Wien. „Im Stuwerviertel ist es derzeit ganz schlimm, so arg wie noch nie.“ Mit diesen Worten beschreibt Wolfgang Seidl, FP-Bezirksparteiobmann von Wien-Leopoldstadt, den Straßenstrich in diesem Teil des 2. Bezirks. Eine Situation, die es – rechtlich – gar nicht geben dürfte: Denn seit Ende vergangenen Jahres ist die Straßenprostitution offiziell nur noch in einem bestimmten Gebiet des Praters (ebenfalls im 2. Bezirk und seit Juni dort auch nur noch in den Nachtstunden) und in Auhof im äußersten Westen Wiens erlaubt. Auch wenn das neue Prostitutionsgesetz nun seit einem Dreivierteljahr in Kraft ist: Die Probleme mit der Straßenprostitution dauern an.
„Bewohner berichten mir, dass sie tagsüber auf dem kurzen Weg vom Ilgplatz zur Stuwerstraße von den oft noch minderjährigen Prostituierten angesprochen und fast schon bedrängt werden“, sagt Seidl. Die Polizei sei zwar präsent, „aber wenn sie eine Prostituierte kontrollieren, laufen die anderen weg und warnen ihre Kolleginnen.“ Jeder, der dort wohnt oder mit der Bevölkerung spricht, wisse „über diese Zustände Bescheid – nur unser Bezirksvorsteher nicht“, kritisiert der FP-Bezirkspolitiker.
„Mir ist die Belästigung im Stuwerviertel sehr wohl bekannt, sie ist über die Sommermonate etwas stärker geworden“, kontert Bezirkschef Gerhard Kubik (SPÖ). Aber auch er ist mit der Situation in dem Bezirksteil nicht zufrieden: „Im Herbst wird es darüber wieder Gespräche geben. Es kann nicht sein, dass wir die rote Meile Wiens bleiben.“ Im Prater, wo die Straßenprostitution in den Nachtstunden erlaubt ist, funktioniere die Regelung. Dem stimmt auch Seidl zu, meint aber: „In der Nacht stehen die Frauen dort in Scharen, es gibt eine enorme Verdrängung.“ Dennoch: Die FPÖ fordert ein generelles Verbot der Straßenprostitution, auch der nächtliche Strich im Prater müsse verboten werden.
Die Grünen wiederum sind der Ansicht, jene Regelung, die das „Anschaffen“ im Prater nur noch nachts erlaube, löse die Probleme nicht. „Diese zeitliche Beschränkung führt nur zu einer Verlagerung“, etwa ins Stuwerviertel, aber auch in die Wohnungsprostitution. „Gerade dort sind die Frauen aber dann für Streetworker und Polizei nicht erreichbar.“ Ziel müsse es daher sein, genügend sichere Bereiche, wie etwa behördlich bewilligte Lokale, zu schaffen. Das werde deshalb zentrales Thema bei den Gesprächen im Herbst sein, sagt Sozialsprecherin Birgit Hebein.
Dass die (unerlaubte) „Anbahnung in Wohngebieten“, wie es im Gesetz heißt, besonders in der Leopoldstadt stattfindet, zeigen die Zahlen der Polizei. Im Monat Juni gab es in den Bezirken 2 und 20 (sie werden bei polizeilichen Auswertungen gemeinsam erfasst) insgesamt 310 Anzeigen – im Schnitt also knapp mehr als zehn pro Tag. „Fast alle dieser Anzeigen kommen aus dem Stuwerviertel“, wie ein Polizeisprecher erklärt. Zum Vergleich: Im Mai 2012 schrieb die Polizei 220 Anzeigen, um 90 weniger. „Im Sommer ist es mehr geworden“, heißt es bei der zuständigen Polizeiinspektion. Zuletzt hat sich die Zahl der Anzeigen gegenüber Juni wieder leicht verringert – im August waren es exakt 253. Insgesamt gab es in den Sommermonaten 820 Anzeigen. Alle von der „Presse“ befragten Politiker meinen jedoch, die Polizei habe ihre Kontrolltätigkeit in den vergangenen Monaten verstärkt.
Frauenberger: Kritik an Bezirken
Die im Herbst 2011 von SPÖ und Grünen vorgeschlagenen „Erlaubniszonen“ auf dem Gürtel und im 9.Bezirk waren auf heftige Ablehnung gestoßen. „Leider hält sich der Wille der Bezirke, sichere Plätze für Prostituierte zu schaffen, in Grenzen“, erklärte die zuständige Stadträtin Sandra Frauenberger (SPÖ) Ende Juni im Landtag.
Als eine dieser „Erlaubniszonen“ war auch ein Bereich beim Neubaugürtel – dort ist der Grüne Thomas Blimlinger Bezirksvorsteher – im Gespräch. „Die Position der Grünen ist schon komisch: Sie haben dort den Bezirksvorsteher, der sich dafür einsetzen könnte“, argumentiert Kubik. Replik von Hebein: Genau dort gebe es Bedenken. Wegen eines von der EU geförderten Mädchenspielplatzes.
Straßenprostitution ist im 2. Bezirk nur auf wenigen Straßen im Prater, und dort auch nur noch nachts, erlaubt. Dennoch beschweren sich Anrainer über „Anbahnungen“ von Prostituierten im benachbarten Stuwerviertel. Von Anfang Juni bis Ende August gab es 820 Anzeigen. Im Herbst soll es wieder Gespräche über das Problem geben.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.09.2012)
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