Es ist das größte Modell, das die Studierenden der Modellbauklasse der TU je gebaut haben: Blütenweiß steht das dreieckige Gelände mit den 70 Häusern darauf im Zentrum der Werkbundsiedlungsausstellung im Wien Museum. Eine Farbtafel daneben erinnert an die ursprüngliche Farbigkeit. Noch 64 der Häuser sind heute erhalten, in teils schlimmem Zustand. Dieses Modell, ja die ganze Ausstellung sollen dafür entschädigen, dass man heute nur noch schwer einen Eindruck bekommt, was Mastermind Josef Frank im Sinn hatte, als er 1929 begann, diese Musterhaussiedlung zu planen – die Vision eines sozialen Wohnbaus jenseits der „roten Volksburgen“, der die Individualität der Bewohner hochhält.
Für dieses von den Wienern damals u. a. „spinnertes Dorf“ genannte Vorhaben schaffte er damals fast Unmögliches: trotz Weltwirtschaftskrise Geld aufzutreiben. Die Kontrahenten Josef Hoffmann und Adolf Loos gemeinsam zur Mitarbeit zu gewinnen. Und den bereits nach Hollywood ausgewanderten Moderne-Star Richard Neutra, von dem hier das einzige Gebäude in seiner Heimat steht. Dem Starprinzip verweigern sich die beiden Kuratoren Andreas Nierhaus und Eva-Maria Orosz allerdings: Jedes Haus, ob von einem der renommierten oder der vielen auffällig jungen Architekten wird gleichrangig mit einer historischen Außen- und Innenansicht abgebildet. Überhaupt wird ein Schwergewicht auf die Einrichtung gelegt, die heute vergessen, damals aber als mindestens so bedeutend wie die Architektur gesehen wurde.
So sind einige der von avancierten Wiener Einrichtungsfirmen ausgestellten Möbel zu sehen, man bekommt einen Eindruck dieses gemäßigt modernen, gegen radikale Funktionalität ausgerichteten neuen Wiener Wohnens. Dessen angestrebte Vorbildwirkung lief damals allerdings durch Wirtschaftskrise und politische Wende ins Konservative, später Nationalsozialistische, ins Leere. Ein Drittel der hier engagierten Architekten, darunter Josef Frank, musste emigrieren, viele Bewohner mussten ihre Häuser verlassen. Die Ausstellung zeigt exemplarisch das Schicksal der jüdischen Familie Schanzer, die mit Loos verschwägert war. sp
("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.09.2012)
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