19.06.2013 06:22 Merkliste 0

Beliebte U-Bahn: Plus 37 Prozent seit 2001

16.08.2012 | 18:22 |  ANDREAS WETZ (Die Presse)

Mit 567 Millionen Fahrgästen hat Wiens Untergrund inzwischen eine höhere Nutzungsdichte als die berühmten Metro-Netze von Paris oder London. Was die Fahrgäste stört, liegt meistens an ihnen selbst.

Artikel drucken Drucken Artikel versenden Senden Merken AAA Textgröße Artikel kommentieren Kommentieren

Wien. Man könnte fast meinen, der Mann wäre Wiens neuer Bürgermeister. Christian Nebois‘ Foto hängt derzeit in U-Bahn-Zügen, Stationen und deren Eingängen. Statt Anzug und Schnauzbart trägt er Warnweste und Schutzhelm. Nebois ist Bauinspizient und dafür verantwortlich, dass die Generalsanierung der U-Bahn-Linie U1 möglichst reibungslos über die Bühne geht.

Spätestens am 27. August fünf Uhr früh muss der gesperrte Abschnitt zwischen Karlsplatz und Reumannplatz wieder befahrbar sein. Damit das auch klappt, kümmert sich der Tiefbauingenieur derzeit täglich fast 24 Stunden um Wiens längste Baustelle.

 

Kurze Stationsabstände

Wobei: So viel weniger Verantwortung als der ebenfalls häufig plakatierte Mann aus dem Rathaus trägt Nebois gar nicht. Er und sein Team arbeiten nämlich mit schwerem Gerät an der Hauptschlagader des Personenverkehrs. Steht die U-Bahn still, steht das Leben still. 37 Prozent aller Wege legen die Bürger inzwischen mit öffentlichen Verkehrsmitteln zurück. Das ist ein internationaler Spitzenwert. Noch besser steht die U-Bahn alleine da. 567 Millionen Fahrgäste befördern die fünf Linien im Jahr. 2001 waren es 413 Millionen. Das entspricht seit damals einem Zuwachs von 37 Prozent. In kaum einer anderen europäischen Großstadt muss man enger zusammenrücken. Ja, die Metros von Paris (1,4 Mrd.), London (1 Mrd.) und Madrid (634 Mio.) bewegen zwar insgesamt mehr Personen. Dafür sind die Netze mit 215, 402 und 293 Kilometern ungleich größer als jenes von Wien (74 km). Das trifft übrigens auch auf die Einwohnerzahlen zu.

Warum die Wiener gerne in den Untergrund gehen, hat mehrere Gründe. Experten nennen u.a. die Trassierung. Auch die vergleichsweise kurzen Abstände zwischen den Stationen (im Schnitt 730 Meter) sorgen für Kundenfrequenz. Zum Vergleich: In London sind es 1,5 Kilometer.

Ein weiterer Faktor für die Beliebtheit sind die Ticketpreise. Während die Wiener Linien bei Einzelfahrscheinen kräftig zulangen, sind Vielfahrer spätestens seit heuer konkurrenzlos günstig unterwegs. 365 Euro kostet die Jahreskarte, die ja auch zur Nutzung von Bahn, Bus und Straßenbahn berechtigt.

Kostendeckend ist all das freilich nicht. 400 Mio. Euro schießt die Stadt jährlich aus dem Steuertopf allein für den Betrieb zu. Der U-Bahn-Bau wird zu jeweils 50Prozent von Bund und Stadt getragen. Im Vorjahr waren das pro Partner 280 Mio. Euro. Und auch Wiens Unternehmen zahlen seit 42Jahren in das System ein. Bis Mai waren pro Arbeitnehmer und Kalenderwoche 0,72 Euro „Dienstgeberabgabe“, auch U-Bahn-Steuer genannt, fällig. Mit 1. Juni erhöhte sich der Betrag auf 2 Euro. Bei 777.174 unselbstständig Erwerbstätigen entspricht das einem jährlichen Aufkommen in der Höhe von 80,8 Mio. Euro.

Allerdings stößt der Siegeszug der U-Bahn auch auf Kritik. Als die Grünen noch in der Opposition waren, bemängelten sie, dass zugunsten des U-Bahn-Baus das Straßenbahnnetz verkleinert wurde. Die Folge: Seit 2001 sanken die Fahrgastzahlen der Tramway um fünf Prozent auf 194 Mio. jährlich.

 

Ärgernis Gratiszeitungen

Verkehrsplanern wie dem Vorstand des Instituts für Verkehrswesen an der Boku, Gerd Sammer, fehlt es bis heute an Effizienz. Er ist der Meinung, dass das Milliardeninvestment U-Bahn noch beliebter wäre, wenn Nutzer des Kraftverkehrs mit restriktiven Maßnahmen gezielt auf öffentliche Verkehrsmittel umgelenkt würden. „Push-and-Pull-Strategie“ heißt das dann in der Sprache der Wissenschaft.

Und: Im Gegensatz zu den alten Trassen standen die neuen immer wieder im Fokus der Kritik. Die Verlängerung zum Flugfeld Aspern wurde mehrfach als „Geisterbahn“ bezeichnet. Dass die U2 am neuen Hauptbahnhof vorbeifährt, will auch niemand verstehen. Immerhin, so Zyniker, bekommt die Therme Wien im Nirgendwo von Oberlaa eine Station.

