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Wieden: Der vergessene Bezirk im Schatten des Hauptbahnhofs

21.08.2012 | 18:16 |  EVA WINROITHER (Die Presse)

Für den neuen Hauptbahnhof wird der zehnte Bezirk - auch weil der politische Wille da ist - von oben bis unten umgekrempelt. Der vierte Bezirk geht dabei fast unter. Große Planungsmaßnahmen gibt es nicht.

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Wien. Nein, es ist wahrlich nicht die schönste Ecke Wiens. Wer durch den Bahnhofstunnel auf dem Südtiroler Platz seinen Weg in die Freiluft findet, sieht zuerst einmal eine Kebabbude, ein Wettcafé, ein weiteres heruntergekommenes Café und hässliche Häuserzeilen. Dreht er sich ein bisschen nach links oder rechts, riecht und hört er den stark befahrenen Gürtel oder sieht Ramschgeschäfte am unteren Ende der Favoritenstraße.

Das wird aber bald der erste Blick sein, den Touristen von Wien haben werden. Mit der Neueröffnung des Hauptbahnhofes werden in Zukunft hier die Fußgänger in den vierten Bezirk geleitet. Ein weiterer Übergang befindet sich in der Argentinier Straße und der Mommsengasse. Doch während im zehnten Bezirk mit dem neu gestalteten Sonnenwendviertel alle Energie darauf verwendet wird, ein neues Stadtviertel – mit neuen Bürotürmen, Geschäftsflächen, guten öffentlichen Anbindungen – zu planen und dafür auch die Arbeitsgruppe „Quartier Belvedere“ ins Leben gerufen wurde, passiert im vierten nicht viel.

Wenige Pläne vorhanden
„Es ist verwunderlich, dass es bei so einem großen Planungsprojekt noch keine Planungsmaßnahmen für das Grätzel gibt“, sagt Christian Knapp vom Architekturbüro Kohlmayr, Lutter, Knapp. Der junge Architekt hat gemeinsam mit seinen beiden Kollegen erst vor Kurzem den Vorsitz des Vereins der Kaufleute für den Bereich Obere Wieden übernommen. Sie haben sich zum Ziel gesetzt, den vierten Bezirk rund um das Elisabethviertel wiederzubeleben. „Das ist ja der erste Eindruck, den viele Gäste von Wien haben.“ Im Detail stellt sich Knapp bessere Geschäfte vor, aber auch eine Begrünung der Häuserzeilen oder eine breite Querung für Fußgänger sind ihm wichtig. Dem Stadtteil eine neue Identität zu geben, das ist seine Vision. „Dabei ist das Wichtigste das Leitbild. Man muss wissen, wofür der Ort steht“, sagt er.

Dass er in Wahrheit stadtplanerische Arbeit verrichtet, die weit über seinen Aufgabenbereich hinausgeht, ist klar. Ihm ist es aber wichtig einen Schritt weiter zu denken. In der Bezirksvorstehung will man die fehlenden Planungsmaßnahmen gar nicht erst abstreiten.

„Wir haben da sicherlich Aufholbedarf“, sagt Barbara Neuroth, stellvertretende Bezirksvorsteherin (Grüne). Wobei ihre Hauptsorge vor allem dem Verkehr gilt: Wo kommt welche Busstation hin? Wird es einen durchgehenden Radweg geben? Haben Fußgänger ausreichend Platz? Wird es genügend Bäume geben? Zumindest auf die letzte Frage lautet die Antwort Nein, so Neuroth. Dass es im ganzen Hauptbahnhof aller Voraussicht nach kein Postamt geben wird, ärgert sie zusätzlich.

Alles dreht sich um den Verkehr Weiters habe die SPÖ im Rathaus einen Antrag auf eine Sozialraumanalyse gestellt. Damit sollen die Bedürfnisse der Reisenden ermittelt werden. Wer geht wohin, mit welcher Zielsetzung und wo werden Sitzgelegenheiten benötigt? Viel Platz für Passanten – da ist sie sich sicher – wird es auf dem Südtiroler Platz und in der Umgebung, auch in Zukunft nicht geben. „Alles ist dem Verkehr untergeordnet.“

Und auch sonst scheint im vierten Bezirk stadtplanerisch wenig zu passieren. Als Kommunikationsinstrument bieten die ÖBB derzeit einzig ein Bezirksforum an, in dem Anrainer, Politiker und Geschäftsleute informiert werden. „Ein richtiges Partizipationsprojekt ist das aber nicht“, sagt Neuroth.

Dass der Hauptbahnhof den vierten Bezirk trotzdem nachhaltig verändern wird, hier sogar bald eine gute Lokal- und Gastroszene entstehen könnte, davon ist Hans-Christian Heintschel, Sprecher der Stadt Wien für den Hauptbahnhof überzeugt. „Der Gürtel wird durch den Hauptbahnhof ja aufgewertet“, sagt er. Nachsatz: „Auch wenn unsere Projektkonzentration auf dem zehnten Bezirk liegt.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.08.2012)

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