor einem Monat, am 4. Juli, hat das 2800 Quadratmeter große Zentrum offiziell eröffnet, seit rund zwei Wochen herrscht Vollbetrieb.

Vor der Spritzentauschtheke steht eine junge Frau, die weiß, was zu tun ist. Sie schiebt eine zusammengeknüllte, weiße Tragtasche auf die kleine Vorrichtung an der Theke. Ein Mitarbeiter öffnet mit einem Hebel die Luke und die Tasche (Inhalt ist eine gebrauchte Spritze) fällt in einen „Müllkübel“. Auf diese Weise müssen die Mitarbeiter die gebrauchten Utensilien nicht angreifen. Bis zu 400 Personen tauschen hier täglich ihre Spritzen.

Einen Raum weiter befindet sich der „Versorgungsbereich“, wie Öllinger sagt. Hinter der langen Theke schenkt ein Mitarbeiter Kaffee ein, ein anderer schlichtet Lebensmittel in die Regale. Ein Toast kostet einen Euro, Butterbrot wird gratis ausgegeben. Im Café ist auch die Infoecke: Hier werden die Klienten beraten und an die verschiedenen Posten im Haus weitervermittelt. In den oberen Stöcken befinden sich die Ambulanz, die Beratungszimmer der Sozialarbeiter, die Waschküche und die Notschlafstelle mit insgesamt 26 Betten. Obwohl erst kürzlich eröffnet, ist das neue Zentrum gut besucht. Im Innenhof, wo Bänke aufgestellt wurden, trinken ein paar Klienten Orangensaft, das Regal im Raucherraum mit den Gesellschaftsspielen scheint indessen auf wenig Interesse zu stoßen. Täglich kommen 200 Personen ins Jedmayer (Spritzentausch exklusive) – bis zu 250 Klienten können aufgenommen bzw. beraten werden, sagt Öllinger.

Im Jedmayer wurden die zwei Drogenberatungszentren Ganslwirt (Mariahilf) und TaBeNo (Wieden) zusammengeführt. Viele Mitarbeiter beider Stellen lernen einander gerade kennen, auch die Klienten müssen sich teilweise auf neue Ansprechpartner einstellen. Insgesamt 40 Sozialarbeiter sind im Jedmayer tätig, so auch 19 Ärzte und medizinische Mitarbeiter. Geleitet wird die Ambulanz von Hans Haltmayer (er hat zuvor die Ambulanz im Ganslwirt geführt). Rund 100 Patienten suchen hier täglich um medizinische Hilfe an, so der Arzt. Neben allgemeinen Erkrankungen wie Kopf- oder Zahnschmerzen seien es vor allem „suchtspezifische Erkrankungen“ wie Aids und Hepatitis, die hier behandelt werden. In der Ambulanz werden auch Substitutionsmittel ausgegeben – unter Beaufsichtigung eines Krankenpflegers. Die Arbeitszimmer der Sozialarbeiter sind gleich nebenan: Sollte dem Pfleger etwas auffallen, kann er die Klienten gleich weitervermitteln.

Bisher keine Beschwerden

Anrainerproteste habe es seit der Eröffnung keine gegeben, sagt Öllinger. Auch vonseiten der Bezirksvorstehung heißt es: „Es gab Anfragen, aber keine Beschwerden.“ Die starke Polizeipräsenz rund um das Jedmayer und die U-Bahn-Station Gumpendorfer Straße habe bisher Wirkung gezeigt: Dealer seien keine aufgetaucht. Die Polizei weiß von „keinen außergewöhnlichen Amtshandlungen“ zu berichten. Aber – und darauf weisen sowohl die Bezirksvorstehung als auch die Mitarbeiter des Jedmayer hin – es ist Sommer und damit Urlaubszeit. Im Herbst, heißt es, da werde man die Lage genauer beobachten müssen.

Auf einen Blick
Jedmayer. Wiens neues Drogenberatungszentrum wurde Anfang Juli eröffnet. Auf 2800 Quadratmetern verfügt es neben einer Ambulanz über 26 Schlafstellen. Sozialarbeiter und Psychologen stehen den Drogenkranken zur Verfügung – bis zu 250 Personen können hier täglich beraten bzw. aufgenommen werden. An der Spritzentauschtheke im Eingangsbereich werden täglich bis zu 400 gebrauchte Spritzen abgegeben, rund 100 Klienten wenden sich an die Ambulanz. Im Jedmayer wurden die zwei Wiener Drogenberatungsstellen „Ganslwirt“ und „TaBeNo“ zusammengeführt. 40 Sozialarbeiter, 19 Ärzte und medizinisches Personal sind hier beschäftigt. [ Mirjam Reither ]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.08.2012)

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4 Kommentare

traurig

das ein drogenabhängiger so viel unterstützung bekommt aber ein obdachloser der durch schicksalsschläge alles verloren hat meistens durch die hände schauen kann . ....

Antworten Gast: nlr
24.08.2012 09:21
0 0

Re: traurig

auch opiatabhängige (falls Sie diese mit "drogenabhängige" meinen) haben schicksalsschläge hinter sich und sind oft obdachlos ;)


Gast: derarhidegduagritiga
06.08.2012 19:19
6 1

schade

für diesen gesichtslosen neubau musste ein biedermeierhaus der spitzhacke zum opfer fallen.

Antworten Gast: karl aller
07.08.2012 10:25
1 0

Re: schade

Welches eit Jahrzehnten in sehr schlechtem baulichen Zustand war.
Ich fordere alle Jammerer auf, doch selbst an der Erhaltung alter Bauten Hand anzulegen - Ihr werdet Euch wundern...