Die Mängel aus Sicht der Fahrgäste sind meistens zwischenmenschlicher Natur. Laut einer Umfrage zur Wiener Charta sind die größten Ärgernisse in Wiens U-Bahn grantige Gesichter, Fast-Food-Essensreste und zurückgelassene Gratiszeitungen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.08.2012)

Testen Sie "Die Presse" 3 Wochen lang gratis: diepresse.com/testabo

Mehr aus dem Web

86 Kommentare
 
1 2 3
Gast: Wasserlaeufer
16.08.2012 21:54
14 8

Sitzplaetze gibt es keine mehr

dafuer kann man alle moeglichen
Aslylantensprachen lernen.

Fuer alle auswandernden Oesterreicher
sicher ein Vorteil ;-)

Antworten Gast: Kibietz
17.08.2012 02:00
3 0

Re: Sitzplaetze gibt es keine mehr

Man kann auch ausgeraubt oder niedergeschlagen werden oder muß den üblen Körpergeruch mancher Fahrgäste und den meist mürrischen Gesichtsausdruck der arbeitenden Bevölkerung ertragen.

Antworten Antworten Gast: nanie
17.08.2012 18:18
0 1

Re: Re: Sitzplaetze gibt es keine mehr

Habe ich alles noch nie erlebt.

Gast: Das ist relativ zu sehen!
16.08.2012 21:20
8 9

Der Erfolg erfolgte Zwangsweise!

Schließlich wird mit jedem Meter U-Bahn jede mögliche alternative unmöglich, die Perversität an zwei Fällen

Untere Mariahlifer Straße: Mit der U-Bahn wurde der 52/58 eingestellt, damit wird der gesamte Lokalverkehr in den Tunnel verlagert, das funktionierte solange, bis erkannt wurde, der Fußweg ist schneller, und das wiederum führte zu dem Zustand das Gehsteige verstopft sind, und die Auslastung an diesem Abschnitt selbst zu Randverkehrszeiten bei über 100% liegt.

U6/Linie 8: Selbst für die Fahrt von einer Station gibt es keine Alternative, und das führt detto zu einer Auslastung von über 100%!

U-Bahnen bringen dort Vorteile wo mehr als 6 Station zurückgelegt werden müssen, alles darunter verlängert die Fahrtzeit, gegen über der Bim, die Verlängerung nach Oberlaa bringt überhaupt nur 5min Zeitersparnis, durch den höheren Stationsabstand führt das die meisten gegenüber heute in Zukunft mehr Zeit verbrauchen!

Und die Autofahrer sekierne um die U-Bahnen noch mehr Vollzustopfen, irgendwann reicht es endgültig, sie ist schon Vollgestopft genug, so vollgestopft das nicht mal mehr vernünftig Kinderwagen mitgenommen werden können! Es braucht Erleichterungen damit endlich U-Bahn Benutzer auf das Auto umsteigen!

1 2

Re: Der Erfolg erfolgte Zwangsweise!

Boah was für ein Stuss

Antworten Gast: Kibietz
17.08.2012 02:02
2 1

Re: Der Erfolg erfolgte Zwangsweise!

Bin bereits umgestiegen aufs Auto und habe dadurch meine Lebensqualität deutlich verbessert.

Antworten Antworten Gast: dufetter
17.08.2012 18:19
0 1

Re: Re: Der Erfolg erfolgte Zwangsweise!

aber Ihrem Körperumfang verdoppelt!

"Dass die U2 am neuen Hauptbahnhof vorbeifährt, will auch niemand verstehen"

Der Satz hat mich ganz schön verwirrt. Zuerst dachte ich, seit wann es denn plötzlich geplant sei, dass die U2 am Hauptbahnhof nun doch vorbeifährt (ugs. für hält am Hauptbahnhof an), da die zum Hauptbahnhof am nähesten gelegene Station doch erst Gudrunstraße sein wird.
Dann hab ich nochmals drübergelesen und es verstanden: Der Satz ist so gemeint, dass die U2 im wahrsten Sinne des Wortes am Bahnhof vorbei fährt.

Gast: 4FE
16.08.2012 20:18
14 8

Wer in Wien noch Auto fährt

ist mE verrückt. Oder einer der unnötigen Autopendler....

Antworten Gast: Ohne Auto geht's nicht!
16.08.2012 22:52
4 0

Re: Wer in Wien noch Auto fährt

Oder er wohnt in einer Gegend in der selbst der Autobus ein Fremdwort ist, nach Hütteldorf gibt's ebenso ein paar nette Gegenden wie nach Liesing. Dort ohne Auto auszukommen, das sehe ich mir gerne an! Es wird noch perverser wenn dann in diesen Gegenden neue Wohnsiedlungen hochgezogen werden ohne vernünftige Anbindung an das öffentliche Verkehrsnetz.

Klar kann man es mit Autobus machen, solche Wohngegend sind nur sehr beliebt bei Jungfamilien, viel Grün für ihre Kinder, die Kleinigkeit das in eine depperten Bus nur ein Kinderwagen Platz hat, ist sicher nur dann kein Problem wenn in einer 5000 Wohneinheit umfassenden Siedlung nur ein Familie mit Kleinkindern dort lebt!

Antworten Antworten Gast: nichtunbedingt
17.08.2012 18:21
0 0

Re: Re: Wer in Wien noch Auto fährt

Man muß nicht unbedingt am A der Welt wohnen.

 
1 2 3