Wien. Spricht man dieser Tage (Jahre schon, genau genommen) in Wien über große Bauvorhaben, fällt ein Name gewiss: René Benko. Wenig überraschend also, dass die Signa, die Holding des Tiroler Investors, nun auch auf dem Areal des neuen Hauptbahnhofs Grund gekauft hat. Benko will dort zwei Türme bauen, einer davon soll 88, der zweite 60 Meter hoch sein, wie gestern, Dienstag, bekannt gegeben wurde.
Der höhere der beiden Türme werde laut Plan, gemeinsam mit dem ÖBB-Turm, der die Konzernzentrale der Bahn beherbergen soll, den Hauptbahnhof flankieren, dazwischen werde sich das Rautendach spannen, erklärt Hans-Christian Heintschel vom Projektteam Hauptbahnhof der Stadt. Die Signa hat dazu ein Baufeld direkt am Wiedner Gürtel, aber schon im Bezirk Favoriten, gekauft. Über den Preis wurde Stillschweigen vereinbart. Die Arbeiten an den Türmen sollen 2014/15 beginnen, dann werde „jedenfalls“ drei Jahren lang gebaut, so eine Signa-Sprecherin. Frühestens 2017 also sollen in diesen Türmen Büros, Geschäfte und ein Hotel eröffnen. Die Signa will mit den Türmen einen „städtebaulichen Akzent“ setzen. Wie diese aussehen werden, wisse man noch nicht, heißt es. Schließlich stehen die Ausschreibung und der Architektenwettbewerb noch bevor.
Von der Peripherie zum Zentrum
Zweifellos aber markieren die Bauten um den neuen Hauptbahnhof den Beginn einer neuen Ära des alten, abgelegenen Arbeiterbezirks. Mit 177.000 Einwohner wäre Favoriten die viertgrößte Stadt Österreichs – wenn es nicht der zehnte Bezirk von Wien wäre. Dort wohnen mehr Menschen als in Salzburg oder Innsbruck. Und dort steht der größte Wandel seit Jahrzehnten bevor. Auslöser dieser Veränderung, die dem Arbeiterbezirk mehr Urbanität, Aufschwung und neues Leben bringen sollen, ist der Hauptbahnhof. Dort werden derzeit Kräne über der riesigen Baustelle bewegt. Lkw um Lkw fährt vorbei, bringt Erde und Baumaterial von und zum Hauptbahnhof. Seit wenigen Tagen fahren Züge durch den größten Bahnhof Österreichs. Sie halten allerdings erst mit dem Fahrplanwechsel im Dezember. Dann nimmt der Hauptbahnhof offiziell seinen (Teil-)Betrieb auf.
Noch ist das Gebiet um den Bahnhof Brachland. Aber es soll eine Metamorphose geschehen, eine Verwandlung vom Arbeiterbezirk an der Peripherie zu einem zentrumsnahen, urbanen Bezirk, hoffen Stadtplaner. Durch den Hauptbahnhof wird der Zehnte an die innerstädtischen Bezirken angebunden. „Eine Barriere, die es seit 100 Jahren gegeben hat, ist nun weg“, formuliert es Josef Kaindl, Vize-Bezirksvorsteher von Favoriten: „Die Bezirksteile können zusammenwachsen.“
Das Ende dieser Barriere bedingt der Hauptbahnhof dadurch, dass er mehrere Verbindungsstrecken zwischen der Wieden und Favoriten zulässt. Das Gebiet wird durchlässiger. Und als Motor der neuen Urbanität fungiert ein neues Stadtviertel beim Bahnhof, das in Bau ist: das Sonnwendviertel. Zwischen Gudrunstraße und Sonnwendgasse entstehen auf dem rund 70 Hektar großen Areal Wohnungen für 13.000 Menschen, Büro- und Geschäftsflächen. Sie werden um einen neuen, acht Hektar großen Park angeordnet – dem Helmut-Zilk-Park. 2014 sollen die ersten etwa 1000 Wohnungen bezogen werden.
Gesucht: Städtische Identität
„Es gilt in diesem neuen Stadtteil eine andere Bevölkerung anzuziehen – es soll eine Durchmischung entstehen“, erklärt Kaindl: „Das ist gut für den Bezirk.“ Nachsatz: „Ich hoffe, dass sich im Bezirk eine städtische Identität entwickelt.“ Attraktiv soll das Gebiet auch aus einem anderen Grund werden. Im Sonnwendviertel entsteht der zweite Bildungscampus der Stadt. 1100 Kinder und Jugendliche bis 14 werden dort in elf Kindergartengruppen und 33 Ganztagsklassen unterrichtet. Dieses Angebot soll auch neue Bevölkerungsschichten ansprechen, und weit über die Bezirksgrenzen hinaus strahlen. Und weit in den Bezirk hinein.

Davon erfasst soll vor allem die Fußgängerzone Favoritenstraße werden. Die hat schon bessere Zeiten gesehen. Mit dem neuen Hauptbahnhof soll sich alles ändern. Die Favoritenstraße werde an den Hauptbahnhof angebunden – „durch die ÖBB-Passagiere wird mehr Kaufkraft kommen“, ist Kaindl optimistisch. Das ganze Gebiet von der Favoritenstraße bis zum Sonnwendviertel werde profitieren. Damit das funktioniert, sei es wichtig, in diesem Gebiet die Erdgeschoße zu beleben – mit Boutiquen oder Cafés.
Das neue Gebiet soll auch verkehrsmäßig gut erschlossen werden. Derzeit ist geplant, die U2 vom Karlsplatz über den Rennweg, St. Marx/Eurogate und Arsenal zur Gudrunstraße zu führen. Etwa 2019 könnte diese Linie in Betrieb geben. Außerdem soll der neue Stadtteil in sechs Minuten von der U1-Station Keplerplatz erreichbar sein.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.08.2012)
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