Wien. In Wien werden jährlich mehr gebrauchte Spritzen zurückgebracht, als die Stadt Einwohner hat: Täglich sind es bis zu 7800 Spritzen – das sind rund 2.800.000 jährlich. Bei einer oft kolportierten Zahl von 200 bis 300 Drogensüchtigen erscheint die Zahl auf den ersten Blick paradox. Allerdings, so der Wiener Drogenkoordinator Michael Dressel, handle es sich bei diesen Zahlen um jene, die zur öffentlichen Szene gehören – und sich etwa auf dem Karlsplatz aufhalten.
Insgesamt sind in Wien zwischen 10.000 bis 12.000 Personen opiatabhängig – zum Beispiel Heroin –, davon werden rund 7200 mit Substituten behandelt. Der Rest (3000–5000) konsumiert die Drogen in privaten Räumen (je nachdem, wie abhängig ein Betroffener ist, werden bis zu vier Spritzen am Tag verwendet). Das ist auch einer der Gründe, warum sowohl Dressel als auch das Büro der für Gesundheit zuständigen Stadträtin Sonja Wehsely (SPÖ) sich gegen Drogenkonsumräume aussprechen.
Eine entsprechende Forderung kam von den Grünen. Hintergrund: Rund um den Andreaspark in Neubau wurden laut „Kurier“ öffentlich Drogen konsumiert und gebrauchte Spritzen gefunden. Auch wenn derartige Vorfälle vorkämen, das Problem halte sich „in sehr engen Grenzen“, wie Dressel meint. Selbst mit der Errichtung von Konsumräumen werde man das Problem nicht auf null bringen können.
Die Räume selbst seien kein neues Modell, sondern stammen aus Städten wie Berlin, in der die Drogenszene öffentlich war – und Betroffene auch draußen auf der Straße gestorben sind: „In Wien hatten wir das nie.“ Zudem sei hier kaum ein Drogenkranker obdachlos, würde also die Substanzen meist in den eigenen Räumen konsumieren.
Aus dem Büro von Wehsely heißt es zudem, dass das Angebot für Suchtkranke ohnehin breit gefächert sei. Erst Anfang Juli hat am Gumpendorfer Gürtel das neue Drogenberatungszentrum Jedmayer eröffnet („Die Presse“ berichtete). Nur hier können Suchtkranke gebrauchte Spritzen abgeben und sich gleichzeitig auch beraten lassen (manche Apotheken nehmen auch Spritzen zurück).
Karlsplatz: Keine 20 Süchtige
Die hohe Anzahl der Rückgabe gebrauchter Spritzen ist für Dressel ebenfalls ein Anzeichen dafür, dass die Angebote von den Betroffenen gut angenommen werden. Ausgegeben wird eine frische Spritze nur dann, wenn die gebrauchte zurückgegeben wird. Damit sollen nicht nur Szenen wie im Andreaspark vermieden, sondern soll auch die Ansteckungsgefahr für Suchtkranke (Aids, Hepatitis) vermindert werden. Die Zahl der zurückgegebenen Spritzen halte sich mit 7800 konstant, so Dressel. Die Rücklaufquote betrage 95 Prozent.
Früher befand sich die Spritzentauschstelle auf dem Karlsplatz – lange Zeit der Drogen-Hotspot in Wien. Mittlerweile würden sich dort weniger als 20 Drogenkranke pro Tag aufhalten, sagt Dressler. Im Jedmayer hingegen besuchen seit der Eröffnung rund 200 Personen täglich das Tageszentrum, weitere 100 die Ambulanz, und rund 400 Drogenkranke tauschen hier ihre Spritzen aus. Gebrauchte Spritzen auf der Straße rund um das Jedmayer seien bisher nicht aufgetaucht.
10.000–12.000 Personen in Wien sind opiatabhängig.
200–300 von ihnen bewegen sich im öffentlichen Raum – etwa auf dem Karlsplatz.
7200 werden mit Substitutionsmitteln behandelt. 3000–5000 Drogensüchtige konsumieren die Substanzen in privaten Räumen.
2–4 Spritzen verwendet ein Suchtkranker täglich.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.08.2012)
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